When We See You Again von Rachel Goldberg-Polin ist kein Buch im herkömmlichen Sinn. Es ist ein Aufschrei, eine Klage, ein Gebet und letztendlich ein Akt des Überlebens für eine Mutter.
von Danielle Spera
Hersh Goldberg-Polin wurde am 29. August 2024 zusammen mit fünf weiteren Geiseln von Hamas-Terroristen und deren Helfershelfern ermordet, 330 Tage nach seiner Entführung. Hersh war 23 Jahre alt, liebte Musik, las Viktor Frankl und hat anderen Mut gemacht, als er selbst keinen mehr haben durfte. Seine Mutter, die aus Chicago stammende und in Jerusalem lebende Rachel Goldberg-Polin, bezeichnete sich bis zum 7. Oktober 2023 als eine unauffällige Frau mit einem unauffälligen Leben. Dann wurde ihr Leben zerrissen, als Hersh beim Supernova-Musikfestival gemeinsam mit fast 250 anderen Menschen als Geisel nach Gaza entführt wurde. Dabei hatten ihm die Terroristen durch eine Granate den linken Arm bis zum Ellenbogen abgerissen. Hersh wurde in die Tunnel Gazas gebracht, wo er bis zu seiner Ermordung elf Monate lang dahinvegetierte.
Das Davor und das Danach
Rachel Goldberg-Polins Buch gliedert sich in „The Before“ und „The After“. Das „Davor“ ist die Erinnerung an Hershs Kindheit, an seine Art zu lachen, an die Form seiner Zehen, an den Geruch seiner Haare. Hier beschreibt seine Mutter nicht ein Opfer, sondern ihren Sohn. Das „Danach“ beginnt in den Morgenstunden des 7. Oktober 2023, es endet aber nicht mit der Ermordung Hershs am 29. August 2024. Es endet eigentlich gar nicht. Denn für Rachel Goldberg-Polin gibt es kein Weitergehen, kein Abschließen, keinen Bogen der Heilung. Es gibt nur das Weiterexistieren, den nächsten Atemzug, den nächsten Tag. In diesem Buch erlebt man auch die Verwandlung Rachel Goldberg-Polins von einer zurückhaltenden Frau zu einer internationalen Stimme. Sie beschreibt sich selbst als introvertiert, als eine Frau, die die Öffentlichkeit gescheut hatte und plötzlich mitten ins Rampenlicht katapultiert worden war. Plötzlich standen öffentliches Kämpfen um ihren Sohn und das Austragen ihres Schmerzes vor laufenden Kameras auf der Tagesordnung. Sie tat das für ihren Sohn Hersh, stellvertretend für alle anderen Geiseln. Sie sprach vor tausenden Menschen, aber auch mit US-Präsident Biden oder dem Papst, und gab Interviews in einem Tempo und mit einer Disziplin, die kaum vorstellbar ist für jemanden, der nicht weiß, ob sein Kind noch lebt. Das Buch ist daher auch eine Dokumentation dessen, wozu Liebe fähig machen kann.
Viktor Frankl in den Tunneln Gazas
In einem der ergreifendsten Kapitel des Buches verweist Rachel Goldberg-Polin auf Viktor Frankl und sein bedeutendes Werk über Resilienz und Sinnfindung … und trotzdem Ja zum Leben sagen. Frankls Gedanken haben Hersh in den Tunneln Gazas offenbar begleitet und gestärkt. Befreite Geiseln berichteten, dass Hersh den Frankl-Satz „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“ regelmäßig zitierte, um die anderen aufzurichten. Ein 23-Jähriger in einem Tunnel – ohne Arm, in Dunkelheit und Angst –, der anderen mit den Worten eines Wiener jüdischen Arztes und Auschwitz-Überlebenden Mut macht. Diese Brücke zwischen zwei jüdischen Schicksalen, zwischen Wien im 20. und Gaza im 21. Jahrhundert, ist nicht zufällig. Sie sagt etwas über die Kontinuität des jüdischen Leidens und gleichzeitig über die Kontinuität des jüdischen Willens zum Überleben aus.
Was dieses Buch für uns alle bedeutet
Auf die jetzt immer wieder gestellte Frage, was es heute bedeutet, Jude zu sein, in einer Zeit, in der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint und offen zur Schau getragen wird, bietet dieses Buch keine Antworten. Aber es gibt dem Unbegreiflichen des Massakers vom 7. Oktober 2023 ein Gesicht, einen Namen, eine Stimme. When We See You Again ist innerhalb einer Woche auf die Nummer eins der Bestsellerliste geklettert. Das Buch erinnert uns daran, dass es hinter jeder Nachrichtenmeldung ein Leben gibt und auch daran, dass es in jedem Krieg Mütter gibt, die auf ihre Kinder warten. Und es ist ein zutiefst jüdisches Buch. Rachel Goldberg-Polin greift immer wieder auf jüdische Texte zurück, auf Gebete, auf Traditionen. Sie begreift jüdische Tradition, jüdischen Glauben und jüdische Gemeinschaftserfahrung als untrennbar vom gelebten Alltag. Was dem jüdischen Volk am 7. Oktober angetan wurde, geht nicht in politischen Debatten auf, sondern muss vor allem als das benannt werden, was es ist: ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Gegen Hersh, gegen die 251 Geiseln und gegen die 1200 Ermordeten.
Rachel Goldberg-Polin schreibt, dass sie und ihre Familie im Frankl’schen Sinn nun selbst nach ihrem „Warum“ suchen müssen. Sie müssen Sinn nicht trotz des Verlustes finden, sondern in der Art, wie man auf ihn antwortet. Das ist das eigentliche Projekt dieses Buches. Ob das gelingt? Die Autorin gibt uns darauf keine voreilige Auskunft. Sie ist zu ehrlich dafür.

Rachel Goldberg-Polin:
When We See You Again.
S. Fischer Verlag, 2026. 288 Seiten
