Der Begriff Woke hat bereits lange seine ursprüngliche Bedeutung, politisch wach und engagiert zu sein, verloren. Was hat es heute mit Woke auf sich?
von Michael Reinprecht
Auf den ersten Blick ist es verführerisch. Sieht schön aus. Es ist doch gut, für das Gute zu sein. „Wachsam zu sein gegenüber Diskriminierung und Ungerechtigkeit“, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung „woke“ definiert.
Warum aber hat die Woke-Bewegung, vor allem auf Seiten der „progressiven Linken“, zu einem „Neuen Antisemitismus“ geführt? Und warum sind anti-israelische Haltungen, ist harter, ja knallharter Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 vor allem auf dem Campus, inmitten der einst so liberalen US-Eliteunis zu verorten? Wie konnte es dazu kommen, dass Galionsfiguren der Woke-Bewegung – wie Judith Butler, die „Mutter“ der Queer-Theorie – Terrororganisationen wie die Hamas und die Hisbollah als Widerstandsgruppen legitimieren und den „progressiven Linken“ zurechnen?
Rein theoretisch fußt all dies auf einem „Neuen Denken“, der „Theory“, einer Denkweise, die aus dem Postmodernismus entstanden ist. „Erdacht“ von französischen Intellektuellen, wie dem Soziologen Michel Foucault und dem Philosophen und Kulturkritiker Jean-François Lyotard, der von der Postmoderne als Vater des Begriffs gefeiert wird (1979: „La condition postmoderne“), später exportiert an die US-Eliteunis. Das postmoderne Denken ist geprägt von einem tiefgreifenden Skeptizismus. Es relativiert die bisherig gültigen, auf der Tradition der Aufklärung fußenden Erkenntnisse, die auf der Macht der Vernunft beruhen. Denn diese wird von der Postmoderne abgelehnt. Objektive Wahrheiten und wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht anerkannt, weil sie lediglich zu einer Verzerrung der Machtstrukturen führen.
Denn die Postmoderne will nicht durch objektive, falsifizierbare Erkenntnisse zur „Wahrheit“ gelangen, sie zieht eine neue Richtschnur ein: Viele postmoderne Denker sind der Überzeugung, dass die Gesellschaft auf Machstrukturen und Hierarchien aufgebaut ist, die darüber entscheiden, was als Wissen gilt und was nicht. Dadurch wird eine moralische Richtschnur etabliert, die die Opfer ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt. Dem Denken der Postkolonialismus-Studien folgend ist der Täter rasch identifiziert: Es ist der Westen. Es ist der „weiße Mann“, im Normalfall heteronormativ, der Unterdrücker schlechthin, das Böse. Er hält als Sündenbock für alles und jedes her, wie der französische Philosoph Pascal Bruckner in seinem bereits 2020 erschienenen Essay Un coupable presque parfait schreibt. Während den liberalen Demokratien das Erbe der Aufklärung zugrunde liegt, also der Humanismus, die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ vom Dezember 1948 und vor allem dessen Grundsatz in Artikel I, „die Würde des Menschen ist unantastbar“, gilt nach der postmodernen Theorie nicht mehr die universelle Idee des Menschseins an und für sich, sondern die sozial konstruierte Identität des oder der Einzelnen.
Stammesdenken, Tribalismus, liegt der Wokeness-Bewegung heute zugrunde. Das ist gefährlich, weil identitätspolitisches Denken den universellen Gedanken („die Menschheit“) verunmöglicht und in der Folge auch individualistisches Denken ablehnt. Es gilt nicht mehr die universelle Idee des Menschseins, sondern die sozial konstruierte Identität des oder der Einzelnen. Kann der weiße Mann überhaupt noch glaubwürdig gegen Rassismus auftreten, oder bleibt dies der „Opfergruppe“ der Black People und der PoC-Gruppe vorbehalten?
Die US-amerikanische Philosophin und Leiterin des Einstein-Forums in Potsdam, Susan Neiman, arbeitet dies in ihrem jüngsten Buch Left is not woke klar heraus. Im ZEIT-Streitgespräch vom März 2024 mit der Journalistin Alice Hasters (Autorin des Bestsellers Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten) kritisiert Neiman die identitätspolitische Überhöhung und sagt: „Einer ostdeutschen Rentnerin, die ihre Miete nicht zahlen kann, hilft man nicht durch eine gendergerechte Sprache.“
Wokeness geht auch Hand in Hand mit den Postcolonial Studies. Der weiße Mann (und mit ihm der Westen) gilt als das Böse schlechthin. Er hält als Sündenbock für alles und jedes her, wie der französische Philosoph Pascal Bruckner schreibt. Und die Perfidie ist dann erreicht, wenn postkoloniale Theoretiker – wie der kamerunische Historiker Achille Mbembe – die Juden als Weiße definieren und in Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Kolonialverbrechen an den Schwarzen (indirekt) die Schoa als ein Verbrechen von Weißen an Weißen relativieren. Und im NU-Interview mit dem deutsch-israelischen Historiker Dan Diner (Nr. 86, 3/2021) sagte er: „So hat es sich nicht zugetragen. Ich halte diese Diskussion heute für einen Rückschritt. Da waren wir schon mal weiter.“
Auch der Sartre-Schüler und dem Denken Albert Camus’ Nahestehende Alain Finkielkraut, Sohn in Auschwitz ermordeter Juden, schlägt in eine ähnliche Kerbe. In seinem 2024 erschienenen meisterhaften Essay Vom Ende der Literatur beklagt er den moralischen Absolutismus der Theorie und die totalitären Denkmuster von „Wokeness“ und „Cancel Culture“.
Die liberale Demokratie stellt die Menschenwürde in den Mittelpunkt. Die Freiheit der Rede, wie im Artikel 19 der AEMR niedergelegt, also Diskussion und Debatte, stehen im Zentrum. Idealiter: Das bessere Argument möge gewinnen. Oder wie es Helmut Schmidt formulierte: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Das setzt natürlich auch Toleranz gegenüber der Meinung des Anderen voraus.
Vernunft, also wissenschaftliches Denken, empirisch belegbare Fakten (oder Wahrheiten), universelle sowie individuelle Werte sind das Erbe der Aufklärung. Dem diametral entgegengesetzt denkt die Postmoderne: Wissen wird konstruiert, die Menschen (die Menschheit) werden aufgesplittert in einzelnen Gruppenidentitäten, wobei die Opferrolle im Mittelpunkt steht. Wie geht das zusammen, wenn nach dem 7. Oktober im woke-linken Lager der radikal-postkoloniale Flügel die Deutungshoheit erlangte und selbst die von der jungen schwedischen Aktivistin Greta Thunberg initiierte Fridays-for-Future-Bewegung Verständnis für die Hamas zeigte? Wie kann es da überraschen, wenn der jüdische Pianist Igor Levit, selbst jahrelang der „vollkommenste Posterboy woker Gesinnung“ (ãDie ZEIT, 04/2024), sich nach dem 7. Oktober plötzlich „politisch heimatlos“ und „allein“, ja verraten fühlte?
Und Martin Luther Kings Forderung nach dem Ende der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten war letztlich erfolgreich, weil er an das Mitgefühl seiner Landsleute, an eine – trotz allem vorhandene – humanistische Tradition der Amerikaner appellierte: „I have a Dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.“
Nicht die Hautfarbe, also das Stammesmerkmal, soll den Ausschlag geben, sondern die Persönlichkeit, ihr Mensch-Sein. Martin Luther Kings Denken stand hier tief in der Tradition der Aufklärung verwurzelt. Und führte zum Erfolg.
Ja, struktureller Rassismus ist in westlichen Gesellschaften verankert. Allein: Wokeness und identitätspolitisches Denken erschweren die Empathie zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen. Und Gegenbewegungen wie „White Supremacy“ und andere identitäre Gruppierungen entstehen. Der Gedanke der „Re-Migration“ ist nur möglich, wenn die Menschheit als solche in Zweifel gezogen wird.
Das Leugnen einer universellen menschlichen Natur macht Solidarität schwer. „Mit dem Kopf des Anderen denken“ wird verunmöglicht. Und wir hätten dies heute nötiger denn je.
Aus der – oberflächlich betrachtet – menschenfreundlich anmutenden Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung und Ungerechtigkeit, einer „Wokeness“ im eigentlichen Sinn des Wortes, ist ein Denken entstanden, das das Opfer ins Zentrum stellt, Tribalismus Raum gibt und Individualismus in die Enge treibt. Im Denken der Postkolonialen sind Palästinenser „People of Color“, als solche per definitionem Opfer, und die Terrororganisation Hamas schlicht eine Widerstandsbewegung. Und diese Banalisierung des Terrors führte, wie die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz in ihrem Essay Le 8 Octobre darlegt, bereits am Tag nach dem 7. Oktober zur Legitimierung dieses Verbrechens als Akt des Widerstands, der in Paris, in Berlin, ja auch in Wien und vor allem an amerikanischen Eliteunis bejubelt wurde.
