Mark und Nathan sprechen darüber, was diesen Sommer am Plan steht: Sport, Literatur und alles dazwischen. Mit Skepsis, Weltschmerz und Literaturkritik tasten sie sich durch eine Jahreszeit, der weder Vergnügen noch Anstrengung ganz zu trauen ist. Am Ende bleibt vor allem Misstrauen gegen alles und alle.
von VON NATHAN SPASIC UND MARK NAPADENSKI
Mark: Mein Lieber, sag, wo wirst du eigentlich die WM schauen?
Nathan: Gar nicht.
Mark: Nicht? Man muss dir ja nicht gleich eine Fahne ins Gesicht malen. Ein Spiel anschauen, bisschen mitreden, das wäre doch noch kein Verrat an der eigenen Würde.
Nathan: Warum sollte ich? Fußball interessiert mich nicht, und dieses „wir spielen heute“ finde ich verdächtig. Niemand von uns spielt, wir sitzen herum und schauen anderen beim Arbeiten zu. Diese kollektive Begeisterung ist mir einfach suspekt.
Mark: Ich glaube, du misstraust allem, was anderen Menschen Freude macht. Aber gut – dann eben keine WM für dich. Und Urlaub? Freust du dich schon auf 35 Grad im Schatten, Waldbrände, Sommergewitter und Hagel?
Nathan: … und du?
Mark: Wenn du so fragst …
Nathan: Früher war der Sommer noch schön. Weniger Push-Nachrichten, ein Sommerloch, und es gab vermutlich weniger Anlässe, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen. Wobei – die gab es eigentlich immer zuhauf. Und die Klimakrise war noch ein Hirngespinst nackter Hippies.
Mark: Das wird mir hier zu klischeehaft. Sonst bist du ja nicht so ein Nostalgiker! Auch „damals“ gab es viele Krisen gleichzeitig.
Nathan: Stimmt schon, nur eben anders. Ich finde es traurig, dass, wenn man Städtetourismus betreibt, man Synagogen nicht an der Architektur, sondern daran erkennt, dass ein Polizist davorsteht. Das ist doch eigentlich der ganze Zustand Europas in einem Bild: ein jüdisches Haus, und davor der Staat, damit es nicht angegriffen wird. Gleichzeitig tun viele so, als wäre die Angst von Juden und Jüdinnen eine Übertreibung oder ein PR-Problem Israels.
Mark: Antisemitismus kommt eben selten mit Selbstauskunft. Er sagt nicht: „Guten Tag, ich bin’s, der Antisemitismus“, sondern: „Hey Bro, ich kritisiere doch nur Macht, Kolonialismus, Kapital, Medien und eben Israel.“
Nathan: Genau! Daran erkennt man ja die verkappten Antisemiten. Sie sind so von ihrer eigenen Meinung überzeugt und verblenden völlig ihren antisemitischen Fetisch. Du musst mir zustimmen, dass es mal wirklich bessere Voraussetzungen für einen schönen Sommer gab.
Mark: Ich habe letztens folgenden trefflichen Satz gelesen: „Früher ging’s uns gut, heute geht’s uns besser. Besser wäre, es würde uns heute wieder gut gehen.“
Nathan: Kapielski? Ich habe mir vorgenommen, auch wieder mehr zu lesen.
Mark: Das erinnert mich an Portugal. Ich werde nie vergessen, wie wir am Strand lagen. Alle um uns herum lasen irgendetwas Sommerliches: Magazine, leichte Romane, irgendetwas mit Meer am Cover. Und du lagst da mit Hochzeit in Auschwitz. Strand, Portugal, Sonne, Meer, schöne Menschen – und du liest so etwas. Da dachte ich mir schon, dass du eine Obsession hast.
Nathan: Oder einfach besseren Geschmack.
Mark: Es gibt auch Zwischenstufen. Andere fahren ans Meer, um sich von der Welt zu erholen …
Nathan: Ich finde Urlaub ideal für ernste Lektüre. Im Alltag ist man müde, abgelenkt, in E-Mails gefangen. Am Strand hat man endlich Zeit. Und ehrlich gesagt ist das Handy die viel schlimmere Sommerlektüre. Man will nur kurz schauen, ob jemand geschrieben hat, und plötzlich ist man in drei Debatten über Israel, zwei Analysen über Frankreich und bei einem Reel, in dem jemand einen spielerisch zum Islam bekehren möchte.
Mark: Dann kann man auch gleich Houellebecq lesen, dein Idol. Hatte ich tatsächlich auch schon als Badelektüre im Gepäck.
Nathan: Idol ist übertrieben. Aber er passt erstaunlich gut zum Sommer. Strand ist ja auch nicht nur Entspannung. Es geht um Körper, Vergleiche, Konsum, Langeweile, Altern. Alle versuchen, möglichst gelassen auszusehen, das ist doch ziemlich nah an seiner Welt.
Mark: Die ernsten Themen an den schönsten Orten. Der Kontrast der Wahrnehmung. Yin und Yang. Das klingt durchaus plausibel, mein Lieber.
Nathan: Im Moment höre ich sein neues Album. Darüber schreibe ich ohnehin in dieser Ausgabe, wir müssen hier also nicht noch eine Houellebecq-Sprechstunde eröffnen.
Mark: Abgemacht! Bin schon auf deine Erkenntnis gespannt.
Nathan: Und das zu Recht.
Mark: Wir weichen aber wieder einmal vom Thema ab. Also selbst wenn Österreich im WM-Finale steht, willst du dir nicht das Spiel mit mir ansehen?
Nathan: Mit dir immer, schließlich weiß ich, dass wir es eh nicht aushalten, neunzig Minuten stillschweigend Fußball zu schauen. Ich freue mich auf das nächste Streitgespräch mit WM im Hintergrund!
Mark: Einverstanden!

