Kommentar von Deborah Engelberg
Seit Jahresbeginn ist Zohran Mamdani Bürgermeister von New York. In einer Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde außerhalb Israels wird jede politische Geste genau gelesen. Mamdanis erste Wochen im Amt waren von deutlicher Polarisierung geprägt.
Amerikanische Politik entfaltet sich häufig zuerst auf der symbolischen Ebene. Kaum ein Bürgermeister New Yorks hat das so demonstrativ gezeigt wie Zohran Mamdani in den ersten Wochen seiner Amtszeit. Seine Einweihung fand tief unter der Stadt in der stillgelegten U-Bahn-Station Old City Hall statt. Ein Tunnel unter Manhattan, bewusst gewählt und inszeniert. Für seine Anhänger ein Bild des „Bruchs mit dem Establishment“. Für viele jüdische New Yorker jedoch eine verstörende Symbolik. In einer Zeit, in der Hamas-Tunnel zum Synonym für Terror, Entführung und Mord an Juden geworden sind, wirkt diese Inszenierung nicht neutral. Sie ist mindestens blind für die Assoziationen, die sie auslöst, wenn nicht sogar just provokativ.
Zusätzlich sorgte ein weiteres Detail für Irritation, als Mamdanis Frau während der Einweihung sichtbar in hochpreisigen Designerstiefeln neben ihm stand. Das mag banal wirken, wäre da nicht Mamdanis unermüdliche Rhetorik vom „Tax the rich“, vom moralischen Bruch mit Eliten und Luxus. Für viele jüdische Beobachter verdichtete sich hier das bekannte Muster der radikalen Gleichheitsrhetorik nach außen und der persönlichen Ästhetik der Wohlhabenden nach innen. Politisch folgte der nächste Bruch unmittelbar. Am ersten Tag im Amt distanzierte sich Mamdani explizit von der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus und beendete mehrere Maßnahmen der Vorgängerregierung, die jüdische Institutionen ausdrücklich schützen sollten. In einer Phase massiv steigender antisemitischer Vorfälle ist das ein Signal, dass die Stadt sich nicht an einen Rahmen binden lassen will, der israelbezogenen Antisemitismus klar benennt.
Diese politische Linie der Distanzierung zeigte sich auch auf der Straße. Demonstrationen in unmittelbarer Nähe jüdischer Einrichtungen – darunter vor dem Eingang der renommierten Park East Synagogue – wurden zugelassen, während bei anderen Kundgebungen offen und explizit Hamas verherrlichende Parolen dokumentiert wurden. Erst Tage später folgten verhaltene Distanzierungen aus dem demokratischen Lager. Mamdanis eigener Tweet gegen die Hamas erschien just in einer Phase zunehmender Nervosität innerhalb der Partei mit Blick auf jüdische Wähler und kommende Midterm-Wahlen. Für viele Zionisten vermittelte dies den Eindruck eines politisch kalkulierten Moments.
Besonders schwer wiegt für viele jüdische New Yorker jedoch eine Entscheidung am 5. Februar 2026, jenem Tag, an dem Mamdani den Leiter der städtischen Antisemitismus-Taskforce entließ: Moshe Davis, ein offen zionistischer Mitarbeiter, der innerhalb der jüdischen Gemeinde als glaubwürdiger Ansprechpartner galt. Offiziell ging es um „politische Neuausrichtung“. Inoffiziell wurde ein klares Zeichen gesetzt, dass zionistische Perspektiven in dieser Stadtregierung kein erwünschter Bestandteil mehr sind, selbst wenn sie dem Schutz jüdischen Lebens dienen.
Während Mamdani Israel nahezu ununterbrochen als moralischen Referenzpunkt seiner Politik heranzieht, bleibt das Thema des Iran bemerkenswert unerwähnt. Kein vergleichbarer Fokus auf ein Regime, das offen zur Vernichtung Israels aufruft und Terrororganisationen finanziert. Diese selektive Empörung verstärkt bei vielen Jüdinnen und Juden den Eindruck, dass auf Israel bezogene defensive Argumente von ideologischer Fixierung überlagert werden. Auch im sozialen Alltag zeigt sich ein Bruch. Jahrelang versprach Mamdani kostenlose Busfahrten als Symbol sozialer Gerechtigkeit. Mit Beginn seiner Amtszeit stieg der Fahrpreis jedoch von 2,90 auf 3 Dollar. Formal ist das eine Entscheidung der MTA, politisch bleibt der Widerspruch bestehen. Für die jüdische Gemeinde New Yorks ergibt sich daraus ein nüchternes Fazit. Es geht nicht um Einzelfälle wie ein einzelnes Symbol, eine einzelne Entscheidung oder einen einzelnen Tweet, sondern um ein Muster politischer Prioritätensetzung. Jüdische Sicherheit erscheint nachrangig. Zionistische Stimmen gelten als störend. Klare Abgrenzung wird vertagt, relativiert oder taktisch dosiert.
New York war lange eine Stadt, in der jüdisches Leben Teil des politischen Selbstverständnisses war. Die ersten Wochen unter Zohran Mamdani lassen daran für die Zukunft Zweifel aufkommen. Er zeigt offen, dass die Sorgen der jüdischen Gemeinde für ihn kein politischer Maßstab sind. Eine Stadtregierung, die jüdische Sicherheit nicht zum Maßstab ihrer Entscheidungen macht, sendet ein eindeutiges Signal darüber, wessen Sorgen zählen. Wer jüdische Sicherheit nicht aktiv schützt, entscheidet sich politisch dagegen.
