Alte Kunst darf kritisch betrachtet werden, aber man sollte sie vorher auch verstehen. Leider wurden die richtigen Gedanken so unerträglich vorgetragen, dass kaum jemand zuhören wollte. Auch das gehört zur österreichischen Debattenkultur.
von Mark Elias Napadenski und Nathan Spasić
Mark: Wie fandest du den Sommer?
Nathan: Fad.
Mark: Österreich hatte mit 41,2 Grad einen neuen Hitzerekord. Die Städte glühten, die Böden trockneten aus und in halb Europa brannte es.
Nathan: Eben. Jeden Sommer hören wir, dass er der heißeste seit Beginn der Messungen war. Im nächsten Jahr kommt derselbe Satz mit einer höheren Zahl zurück. Der Klimawandel ist das Einzige, das sich in Österreich noch verlässlich weiterentwickelt.
Mark: Auch die heimische Kulturdebatte hat sich entwickelt.
Nathan: Von belanglos zu hysterisch. Mark: Für jene, die den Skandal nicht mitbekommen haben: Die Musikerin Rahel veröffentlichte ein Video, in dem sie den Umgang mit alten Austropop-Größen kritisierte. Ludwig Hirsch warf sie vor, in „Spuck den Schnuller aus“ Pädophilie zu zelebrieren. Auch Georg Danzer und Falco kamen nicht ungeschoren davon. Nathan: Daraufhin meldeten sich Fans, Musiker und Journalisten zu Wort. Ihr Einwand: Rahel habe die Texte aus ihrem Zusammenhang gerissen. Hirsch habe nicht Pädophilie gefeiert, sondern aus der Sicht eines Täters gesungen, um etwas Grausliches sichtbar zu machen.
Mark: Damit gab es zwei klare Lager. Die einen wollten den alten Austropop endlich kritisch überprüfen. Die anderen warfen Rahel vor, Ironie, Rollenprosa und Gesellschaftskritik nicht verstanden zu haben. Man darf alte Liedtexte trotzdem kritisch betrachten. Nur weil ein Künstler seit Jahrzehnten verehrt wird, muss man nicht alles gutheißen, was er geschrieben hat.
Nathan: Und während das Land verdorrte, diskutierte Österreich darüber, ob Ludwig Hirsch wegen eines fast fünfzig Jahre alten Liedes nachträglich aus dem Austropop ausgeschlossen werden muss.
Mark: Man darf alte Liedtexte trotzdem kritisch betrachten. Nur weil ein Künstler seit Jahrzehnten verehrt wird, muss man nicht alles gutheißen, was er geschrieben hat.
Nathan: Unbedingt. Man darf sogar zu dem Ergebnis kommen, dass ein Lied verstörend, missverständlich, aus seiner Zeit gefallen und trotzdem gute Kunst ist. Vier Gedanken gleichzeitig waren bei dieser Hitze aber offenbar eine Zumutung.
Mark: Bei Hirsch liegt die Sache relativ klar. Er singt aus der Perspektive eines Täters und beschreibt etwas Widerliches, um es als widerlich zu zeigen. Kunst vertritt nicht automatisch die Haltung der Figur, die gerade spricht.
Nathan: Sonst müsste jede Krimiserie wegen Mordverdachts abgesetzt werden. Trotzdem kann man fragen, ob diese Erzählweise heute noch funktioniert und ob ein Lied ohne Kenntnis seines Zusammenhangs verstanden werden kann.
Mark: Das wäre eine interessante Debatte gewesen. Stattdessen wurde darüber gestritten, wer zu dumm ist, den Text zu verstehen, wer zu alt ist, um Kritik zu akzeptieren, und wer zu jung ist, um über ältere Kunst zu urteilen.
Nathan: Florian Klenk hat Hirsch inhaltlich zu Recht verteidigt. Danach wurde aber auch seine Reaktion zum eigenen Streitfall. Plötzlich ging es darum, ob er die Musikerin belehren durfte und ob seine Verteidigung nicht selbst das Problem sei.
Mark: Immerhin hat Rahel erreicht, dass sich plötzlich viele Menschen mit Ludwig Hirsch beschäftigen. Vermutlich wurde das Lied in dieser Woche öfter gehört als in den vergangenen fünf Jahren. Nathan: Ein schöner Erfolg für jemanden, der davor warnen wollte. Rahel und Klenk bekommen Reichweite, Hirsch neue Hörer und die Zeitungen gefüllte Seiten. Nur das Publikum verliert einige Stunden Lebenszeit. Mark: Du gestehst der Debatte also gar keinen Wert zu?
Nathan: Doch, aber über Kunst wurde nur am Anfang gesprochen. Danach ging es hauptsächlich darum, wer sich falsch ausgedrückt, falsch reagiert oder auf der falschen Seite eingereiht hatte. Der Liedtext wurde zum Nebendarsteller in einer Diskussion über die Diskussion.
Mark: Vielleicht war die Aufregung so groß, weil der Sommer sonst wenig geboten hat. Früher hatte das Sommerloch mehr Würde. Da entlief ein Krokodil, ein Minister trug Sandalen oder ein Wirt servierte ein Schnitzel, das größer war als der Teller.
Nathan: Heute müssen fünf Personen aus drei Wiener Bezirken den Untergang der Kultur nachstellen, damit der August nicht ereignislos bleibt.
Mark: Man kann die Redaktionen fast verstehen. Die Klimakrise ist groß, kompliziert und deprimierend. Beim Austropop gibt es einen kurzen Videoclip, zwei Lager und je nach eigener Meinung einen passenden Bösewicht.
Nathan: Außerdem kann man über Ludwig Hirsch streiten, ohne das eigene Leben zu ändern. Für das Klima müsste man weniger fliegen, weniger verbrauchen oder ernsthaft über Politik reden. Für die Kulturdebatte reicht ein wütender Kommentar aus dem klimatisierten Wohnzimmer.
Mark: Das klingt, als würdest du die Wiener Kulturszene für unfähig halten.
Nathan: Keineswegs. Sie ist hervorragend darin, einen Skandal nach dem anderen zu verfolgen, ohne sich inhaltlich weit bewegen zu müssen. Vielleicht war aber auch einfach allen zu heiß.
Mark: Am Ende hatten beide Seiten teilweise recht. Was bleibt also von diesem Sommer? Nathan: 41,2 Grad, ausgetrocknete Böden und die Erkenntnis, dass Österreich selbst bei Rekordhitze noch heißere Luft produzieren kann. Mark: Und Ludwig Hirsch?
Nathan: Der bleibt tot, berühmt und missverstanden. Also alles wie bisher.
Mark: Hoffen wir auf einen anregenderen Herbst und friedliche Feiertage.
Nathan: Friedlich müssen sie nicht sein. Wir können über wirklich wichtige Fragen streiten, etwa darüber, wessen Honig-Apfelkuchen zu Rosch Haschana der einzig richtige ist.
Mark: Hear, hear! Aber seit wann bist du so versöhnlich? Nathan: Auch wir werden älter. Nur die Debatten werden nicht reifer.
Nathan und Mark: In diesem Sinne wünschen wir Schana towa u’metuka!
