Schon mehr als 43.000 Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus haben die Möglichkeit genutzt, nach dem seit 2019 geltenden Staatsbürgerschaftsgesetz die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben – eine Erfolgsgeschichte.
von Gerhard Jelinek
51 Prozent der „Wiederstaatsbürger“ leben in Israel. Jeder fünfte „neue“ Staatsbürger hat seinen Wohnsitz in den USA. 5.671 „neue“ Wiederösterreicher leben in Großbritannien (13 Prozent). Das Interesse für Bewerbungen um die Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft für Nachfahren der Holocaustopfer ist ungebrochen. Durchschnittlich bewerben sich monatlich 560 Personen unter Berufung auf den Paragrafen 58c um eine österreichische Staatsbürgerschaft.
Anlässlich des Holocaust-Gedenktags kündigten der für Auslandskultur zuständige Staatssekretär Sepp Schellhorn und die Vorsitzende des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus, Hannah Lessing, ein neues gemeinsames Projekt an. Es soll die Erforschung und damit die Erinnerung an Familiengeschichten von 43.000 Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus durch dreimonatige Forschungsaufenthalte vom Außenministerium gefördert werden. In Summe sind in einem ersten Schritt dafür 100.000 Euro budgetiert. Interessenten können ihre Projekt- und Forschungsideen beim Nationalfonds einreichen. „Nach der Novelle des Staatsbürgerschaftsgesetzes im Jahr 2019, durch die bisher über 43.000 Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen haben, „geht es jetzt darum, den Dialog aufrechtzuerhalten“, umschreibt Staatssekretär Schellhorn die Motivation hinter der Initiative.
In einem ersten Schritt ist die Vergabe von zwei Stipendien an Historikerinnen und Historiker aus Österreich geplant, die gemeinsam mit „Wiederösterreicherinnen und Wiederösterreichern“ deren Familiengeschichten erforschen sollen. Dreimonatige Forschungsaufenthalte in Israel oder Großbritannien werden mit einer Summe von insgesamt 100.000 Euro im Frühsommer vom Außenministerium finanziert. Die Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten erfolgt gemeinsam mit dem Nationalfonds. Nach einer ersten Evaluierung ist geplant, das Projekt fortzusetzen und auf künstlerische und pädagogische Bereiche sowie weitere Länder auszuweiten.
Die in London lebende Kinderbuchautorin Kathy Henderson war in England eine der ersten Antragstellerinnen auf die österreichische „Wiederstaatsbürgerschaft“. Mittlerweile sind auch alle ihre Enkelkinder Österreicherinnen und Österreicher. Die Möglichkeit, die Staatsbürgerschaft wieder zu erwerben, hat bei der erfolgreichen Autorin den Impuls gesetzt, sich mit der eigenen Kindheits- und Familiengeschichte zu beschäftigen. Ausgehend von mündlich erzählten Geschichten ihrer Familie ist ihr Buch My Disappearing Uncle – Europe, War and the Stories of a Scattered Family entstanden. Es ist eine Entdeckungsreise und ein einzigartiger Blick auf die komplexe Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sie nennt das „Shaking Hands with the Past“. Auch Yakov Weisls Familiengeschichte in Österreich reicht weit zurück. Die Schwester seines Urgroßvaters, Marianne Beth, war die erste in Österreich als Rechtsanwältin eingetragene Frau. Weisl, der in Tel Aviv lebt, bewertet die Initiative als Signal, „dass wir wieder willkommen sind“. Das neue „Residency-Programm“ soll dazu beitragen, dass die Stimmen der „Wiederösterreicher“ gehört werden und Erinnerung als Beziehung, nicht mehr nur als Rückblick, gesehen wird.
