Tuvia Tenenbom kann man im weitesten Sinn als „Jewish influencer“ bezeichnen, denn er beeinflusst die öffentliche Debatte über Antisemitismus, Israel und jüdische Identität.
von Danielle Spera
Der 1957 in Israel geborene Sohn eines Rabbiners verfügt über eine treue, internationale Leserschaft und Reichweite in verschiedenen Medien. Sein Jüdischsein ist zentrales Element seiner Arbeit als streitbarer Publizist und Provokateur. Seit 1981 lebt er in New York und gilt als eine der ungewöhnlichsten Stimmen im deutschsprachigen Journalismus. Tenenbom studierte englische Literatur, angewandte Theaterwissenschaften, Mathematik und Computerwissenschaften sowie rabbinische Studien und Islamwissenschaften, arbeitet als Journalist, Essayist und Dramatiker und schreibt für zahlreiche Zeitungen in den USA, Europa und Israel. 1994 gründete er das Jewish Theater of New York. Einem breiten deutschsprachigen Publikum wurde Tenenbom durch seine Bestseller-Reihe von Reisereportagen bekannt. Von Allein unter Deutschen (2012) über Allein unter Juden (2014) bis zu Allein unter Briten (2020) berichtet er von seinen diversen Reisen durch verschiedene Länder, die er mit einem unglaublichen Gefühl für das Absurde und einem unerschrockenen Blick auf Antisemitismus und gesellschaftliche Heuchelei beschreibt.
Sein neues Buch heißt: Wie nennt ihr dieses Land hier? Unter Siedlern. Tenenbom verbrachte acht Monate im Westjordanland unter Siedlern und sprach mit allen. Seine Gesprächspartner waren religiöse Zionisten, politisch engagierte Siedler, antizionistische Haredim (ultraorthodoxe Juden), Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen dort leben, Aktivisten, Journalisten, Politiker und Palästinenser. Je mehr Gespräche er führte, desto deutlicher wurde ihm, dass sich angesichts der komplexen Gemengelage kein einheitliches Bild zeichnen lässt. Gewalt verschweigt Tenenbom dabei nicht. Er betont jedoch, dass er niemandem einen „Rabatt“ gebe, sondern darauf hinweise, dass das ein kleiner Teil einer äußerst komplexen Geschichte sei, einer Geschichte mit vielen Schichten.
Über die Siedler wird von Tausenden Journalisten, Videofilmern und Autoren berichtet. Tenenbom will mit seinem Buch die israelkritische Einigkeit hinterfragen und ein differenziertes Bild jenseits der festgefahrenen Narrative zeichnen. Das Buch reiht sich in Tenenboms Gesamtwerk ein, das stets auf der Methode des persönlichen, unzensierten Gesprächs basiert.
Der abrupte Abschied von der Zeit
Dieses Buch entstand nach Tenenboms Auseinandersetzung mit der Wochenzeitung Die Zeit, für die er mehr als 17 Jahre lang mit großem Erfolg geschrieben hatte. Seine Beiträge standen auf der Liste der meistgelesenen Artikel fast immer ganz oben. Doch dieser langjährigen Zusammenarbeit wurde 2025 ein abruptes Ende gesetzt. Ein Umstand, der in der deutschen Medienlandschaft für erhebliches Aufsehen sorgte. Tenenbom hatte eine Filmkritik über den Dokumentarfilm No Other Land verfasst und war zu den Drehorten gefahren, um vor Ort zu recherchieren. Der Feuilletonchef der Zeit zeigte sich zunächst begeistert, doch seine Sinnesänderung folgte rasch. Die Veröffentlichung wurde abgesagt, nachdem ein Korrespondent protestiert hatte.
Die Kritik an No Other Land
Der Oscar-prämierte Film No Other Land spielt in Dörfern südlich von Hebron. Tenenbom reiste selbst dorthin und lieferte eine kritische Gegenlesart zum Film. No Other Land würde die jüdische Seite ausblenden. Er hebt hervor, dass der Film ein falsches oder unvollständiges Bild zeichne. Beispielsweise zeigt Tenenbom auf, dass auch jüdische Siedler in der Region von den israelischen Behörden vertrieben werden und ihre Häuser ohne Baugenehmigung abgerissen werden. Über diese Siedler-Kinder mache jedoch niemand einen preisgekrönten Film, so Tenenbom.
Aus Tenenboms Sicht widerspricht die Realität vor Ort dem reinen Opfernarrativ der Palästinenser, das im Film transportiert werde und Israel als alleinigen Aggressor darstelle. Sein zentraler Vorwurf lautete daher, dass der Film dem Antisemitismus ein Koscherzertifikat verleihe. No Other Land legitimiere den Vorwurf, Israel und damit Juden seien Verbrecher gegen die Menschlichkeit, unabhängig davon, ob der Film künstlerisch gelungen sei oder nicht. In der Berliner Zeitung erschien Tenenboms Kritik unter dem programmatischen Titel „Judenhass als koscher zertifiziert“. In dem Film, so Tenenbom, würden Juden als Mörder und Diebe dargestellt, als hässlichste Kreaturen, und das sei schlicht Antisemitismus. Tenenboms Haltung zur Zeit ist seither eindeutig: Er bezeichnet die Zeitung als eine Art Gottheit im deutschen Medienbetrieb. Niemand, weder rechts noch konservativ, wolle sich mit ihr anlegen.
Die unbequeme Realität
Tenenboms neue Publikation zeigt, wie starr die medialen Fronten im Westen verlaufen. Dass seine Kritik am Film nicht in der Zeit erscheinen durfte, untermauert das bittere Fazit seines Buches Unter Siedlern, dass eine unbequeme, jenseits etablierter Opfernarrative liegende Realität im deutschen Diskurs oft keinen Platz findet. Die westliche Debatte über den Nahostkonflikt werde von einer gefährlichen Filterblase dominiert. Seine These ist, dass der Westen lieber an bequemen Mythen festhält, statt sich der komplexen und widersprüchlichen Wirklichkeit zu stellen. Tenenboms Buch ist daher ein Aufruf gegen Einseitigkeit.
Wie nennt ihr dieses Land hier?
Unter Siedlern
Suhrkamp Verlag, 560 Seiten.
