Wie das Judentum seine vielfältigen Gesichter auf Social Media zeigt. Hier meine persönliche Best-of-Liste.
von Rachel Engelberg
Jüdisches Leben wird heute nicht nur in Synagogen oder am Shabbat-Tisch sichtbar, sondern zunehmend auf Bildschirmen. Nicht jeder schafft es täglich zum Morgengebet oder hat regelmäßig Zugang zu Unterricht und spirituellen Angeboten. Doch fast jede und jeder hat ein Smartphone in der Hand. Zwischen zwei U-Bahn-Stationen kann ein moderner Gedanke zu einem biblischen Vers auftauchen – oder ein Rezept, das gerade in Israel gekocht wird.
Es ist Donnerstagvormittag. Die Gedanken kreisen um das Shabbat-Menü. Was habe ich schon zu oft gemacht? Welche Speisen könnten diesmal auf den Tisch kommen? Noch bevor ich im Kochbuch blättere, öffne ich Instagram und lande bei „Ruhama’s Food“. Wenige Minuten später steht das Menü – inspiriert von koscheren Rezepten, die Tradition und Alltag verbinden. Was hier zunächst wie eine praktische Hilfe wirkt, verweist auf etwas Größeres: Social Media ist zu einem Ort geworden, an dem jüdische Identität sichtbar und verständlich erzählt wird.
Ruhamas Food – Tradition aus der Küche (@ruhamasfood)
Wer Ruhamas Instagram-Seite besucht, begegnet der warmen Präsenz von Ruhama Shitrit. Die israelisch-amerikanische Rezeptentwicklerin und vierfache Mutter lebt in Boston und hat mittlerweile eine Million Follower. Zwischen israelischen Klassikern und jüdischen Familienrezepten entsteht eine Atmosphäre, die Vertrautheit vermittelt und zugleich zum Ausprobieren ermutigt.
Ob das Backen von Challot, die Zubereitung von Feiertagsmenüs oder einfachen Alltagsgerichten – bei den Beiträgen von Ruhama zeichnet sich ein Bild jüdischen Lebens ab, das die Vielfalt der Tradition widerspiegelt. Shabbat wird vorbereitet, Feiertage werden gefeiert, Rezepte werden weitergegeben – ruhig, zugänglich und familiär. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht den Reiz ihrer Instagram-Seite aus. Koscheres Kochen erscheint nicht als Besonderheit, sondern als Teil eines gelebten Alltags. Die Küche wird so zum digitalen Begegnungsraum.
Zusha – Spiritualität zwischen Synthesizer und Nigun (@zushamusic)
Von der Küche geht es weiter zur Musik. Auf Spotify beginnt mein persönlicher Shabbat-Modus oft mit Zusha. Die amerikanische chassidische Weltmusikband aus Manhattan wurde 2013 gegründet und besteht aus den Musikern Shlomo Gaisin und Zachariah Goldschmiedt. In ihren Liedern verbinden sie traditionelle chassidische Musik mit Elementen aus Folk, Rock, Soul, Jazz und Reggae. Die beiden orthodoxen Musiker vereinen auf diese Weise traditionelle Texte und Nigunim (hebr. Melodien) mit modernen Klängen. Kurze Videos zeigen sie mit Synthesizer und elektronischen Beats – eine frische Perspektive auf religiöse Musik.
Wer sie einmal live erlebt hat – etwa bei einem Yom-Kippur-Gottesdienst in der Bowery –, weiß jedoch, dass ihre digitale Präsenz nur ein Ausschnitt ist. Wenn ihre Melodien die Menschen durch den Raum tragen, entsteht eine besondere spirituelle Intensität, die sich kaum vergleichen lässt. Social Media wird hier nicht zum Ersatz religiöser Erfahrung, sondern zu einer Einladung, sich ihr anzunähern.
Danielle Shai – Spiritualität im Feed (@bydanielleshai)
Was ich an jüdischen Social-Media-Stimmen besonders schätze, ist die spirituelle Inspiration. Während meiner Jahre in New York hatte ich Zugang zu unzähligen jüdischen Formaten – von klassischen Tora-Kursen bis zu Sushi-und-Tora-Abenden, späten Lernrunden oder Dvar-Tora-Gesprächen bei einem Glas Wein. Diese Möglichkeiten sind jedoch nicht überall selbstverständlich.
Nach meinem Umzug nach Wien verlagerte sich ein Teil dieser Inspiration in den digitalen Raum. So entdeckte ich Danielle Shai, die jüdischen Frauen spirituelle Zugänge eröffnet – zu Gesetzen, Traditionen und Lehren. Mit einer Ästhetik, die an klassische Influencer erinnert, vermittelt sie Inhalte aus Tora und Halacha in einer modernen, zugänglichen Form. Zwischen persönlichen Gedanken und Textstudium entsteht eine Verbindung von Tradition und Gegenwart. Ein kurzer Impuls zur Wochenportion, ein Gedanke zu innerer Arbeit oder eine Erinnerung an die Bedeutung kleiner Rituale – oft reicht ein Moment im Feed, um jüdische Lehre in den Alltag zu holen.
Miriam Ezagui – Orthodoxie sichtbar gemacht (@miriam.ezagui)
Auch Miriam Ezagui macht orthodoxes Leben auf Social Media sichtbar. Zwischen Familienalltag, religiöser Praxis und persönlichen Einblicken entsteht ein selbstbewusstes Bild religiöser Identität. Orthodoxie erscheint hier nicht als Abgrenzung, sondern als gelebte Überzeugung. Die amerikanische Krankenschwester und vierfache Mutter lebt in Brooklyn und hat sich zum Ziel gesetzt, einem breiten Publikum auf sehr zugängliche Weise die Traditionen, Speisevorschriften, Feiertage und die Kultur des orthodoxen Judentums näherzubringen. Neben ihrem (jüdischen) Alltag teilt sie oft Erlebnisse aus ihrer Arbeit als Geburtsbegleiterin im Kreißsaal. Miriam Ezagui ist außerdem auch die Enkelin von Holocaust-Überlebenden. Sie thematisiert regelmäßig die Erfahrungen und Erinnerungen ihrer Großeltern, um aufzuklären und an die Geschichte zu erinnern.
Montana Tucker – Bewusstsein für die Vergangenheit schärfen (@montanatucker)
Die amerikanische Sängerin, Songwriterin, Tänzerin und Schauspielerin Montana Tucker ist mit 3,2 Millionen Followern auf Instagram eine einflussreiche Social-Media-Aktivistin. Bereits im Alter von acht Jahren begann sie als Kindermodel und wurde primär durch ihre Tanzchoreografien bekannt. Als Enkelin von Holocaust-Überlebenden nutzt sie ihre Reichweite heute intensiv für den Kampf gegen Antisemitismus und für die Aufklärung über jüdische Geschichte: Sie reiste unter anderem nach Auschwitz, um vor Ort dokumentarische Inhalte für eine jüngere Zielgruppe aufzubereiten. Sie produzierte die Filme The Children of October 7, eine emotionale Dokumentation, in der sie Überlebende der Terrorangriffe interviewt, und Through My Eyes: Gaza, ein veröffentlichter Kurzfilm, der die humanitäre Lage vor Ort und die verheerenden Auswirkungen des Konflikts beleuchtet.
Mirna Funk – provokante Kommentatorin (@mirnafunk)
Die deutsche Autorin Mirna Funk agiert auf Instagram als sogenannte Erzählarchitektin mit oft provokanten Thesen. Sie nutzt die Plattform intensiv als Erweiterung ihrer journalistischen und literarischen Arbeit, um gesellschaftliche Debatten anzustoßen und Einblicke in ihr Leben zwischen Berlin und Tel Aviv zu geben. Dabei sieht sie sich nicht als Aktivistin, sondern als Schriftstellerin, die Geschichten erzählen und zu Diskursen anregen möchte. In ihren Beiträgen befasst sie sich mit jüdischem Leben, Geopolitik und Feminismus, berichtet aus ihrer Wahlheimat Tel Aviv und bezieht regelmäßig Stellung zu jüdischer Identität, Kultur, Antisemitismus und den aktuellen Ereignissen im Nahen Osten. Ihre herausfordernden Ansagen führen oft zu emotionalen Debatten.
Zwischen Alltag und Öffentlichkeit
All die genannten Persönlichkeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Kultur, Identität und gesellschaftlicher Debatte. Auch hier wird Social Media zum Ort, an dem jüdische Themen eigenständig verhandelt werden. Diese Vielfalt digitaler Stimmen zeigt, wie unterschiedlich jüdische Identität gelebt und präsentiert wird – von traditionell bis modern, von musikalisch bis kulinarisch. Was all diese Jewish Influencer verbindet, ist weniger eine gemeinsame religiöse Ausrichtung als der Wunsch, jüdisches Leben selbst zu erzählen. Kochen, Musik, Spiritualität, Alltag – Social Media wird zu einem Raum, in dem jüdische Identität nicht erklärt oder verteidigt werden muss, sondern gelebt wird. Nicht als Ersatz für Synagoge oder Gebet, sondern als ergänzender Zugang – jederzeit abrufbar, vielfältig und überraschend nah.
