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Home Dossier

„Dieser Antisemitismus hat etwas Popkulturelles“

Michael Reinprecht von Michael Reinprecht
31. August 2026
in Dossier, Jewish Influencers

"Ich bin skeptisch gegenüber dem Begriff `Neuer Antisemitismus`. Denn Antisemitismus ist Antisemitismus.", so der Kulturmanager Gerald Matt im Interview mit Michael Reinprecht. ©Ouriel Morgensztern

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In der extremen Woke-Bewegung ist eine Wiedergeburt des Rassismus unter anderen Vorzeichen entstanden. Wokeness ist geschichtsvergessen, schafft starke Ausgrenzun-
gen, sagt Gerald Matt.

von Michael Reinprecht

Gerald Matt ist zwar kein Influencer im klassischen Sinn, doch als langjähriger Direktor der Kunsthalle Wien, Kulturmanager, Kurator und Netzwerker ist er ein Meinungsbildner aus Erfahrung und Autorität.

Wir treffen den aus Vorarlberg stammenden 67-jährigen Juristen, Kunsthistoriker und Kulturfreak in seinem kleinen „Büro mit Charakter“ (ã NU-Fotograf Ouriel Morgensztern) im Hochhaus in der Herrengasse. Noch vor meiner ersten Frage betont er, dass er wirklich verärgert über den zunehmenden Antisemitismus in der Kunst- und Kulturszene sei. Gerade Kunst und Kultur seien doch traditionellerweise immer für die Werte der Aufklärung eingestanden und hätten sich als Gegner des Autoritären, für Freiheit und Toleranz ausgezeichnet.

NU: Wir haben diesmal als Themen Wokeness, Identitätspolitik und postkoloniale Studien im Verein mit der Frage, ob damit eine Gemengelage entsteht, die den Antisemitismus verstärkt oder einen „Neuen Antisemitismus“ triggert – vor allem an den Universitäten und in der Kunstszene. Wie sehen Sie das?

Matt: Ich bin skeptisch gegenüber dem Begriff „Neuer Antisemitismus“. Denn Antisemitismus ist Antisemitismus. Da gibt es keinen alten und keinen neuen, denn das „Neue“ insinuiert so etwas wie Legitimation. Da werden unter dem Deckmantel von Dekolonisierung, Antirassismus und Antikapitalismus bis hin zur Klimarettung – Modell Thunberg – wieder identifizierbare Schuldige gesucht. Und da wird Israel zum Symbol für Kolonisierung, für Rassismus, Kapitalismus, westliche Dominanz, ja für das Böse schlechthin. Neu und gefährlich am neuen Antisemitismus, ist, dass er sich selbst für humanistisch hält. Er tritt nicht mit Springerstiefeln auf, sondern mit moralischem Pathos. Seine Vertreter sehen sich als Aktivisten gegen Unterdrückung und delegitimieren den Staat Israel. Ausgerechnet jene Milieus, die ständig Worte wie Diversität und Toleranz im Munde führen, verweigern Juden zunehmend jede Solidarität. Dahinter steht ein massiver Selbsthass der linken Szenen, aber auch der extremen Rechten, der sich leider zunehmend auch in der Kunst- und Kulturszene breitmacht. Es ist letztlich eine Ablehnung unseres demokratischen Systems, unserer liberalen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, des Individualismus, des Säkularismus, der Gleichberechtigung, der Freiheit des Westens, ja der Aufklärung. Und da hat man mit Israel eine Projektionsfläche gefunden, aber in Wahrheit sind alle Juden gemeint – sie müssen wieder als Sündenböcke herhalten. Denn Israel steht für die liberale Demokratie, für eine leistungsstarke und innovative Gesellschaft, für eine freie, aufgeklärte Gesellschaft. Und es hat gelernt, sich erfolgreich zu verteidigen. Gerade das ist etwas, das vielen gegen den Strich geht, das Israel zum Hassobjekt einer Szene macht, die sich im Grunde selbst hasst.

NU: Erinnert das nicht irgendwie an den postkolonialen Angriff auf den „weißen Mann“?

Matt: Ja, natürlich. Israel steht zwar nicht für den vielzitierten alten, weißen Mann, aber für eine weiße Gesellschaft, die es ja gar nicht ist, wird aber von israelfeindlichen Aktivisten dennoch als Symbol des Westens gesehen, der für alles Unglück in der Welt verantwortlich gemacht wird.

Matt sieht das Problem auch in Bezug auf die Auswüchse der Woke-Bewegung, die längst nicht mehr einen, wie er meint, sehr wohl gerechten und notwendigen Kampf gegen Rassismus und Unterdrückung führt, sondern selbst zum selbstgerechten Motor von Diskriminierung und Vorurteilen geworden ist. „Wokeness“ habe klare und nicht diskutierbare Täter-Opfer-Schemata geschaffen, oft auch mit einer Täter-Opfer-Umkehr, wie sich nach dem 7. Oktober klar gezeigt habe.

Matt: In der extremen Woke-Bewegung ist eine Wiedergeburt des Rassismus unter anderen Vorzeichen entstanden. Wokeness ist geschichtsvergessen, schafft starke Ausgrenzungen. Damit einher gehen auch die identitätspolitischen Aneignungsdebatten. Da darf man von anderen Kulturen nichts übernehmen, da steht kultureller Austausch sofort unter Ausbeutungsverdacht; man darf über das Leid wie immer definierter Anderer nicht mehr sprechen, das ist nur den Betroffenen vorbehalten, auch wenn sich meist akademisch privilegierte Kreise zu deren Sachwaltern aufspielen.

Matt beleuchtet dies mit einem Beispiel aus der Zeit des Nationalsozialismus – Jazz zu hören oder zu spielen war damals für Deutsche verboten:

Matt: Aber nicht aus Respekt vor den Schwarzen und vor deren Musik, sondern weil die [Nazis] sich überlegen gefühlt haben. Und jetzt, jetzt dreht man das um, aber das Resultat ist irgendwie das Gleiche: Ausgrenzung und Vorurteile. Wenn man an die Stimmung auf dem Campus amerikanischer Universitäten, aber auch an vielen unserer Hochschulen denkt, gilt Antisemitismus schon als Ausweis intellektueller Modernität, hat ein popkulturelles Antlitz, gilt als Lebensstil verwöhnter Middle- und Upperclass-Studenten. Man geht demonstrieren, hält palästinensische Fahnen hoch, verklärt die Hamas zur Befreiungsbewegung, relativiert deren Terror, fühlt sich einer gemeinsamen, gerechten Sache zugehörig und fühlt sich dadurch einander nahe. Gerade an Kunsthochschulen, in der Kultur- und Kunstszene und in sozialen Medien gehört der Hass auf Israel und Juden fast schon zur gemeinsamen Alltagskultur, ja zum guten Ton.

Denken Sie nur an Diffamierungen und Gewalt gegen jüdische Studenten und Studentinnen und das Niederbrüllen bzw. Ausgrenzen von differenzierten Meinungen zum Nahostkonflikt. Dass die Hamas die eigene Bevölkerung in Gaza unterdrückt, sie als Schutzschilde verwendet, dann zynisch die Opfer beklagt, von ihrem Leid profitiert und ihre Unterstützer im Westen wohl insgeheim verachtet, ist dabei irrelevant.

NU: Mitmarschieren, dabei sein. Wie in den 1960er-Jahren gegen den Vietnamkrieg. Ist das mit den heutigen Anti-Israel-Bewegungen vergleichbar, Herr Matt?

Matt: In den 1960er-Jahren gab es das interessante Phänomen, dass auch dort im Grunde Vietnam der Aufhänger dafür war, die Elterngeneration zu kritisieren – zu Recht wegen der Involvierung in der Nazizeit und des Totschweigens ihrer Verantwortung während der Nazi-Diktatur. Zugleich war natürlich auch Amerikas kulturelle und militärische Dominanz, die demokratisch-liberale und kapitalistische Gesellschaft der USA, das Ziel. In dieser Gemengelage gab es auch damals subkutan ein antisemitisches Element, das sich später in rechten Bewegungen mit Begriffen wie „die Ostküste“ wenig erfolgreich maskierte. Denken wir nur an Proponenten der damaligen Zeit, zum Beispiel an Horst Mahler; der war ja auch Anwalt der RAF und ist dann ins rechtsextreme Milieu abgerutscht, wo er seinen Antisemitismus ungestört ausleben konnte.

NU: Es heißt ja oft, man solle doch Israel kritisieren dürfen.

Matt: Es geht nicht um ein Unterbinden von Kritik. Kritisches Denken ist essenziell für eine freie Gesellschaft, und natürlich ist auch Kritik an Israel und dessen Politik, auch an Netanjahu, legitim. Kritik steht aber jenseits von Auslöschungsparolen wie „From the River to the Sea“, Vernichtungsfantasien des jüdischen Staates und der perfiden Strategie, nur Israel und/oder den Zionismus, die Juden insgesamt für schuldig zu sprechen und als Quelle alles Bösen festzumachen. Da werden Zionismus und Kolonialismus in einen Topf geworfen und Israel als moderner Kolonialstaat verleugnet. Dass es Ziel des Zionismus – meiner Meinung nach – war, einen Staat für Juden zu schaffen, in dem sie sicher, in Frieden und Freiheit leben können, wird da gerne ignoriert. Und dass dieser Staat sich seit seiner Gründung wehren musste, wird ihm angelastet, ihm als unmoralisch und illegitim vorgeworfen.

NU: Wenn Sie sagen, die schweigende Mehrheit toleriere den Antisemitismus, dann frage ich mich oft: Was kann man dagegen tun? Nehmen wir die Proteste gegen Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest oder während der ersten Tage der Kunstbiennale in Venedig als Beispiel. Immer mehr Protagonisten und Protagonistinnen der Kunstwelt verdammen Israel und rufen nach Boykott …

Matt: Ich denke und hoffe, dass die schweigende Mehrheit nicht antisemitisch ist. Das hat man ja auch beim Eurovision Song Contest gesehen, wo die meisten Menschen sich nicht den Boykottaufrufen angeschlossen haben, sondern Israel auf den zweiten Platz setzten. Und weil Sie die Boykotte angesprochen haben: Dagegen steht die BDS-Bewegung, die infam an historische Boykotttraditionen gegen Juden anknüpft. Antisemitische Auswürfe wie bei der letzten documenta brauche ich nicht in Erinnerung zu rufen. Aber natürlich gibt es zunehmend eine Tendenz in der Kunst- und Kulturszene, israelische Künstler und Künstlerinnen zu boykottieren, indem sie schlichtweg nicht mehr gezeigt oder eingeladen werden, oder auf die Präsenz von Künstlerinnen und Künstlern aus Israel mit Protesten zu reagieren. Das hat man jetzt in Venedig gesehen, wo eine Reihe nationaler Pavillons geschlossen hatte aus „Solidarität mit Palästina“. Dann fühlt man sich zu Recht an die Nazi-Parole erinnert: „Kauft nicht bei Juden“. Denn hier werden Menschen ausgeschlossen, einfach, weil sie Juden sind, egal welche Haltung sie zu Israels gegenwärtiger Politik haben. Gleichzeitig werden islamistische Ideologien verharmlost und der fanatisierte Terror als Ausdruck antikolonialen Widerstands romantisiert. Gegen diese Form von Diskriminierung müsste viel entschiedener auch in der Kunst- und Kulturszene aufgetreten werden, etwa durch Gegenproteste und Offenlegung zum Teil versteckter Ausgrenzungen.

NU: Kann Bildung ein Heilmittel sein?

Matt: Dort, wo es sich um eine bewusste, fanatische, und wie man an Bildern von antiisraelischen und antijüdischen Demonstrationen sehen kann, hoch emotionalisierte Motivlage handelt, die gegenüber sachlichen Argumenten oder historischer Aufklärung immun ist, kommt Bildung entweder zu spät oder hätte ohnedies nichts bewirkt. Dennoch ist die historische Ignoranz vieler auch im Kulturbereich auffällig, und da geht es auch um die Sensibilisierung nachfolgender Generationen.

Denn gerade junge Leute wissen wenig. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass es 1947 mit dem UN-Teilungsplan auch das Angebot einer Zweistaatenlösung gab – dass dies von arabischer Seite abgelehnt bzw. mit Krieg beantwortet wurde.

NU: … Ignoranz?

Matt: … Ja, Ignoranz. Noch einmal: Ignoranz ist ein wesentliches Problem. Nach einer Umfrage haben 60 Prozent der US-Amerikaner ein negatives Bild gegenüber Israel. Und eine rezente Economist-Umfrage besagt, dass 20 Prozent der unter 30-jährigen Amerikaner glauben, die Schoah hätte nicht stattgefunden. Da hoffe ich doch, dass mehr Bildung gegen Ignoranz und Rassismus immunisiert. Doch Bildung kann nicht alles heilen. Radikale Islamisten wird die Schule nicht bekehren.

NU: „Queers for Palestine“?

Matt (sichtlich erregt): Also, das ist mir vollkommen unbegreiflich. Queere Personen sind mit der Ideologie der Hamas völlig unvereinbar. Ein Aufeinandertreffen mit Hamas-Leuten in Gaza wäre wohl lebensgefährlich.

NU: Aber die Politik, was macht die Politik?

Matt: Wir brauchen eine Nulltoleranzpolitik gegenüber Antisemitismus, ob von rechts oder von links, und ebenso von islamistischer Seite, egal, ob er sich als antiisraelisch, antizionistisch oder als antikolonialistisch, antikapitalistisch, antirassistisch oder als „woke“ verkleidet. Es ist nicht hinnehmbar, wenn Leute ihre dümmlichen, aber gefährlichen Sprüche vor sich hertragen.

NU: Auch wenn Sie sagen, der Antisemitismus sei heute eine Modeerscheinung – quasi jugendliche Popkultur. Ist Bildung nicht doch die Lösung?

Matt: Der Begriff „Mode“ würde Antisemitismus verharmlosen. Denn Antisemitismus ist immer auch ein Angriff auf die Grundlagen einer offenen Gesellschaft. Wo gegen Juden gehetzt wird, wo Juden verfolgt oder bedroht werden, geraten früher oder später auch Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie unter Druck. Judenhass ist nie isoliert, er ist Ausdruck gesellschaftlicher Selbstzerstörung. Daher darf Antisemitismus weder relativiert noch kulturell entschuldigt werden. Nicht in Moscheen, nicht auf Universitäten, nicht in Theatern und nicht in Redaktionen. Die offene Gesellschaft wird nur überleben, wenn sie den Mut findet, ihre eigenen Prinzipien zu verteidigen. Toleranz bedeutet nicht Kapitulation vor Intoleranz. Humanismus bedeutet nicht, antisemitischen Hass unter dem Vorwand moralischer Schlagwörter zu akzeptieren. Und, wie gesagt, Bildung ist kein Allheilmittel. Aber für jene, die guten Willens sind, liefert sie ein großes Potenzial, Dinge differenzierter zu sehen.

Als langjähriger Direktor der Kunsthalle Wien, Kulturmanager, Kurator und Netzwerker ist Gerald Matt ein Meinungsbildner aus Erfahrung und Autorität. ©Ouriel Morgensztern
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Michael Reinprecht

Michael Reinprecht

ist Diplomat, war zuletzt European Union Fellow an der USC in Los Angeles, davor Leiter der Nahostabteilung des Europäischen Parlaments in Brüssel und Direktor des Informationsbüros des EU-Parlaments in Wien.

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