Kommentar von Andrea Schurian
Die meisten superreichen Menschen hängen nicht an die große Glocke, wenn sie Geld für Kinder-, Alten- und Krankenversorgungen, für Universitäten, wissenschaftliche Forschungen, für Kultur- und Sporteinrichtungen, zukunftsweisende Projekte, medizinischen Fortschritt oder globale Entwicklung lockermachen. Andere wiederum halten sich bei nächstenliebenden Guttaten gern an die, fälschlicherweise Johann Wolfgang von Goethe zugeschriebene, Handlungsanleitung „Tu Gutes und sprich darüber“. Auch die deutsch-österreichische Aktivistin Marlene Engelhorn teilte der Öffentlichkeit oft und gern und minutiös ihre Überlegungen mit, wie sie 25 Millionen Euro aus ihrem von der Omama geerbten Boehringer-Mannheim-Millionenvermögen wohl bestmöglich und gerecht verteilen könnte. Schließlich betraute sie damit den Bürgerrat namens „Guter Rat für Rückverteilung“.
Eventuell hatte die redefreudige Öffentlichkeitsarbeiterin von „Taxmenow – Initiative für Steuergerechtigkeit“ die stillen Tage nach der Geldverschenkung satt. Jedenfalls zelebrierte sie sich mit ihren Sympathien für PSÖ (Palästina Solidarität Österreich) wieder zurück in die öffentliche Wahrnehmung.
Dass PSÖ unter anderem auch von der Antiimperialistischen Koordination (AIK) unterstützt wird, die das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) als „Antisemitismus im linken Gewand“ identifiziert, scheint Engelhorn nicht weiter zu irritieren. Auch nicht, dass sich Salah Abdel Shafi, der offizielle Vertreter Palästinas in Österreich, der auf einer PSÖ-Demonstration forderte, man müsse dem Staat Israel ein Ende setzen. Engelhorn korrigierte Salah Abdel Shafi jedenfalls nicht, als sie nach ihm ans Rednerpult trat. Sondern sie frohlockte: „Endlich können wir ein Wien sehen, das sich nicht mehr sträflich schämen muss – für unsere Medien, für unsere Politik und für unsere weiße Feigheit.“ Alle Achtung: So viele Plattitüden in einem einzigen Satz müssen einem auch erst einmal gelingen. Salah Abdel Shafis monströser Satz beweist, was in der Hamas-Charta festgeschrieben und für jeden auf der Homepage des Avalon Project der Yale Law School nachzulesen ist: Nämlich die Auslöschung des jüdischen Staates zwischen Jordan (the river) und dem Mittelmeer (the sea), dann die weltweite Vernichtung jüdischen Lebens. „From the River to the Sea“, dieser in Österreich verbotene Terroristensong, wurde auf der PSÖ-Demo übrigens auch angestimmt. Und darüber also freuten sich Engelhorn und Co?
Klarerweise kann die Millionenerbin nichts für die nationalsozialistischen Verstrickungen ihrer Vorfahren. Ururgroßvater Friedrich Engelhorn gründete das Chemieunternehmen BASF, dessen synthetische Waffen und Nervengifte wichtige Kriegs- und Mordmittel der Nazis waren. Mit dem von BASF produzierten Zyklon B wurden in den Gaskammern der Konzentrationslager abertausende europäische Juden ermordet.
Friedrich Engelhorns Nachkomme Peter war bis zu seinem Tod 1991 Mitgesellschafter der Boehringer-Mannheim-Gruppe. Boehringer verdiente gut am Zweiten Weltkrieg, stellte die Produktion flugs auf Kriegswirtschaft um, kriegswichtige Medikamente her und etwa 1.500 Zwangsarbeiter an. Wer sich nicht wohlverhielt, landete im firmeneigenen Kellergefängnis. Das ist zum Schämen, nicht nur für die Nachfahrin, sondern für alle, die stillgehalten und weggeschaut haben.
Ginge es nach Engelhorn und Co., müssten sich Israelis also widerstandslos abschlachten, missbrauchen, foltern lassen? In sozialen Medien hatte sich die laut Selbstbeschreibung „israelkritische“ Aktivistin bereits unmissverständlich vorgestellt: „Hi, ich bin Marlene. Ich bin gegen Genozid, Apartheid und für ein freies Palästina.“ Was der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn in einem „Bild“-Interview mit Klartext quittierte: „Man darf Frau Engelhorn nicht in Sippenhaft nehmen, weil ihre Großeltern am Völkermord gegen die Juden mit beteiligt waren. Aber etwas Zurückhaltung wäre geboten, gerade wegen ihres Familienhintergrundes. Dann von Genozid zu sprechen ist eine Frage der Pietät und der Moral – wer unmoralisch handelt, soll nicht moralisch predigen.“
Niemals wieder? War einmal. Israelische Kunstschaffende werden mit Boykott belegt. Antisemitismus maskiert sich als Kritik an Israel. Pro-palästinensische Demonstrationen rund um den Erdball beweisen, dass – und wie rasch! – islamistischen Terroristen die Täter-Opfer-Umkehr gelungen ist. Man muss offenbar nur massenmordwillig genug sein, um über Krieg und Frieden verhandeln zu dürfen und von Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Kanada und Australien mit der Anerkennung eines eigenen Staats Palästina belohnt zu werden. Es tut unendlich gut, dass in diesen schwierigen Zeiten Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen heißt und nicht mehr Heinz Fischer. Der Ex-Bundespräsident wünscht sich in diversen Interviews vor allem, dass Österreichs Regierung doch bitte Palästina sofort als Staat anerkennen möge. Dass eine Anerkennung erst am Ende eines Friedensprozesses stehen könne? Findet Hei-Fi nicht: Ein Friedensprozess werde niemals Erfolg haben, wenn die Anerkennung Palästinas davon abhänge. Denn diese Anerkennung wolle Israel mit allen Mitteln verhindern. Ach ja, interessante Sichtweise. Freilich bewegt das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung auch Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos). Österreich, sagen sie, bekenne sich uneingeschränkt zur Sicherheit Israels, zu seinem Existenzrecht und zu seinem legitimen Recht auf Selbstverteidigung. Die beiden finden daher nicht, es sei „höchste Zeit, dass sich auch Österreich auf die Seite der überwältigenden Mehrheit der Weltgemeinschaft stellt.“ Danke! Es erfordert Mut, nicht im antisemitisch angebräunten Chor der Mehrheit mitzuheulen.
Eventuell wissen die Zwei-Staatler aber ohnehin, dass die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung nichts davon hält, weil sie Israels Existenzrecht nicht anerkennen, sondern das ganze Land, vom Jordan bis zum Mittelmeer, für sich allein möchte. Den genozidalen Überfall befürworteten laut des Palestinian Center for Policy and Survey Research zunächst fast drei Viertel der palästinensischen Bevölkerung. Nun, nach zweijährigem Kriegsleid, hat die Hamas-Begeisterung abgenommen. Aber immerhin sympathisiert immer noch die Hälfte der im Westjordanland und im Gazastreifen ansässigen Menschen mit Hamas und Massenmord.
Etliche Länder wollen den Song Contest 2026 schwänzen, sollte Israel vom Wettsingen nicht ausgeladen werden. Großbritannien cancelte eine Tournee des österreichischen Dirigenten Julian Rachlin mit dem Jerusalem Symphony Orchestra. Und das Flanders Festival Ghent lud die Münchner Philharmoniker wieder aus, weil deren künftiger Chefdirigent, der Tel Aviver Lahav Shani, auch Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra ist. Dass Shani die rechtsreligiöse Koalition scharf kritisiert und als überzeugter Friedensaktivist gemeinsam mit Tausenden Israelis regelmäßig gegen den Krieg demonstriert, ist der gutmenschlichen Ausladerfraktion entweder nicht bekannt oder herzlich egal. Peinsam ist beides.
