Wer das Programmbuch der Wiener Festwochen 2026 aufschlägt, merkt rasch, dass hier nicht einfach ein Festival beworben wird.
Es geht nicht nur um Theater, Musik oder Performance, sondern um ein ideologisches Selbstverständnis. Die Festwochen präsentieren sich als politischer Raum, als „Freie Republik“, als diskursiver Ort, an dem nicht nur Kunst gezeigt, sondern gesellschaftliche Deutung produziert wird. Im Vorwort zur Ausgabe „Republic of Gods“ wird Wien als Bühne einer solchen „Republik“ beschrieben, in der „Künstler:innen“ und „Aktivist:innen“ aus aller Welt über Glauben, Macht und Ordnung verhandeln.
Man kann diese demonstrative Offenheit als Stärke lesen. Man kann sie aber auch als Symptom eines Kulturbetriebs verstehen, der sich als moralische Instanz begreift, sozusagen als säkularer Klerus, der eigene Dogmen ästhetisch zur Aufführung bringt. So entsteht ein kuratierter Deutungsraum, in dem Begriffe, moralische Kategorien und politische Reflexe zuverlässig reproduziert werden. Was hier als Radikalität erscheint, ist meist performativ: laut im Gestus, risikolos in der Praxis. Mit „RESISTANCE NOW!“ kommt eine Kampagne hinzu, die laut Programmbuch ganzjährig mit offenen Briefen, internationalen Netzwerken und politischen Interventionen arbeitet. Kunst wird hier nicht nur gezeigt, sondern funktionalisiert. Diese Entwicklung hat sich unter Milo Rau Schritt für Schritt verfestigt. Er hat die Festwochen nicht nur neu ausgerichtet, sondern in ein Projekt verwandelt, das sich selbst als politisch versteht. Sex sells? Ja, aber der Nahostkonflikt nun mal auch. Das zeigt sich nicht nur im heurigen Programm, sondern auch in der wiederkehrenden Einbindung von Persönlichkeiten, die sich im internationalen Diskurs um Israel unrühmlich positioniert haben. Zwei Namen stehen exemplarisch für diese Linie: Annie Ernaux und Yanis Varoufakis.
Annie Ernaux, Literaturnobelpreisträgerin und weiterhin Teil des „Rats der Republik“, hat sich wiederholt hinter Positionen gestellt, die eng mit der BDS-Bewegung verbunden sind. Der österreichische Nationalrat hat BDS 2020 in breitem Parteienkonsens als antisemitisch eingestuft, weil die Bewegung nicht nur konkrete politische Maßnahmen kritisiert, sondern auf die Isolation Israels abzielt. Auch Ernaux unterstützte Initiativen, die Israel nicht als einen Staat unter vielen behandeln, sondern seine Einbindung in internationale Strukturen grundsätzlich infrage stellen. Yanis Varoufakis bewegt sich in einem ähnlichen Feld. Er unterstützte eine Petition, die den Ausschluss Israels von der Biennale in Venedig forderte und Israel pauschal als „Völkermordstaat“ bezeichnete. Entscheidend ist dabei weniger, dass Kritik geübt wird, sondern in welcher Form: Schwerste Vorwürfe stehen im Raum, während Gewalt gegen Israel, vor allem im Kontext des 7. Oktober, oft nur unzureichend eingeordnet oder relativiert wird. So entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht, in dem Israel zum bevorzugten Objekt moralischer Totalverurteilung wird. In der Binnenmoral dieses Milieus gilt der Boykott nicht als Ausgrenzung, sondern als Beweis der eigenen Anständigkeit. So schlägt der Gestus der Befreiung in moralische Disziplinierung um.
Die sogenannte 3D-Definition beschreibt drei Muster, anhand derer israelbezogener Antisemitismus erkannt werden kann. Erstens die Delegitimierung, also die grundsätzliche Infragestellung des Existenzrechts Israels. Zweitens Doppelstandards, wenn Israel mit Maßstäben bewertet wird, die auf keinen anderen Staat angewendet werden. Und drittens die Dämonisierung, wenn Israel als einzigartig böse oder verbrecherisch dargestellt wird. Diese Definition ist ein analytischer Versuch, jene Verschiebungen sichtbar zu machen, die im Alltag oft als bloße „Kritik“ erscheinen. In diesem Lichte wirkt die Auswahl der Künstler:innen im heurigen Programm weniger zufällig. Etwa das Khashabi Theatre aus Haifa, vertreten durch Bashar Murkus und Khulood Basel, das im Programmbuch nicht nur mit seiner Produktion angekündigt wird, sondern auch mit einem Workshop über die „soziale und politische Rolle des Theaters“. Beide haben den internationalen „Letter Against Apartheid“ unterzeichnet, der Israel als „Apartheidstaat“ bezeichnet und zu politischem Druck aufruft. Wer Israel als „Apartheidstaat“ beschreibt, verlässt den Bereich konkreter politischer Kritik und bewegt sich in einer grundsätzlichen Einordnung, die die Legitimität des Staates infrage stellt. Gemäß 3D-Definition wäre das ein klassisches Beispiel für Delegitimierung, auch wenn es heute in einem akademisch aufgeladenen, postkolonialen Vokabular formuliert wird, das im Kulturbetrieb längst zur Gemeinsprache geworden ist (und darüber hinaus keinen interessiert). Die Festwochen arbeiten mit einer Vielzahl von Setzungen, die sich gegenseitig stabilisieren. Bestimmte Begriffe tauchen immer wieder auf, bestimmte Perspektiven werden wiederholt, andere bleiben im Hintergrund. Israel erscheint nicht als komplexer Staat mit widersprüchlichen Realitäten, sondern als Projektionsfläche eines globalen moralischen Narrativs. Gleichzeitig wird dieser Diskurs von einer auffälligen moralischen Selbstherrlichkeit begleitet. Die Festwochen inszenieren sich als Raum der Offenheit, der Kritik und der Vielfalt. Diese Offenheit umfasst sogar viele Stimmen, aber nicht beliebige. Sie ist plural in der Oberfläche, aber erstaunlich geschlossen in ihrer inneren Logik. Der Anspruch auf Kritik produziert eine eigene Orthodoxie, und die permanente Infragestellung von Machtverhältnissen stabilisiert ein neues Machtzentrum.
Dass all das im Rahmen eines öffentlich finanzierten Festivals stattfindet, ist kein nebensächlicher Punkt. Die Wiener Festwochen werden aus Steuergeldern getragen, deren Beitragszahler deutlich vielfältiger sind als das Milieu, das sich hier selbst in Szene setzt. Das bedeutet nicht, dass Kunst unpolitisch sein muss. Doch wenn bestimmte Narrative über Jahre hinweg immer wieder gefördert werden, entsteht ein kulturelles Klima, das über einzelne Veranstaltungen hinaus wirkt und zunehmend den Charakter eines unreflektierten moralischen Konsenses annimmt. Wer Israel wohlgesinnt ist, wer das Existenzrecht dieses Staates nicht als theoretische Frage behandelt, sondern als historische Notwendigkeit, wird sich in diesem Klima schwer wiederfinden. Viel Rede von Offenheit, viel Pathos der Vielstimmigkeit, viel Selbstinszenierung als kritisches Gewissen. Doch am Ende wirkt eine klare Schwerkraft, die zuverlässig in dieselbe Richtung zieht. Die Debatte ist im Grunde geschrieben, bevor das Festival überhaupt beginnt. Die Namen, die Reflexe, die moralischen Prioritäten, die symbolischen Gesten: Alles wirkt einmal mehr vertraut. Man muss sich darüber nicht einmal besonders aufregen. Es genügt festzuhalten, dass die Wiener Festwochen nicht versehentlich in ein solches Fahrwasser geraten sind, sondern es bewusst gesucht haben. Wieder einmal wird unter dem Banner von Kunstfreiheit und globalem Bewusstsein ein Milieu gefördert, das seine eigenen moralischen Setzungen längst an die Stelle universeller Maßstäbe gesetzt hat. Und wieder zahlt die Allgemeinheit dafür, dass ein enges, gut situiertes und bestens vernetztes Bobo-Establishment auf öffentlicher Bühne Revolution spielt und sich selbst zum Priesterstand der eigenen moralischen Republik erhebt: Gut abgesichert, breit gefördert und vor allem für sich selbst.
