Gibt es tatsächlich in Österreich Menschen, die sich diese Frage stellen? Ja, es gibt sie. Da erzählt jemand die Geschichte, dass ein Bekannter sich jetzt eine Wohnung in Montevideo gekauft, ein weiterer sich in Budapest eine Bleibe gesichert habe. Andere kaufen Wohnungen in Israel.
von Gerhard Jelinek und Danielle Spera
Angesichts einer neuen Welle von Antisemitismus im Gefolge des Hamas-Terrorangriffs auf Israel und dem daraus resultierenden Gaza-Krieg stellen sich österreichische Jüdinnen und Juden die Frage, ob Europa noch ein sicherer Platz ist. Und in New York regiert nun ein muslimischer Bürgermeister, der sich im Wahlkampf als radikaler Israel-Gegner und Anti-Zionist geriert hat.
Es ist noch kein Massenphänomen, aber unter der Oberfläche planen viele – auch nicht-jüdische Wienerinnen und Wiener, die glauben etwas verlieren zu können –, ihre materiellen Güter und im schlimmsten Fall sich selbst „in Sicherheit“ bringen zu müssen. Diese Sicherheit, so meinen sie, sei aufgrund politischer Gründe – etwa Steuerpolitik und Enteignungsfantasien – sowie der geografischen Nähe zu einem aggressiven Russland in Österreich nicht mehr garantiert. Man hört Geschichten, die wie in einem fernen Spiegel historische Ereignisse zurückstrahlen. Allein das Gefühl, als gläubiger Jude zu bestimmten Zeiten in bestimmten Stadtvierteln nicht mehr unbehelligt auf der Straße gehen zu können, ist unerträglich. In Berlin rät Israels Botschafter jüdischen Besuchern zur Vorsicht: „Geht besser nicht mit einem Davidstern die Neuköllner Sonnenallee entlang.“
Gehen oder bleiben? Für viele in Wien lebende Jüdinnen und Juden stellt sich diese Frage bereits wieder. Rifka Junger arbeitet im Parlament in Wien. Ihre kurze Antwort ist: „Bleiben“. Die Tochter eines Rabbiners ist aufgrund ihrer Familiengeschichte prädestiniert über dieses Thema zu reflektieren. Rifkas Großvater war ein aus Ungarn stammender Jude und hat Mauthausen und das KZ Ebensee gerade noch überlebt. Er starb, 28 Jahre alt, an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen in den beiden Lagern. Jungers Vater ging nach England; die Familie erhielt die britische Staatsbürgerschaft, weil er sich außerstande sah, angesichts der Misshandlung seines eigenen Vaters Österreicher zu werden. Mittlerweile sei aber auch ihr Vater bereit, die positiven Veränderungen in Österreich anzuerkennen, erzählt Rifka Junger.
Obwohl in Österreich die Situation für Juden im Vergleich zu anderen Ländern gut ist, registriert sie einen steigenden Antisemitismus. „Meine Kinder, die sehr stolz und sichtlich orthodox gekleidet sind, spüren das leider oft. Verstärkt seit dem 7. Oktober. Auch ich habe in der Vergangenheit verbale und auch einmal einen physischen Angriff erlebt.“ Rifka Junger, die im Parlament gerade diese Thematik auf Initiative des früheren Nationalratspräsidenten Sobotka bearbeitet, stellt die Frage: „Wo leben wir eigentlich? Wo können wir hin, wo wir uns sicher, geschützt und wohl fühlen? Warum brauchen wir eigentlich überall Polizeischutz? Jüdisches Leben soll doch eine Selbstverständlichkeit sein, gerade in Österreich!“ Sie und ihre Familie fühlen sich aber trotz des dokumentierten, steigenden Antisemitismus gut aufgehoben. „In Österreich ist es bei weitem sicherer als in vielen anderen Ländern mit jüdischen Gemeinden. Das resultiert aus dem Engagement der politischen Führung im letzten Jahrzehnt in unserem Land.“ Österreich habe viel geleistet. Als britische Staatsbürgerin verfolgt Rifka Junger die Entwicklungen in England mit großer Sorge. Die Ereignisse in Manchester und die Haltung der aktuellen englischen Regierung zu diesen judenfeindlichen Ausbrüchen entsetzen sie. „Das habe ich auch König Charles III. in einem Brief erklärt. Ich bin auf seine Antwort gespannt.“ Rifka Junger hat den heutigen Monarchen 2017 bei einem Besuch, den Danielle Spera im Jüdischen Museum organisiert hatte, kennengelernt. Die Österreicherin mit englischer Staatsbürgerschaft wird bleiben. „Österreich ist meine Heimat. Israel ist die Heimat meiner Seele.“
Eine erfolgreiche junge Unternehmerin möchte nicht, dass ihr Name genannt wird. Sie meint: „Unsere Kinder sehen ihre Zukunft in Israel – sicher ein Produkt unserer Erziehung und der Tatsache geschuldet, dass sie es sich auch finanziell leisten können. Sie gehen in die Zavah, fühlen sich dazu verpflichtet und sehen keine Zukunft in Europa. Sie leben aber auch bewusst und sichtbar jüdisch und waren schon vor dem 7. Oktober auf diesem Weg. Nach den letzten zwei Jahren sind sie jedoch sehr gefestigt in dieser Entscheidung.
Entsprechend sehen wir uns auch – sobald unsere jüngste Tochter die Schule abgeschlossen hat – mehr in Israel als hier. Nicht, weil es hier momentan schon so furchtbar ist, aber gemütlicher wird es nicht werden. Wir können es uns leisten – das ist übrignes ein Riesenfaktor – und wollen dort sein, wo unsere Kinder sein werden. Ob alle in Israel auch bleiben, wird natürlich von diversen Partnern, Jobs etc. abhängig sein.
Die Entscheidung, nach Israel zu gehen, hänge natürlich von Sprache und beruflichen Möglichkeiten ab. So sagt die Unternehmerin: „Wir sprechen alle gut Ivrith und fühlen uns dort sehr ‚zu Hause‘. Das macht es natürlich wesentlich einfacher. In meinem Umfeld denken manche ähnlich – aber sicher nicht alle. Einige Kinder aus der ZPC-Schule gehen nach der Matura nach Israel (zum Studieren, für ein Jahr oder in die Zavah), nicht alle, um dort dauerhaft zu bleiben.“
Einer der wichtigsten Werber des Landes und heutige Falter-Kolumnist, Harry Bergmann, fasst es fast poetisch zusammen: „Auf gepackten Koffern zu sitzen, bedeutet Resignation. Ich weigere mich zu resignieren. Auf gepackten Koffern zu sitzen, bedeutet Angst. Ich verbiete mir diese Angst. Auf gepackten Koffern zu sitzen, bedeutet nicht zu wissen, wohin. Ich weiß wohin. Aber ja: Wachsam sein. Sehr wachsam.“
Zahlen belegen Gefühle der Unsicherheit. Im ersten Halbjahr 2025 hat die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) 726 antisemitische Vorfälle in Österreich registriert. 2023, und damit vor den Angriffen der Terrororganisation Hamas in Israel, waren es 311. Der zuständige Staatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) reagierte: „Wenn wir jüdisches Leben in Österreich erhalten wollen, braucht es Schutz, Solidarität und eine klare Haltung – jeden Tag.“ Freilich: Allein, dass jüdisches Leben als „selbstverständlicher Bestandteil Österreichs“ nur dank umfassender Sicherheitsvorkehrungen möglich ist, zeigt die Dringlichkeit des Problems. Integrationsministerin Claudia Plakolm (ÖVP) betonte den Hintergrund der Täterinnen und Täter: Muslimisch motivierter Antisemitismus liege bei den Gesamtdelikten auf Platz zwei und bei den tatsächlichen Angriffen an der Spitze. „Gewalt gegen Jüdinnen und Juden kommt zunehmend aus islamistisch geprägten Milieus, und das ist eine ganz besorgniserregende Entwicklung.“
Der Präsident der jüdischen Organisation B´nai Brith Österreich ortet ein Versagen der Politik: In Österreich und Europa sei man teilweise auf dem linken Auge blind, der Linksextremismus sei auch in sozialdemokratische Kreise eingedrungen. „Wenn man einen Hetzer gegen Israel wie Milo Rau als Wiener Festspiel-Intendanten akzeptiert, lässt sich die Glaubwürdigkeit vieler Politiker-Sonntagsreden kaum noch wahren.“ Es werde mit dem Finger fast ausschließlich nach rechts gezeigt, so Wagner. Auch der islamistische Antisemitismus sei ein ernstes Thema. „Aufgrund der – meiner Ansicht nach – anerzogenen Judenfeindschaft in Teilen der türkischen und arabischen Community, die in Wien in etwa 10 bis 15 Jahren nahezu die Hälfte der Wiener Bevölkerung ausmachen wird, sehe ich ein jüdisch-liberales Leben in Wien in Zukunft fast unmöglich.“ Das kulturelle Leben, das gegenwärtig auch jüdisch geprägt ist, werde sich verändern, meint Wagner und berichtet aus dem Alltag seiner Familie, die bereits seit Jahrhunderten in Wien lebt und schon zwei Mal aus ihrer Heimatstadt flüchten musste: „Bereits heute traut sich meine Tochter nicht mehr, im Taxi in Wien hebräisch zu sprechen. In Ottakring, Fünfhaus, Simmering und Favoriten kann man nicht mehr offen mit einer Kippa auf der Straße gehen. Wagner ist kein auffallender Name, aber meine Tochter heißt seit ihrer Hochzeit Cohen, da wird man schon unangenehm angesprochen. Sie lebt mit ihrer Familie schon viele Jahre in Israel und kann sich heute eine Rückkehr nach Österreich kaum noch vorstellen.“
Gehen oder bleiben? Diese Frage mussten sich in den 1930er-Jahren Zehntausende Jüdinnen und Juden in Österreich stellen. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus war klar, was Hitler und seine Volksgenossen planten. Nun wiederholt sich Geschichte gewiss nicht 1:1, aber Antisemitismus und Judenhass zeigen sich in Europa (und weiten Teilen der Welt) seit zweitausend Jahren mit all den mörderischen Auswirkungen: Gesellschaftliche Ausgrenzung, Ächtung, Verfolgung, Beraubung, Vertreibung, Ermordung. Parallelen zu den 1930er-Jahren mögen weit hergeholt sein, Antisemitismus und Judenhass waren damals gesellschaftlich und politisch legitimiert. Das ist es heute nicht.
Aber in vielen Städten Europas, besonders manifest in England und Frankreich, hat die islamistisch geprägte Judenfeindlichkeit durch die Massenmigration aus dem arabischen Raum ganze Städte erobert. Teile von Paris, London oder Berlin sind für Juden keine sicheren Orte mehr. Spanische Politiker oder neuerdings ein New Yorker Bürgermeister zeigen unverhohlen ihre Sympathien für anti-israelische Proteste und Haltungen. Tag für Tag werde Israel dämonisiert und delegitimiert. Die Folgen seien für alle Juden spürbar. Noch sei es ein Skandal, dass ein israelischer Dirigent von einem Festival in Belgien ausgeladen werde, noch bleibt die Störung von Orchesterkonzerten israelische Künstler ein kurzer Vorfall, noch wird über den Ausschluss Israels vom „Song Contest“ nur diskutiert, noch müssen „nur“ Spiele israelischer Mannschaften nach Budapest verlegt werden, weil anderswo die Sicherheitsbedenken zu groß sind. Noch.
Wir fragen in der bucharisch-jüdischen Gemeinde in Wien nach und treffen auf Michael Galibov: „Ich bin 1980 in Wien geboren. Meine Generation hat hier Familien gegründet, eine Gemeinde aufgebaut und eine Zukunft geschaffen, die für uns immer nur an einem Ort möglich war: in Österreich. Für mich gab es nie eine andere Antwort auf die Frage, wo ich die Zukunft meiner Kinder sehe. Es war immer Wien – meine Heimatstadt.
Nach dem 7. Oktober hat sich das jedoch schlagartig verändert. Ein Judenhass, der wieder salonfähig geworden ist, bedroht die Zukunft unserer Kinder in einem Ausmaß, das ich mir nie vorstellen konnte. Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich darüber nach, ob wir eines Tages gehen müssen – und allein dieser Gedanke tut mir weh. Europa hat 2015 schwere Fehler gemacht. Die Hilfsbereitschaft wurde von manchen als Schwäche ausgelegt, und die Mehrheit bleibt oft erschreckend still. Diese Stille trägt zur Radikalisierung und zur schleichenden Kapitulation Europas bei – man sieht es in Frankreich, England und Deutschland. Europa fehlt es an starken Persönlichkeiten, die bereit sind, hart durchzugreifen – ohne Wenn und Aber. So ein Verhalten wird schnell ins rechte Eck geschoben, hat aber genau nichts damit zu tun. Wenn man seine Werte verteidigen muss, gehören auch unangenehme Dinge dazu – alles andere sind verlorene Kilometer.“, sagt der Vizepräsident der IKG und Vizeobmann des Vereins bucharischer Juden-JACHAD, Michael Galibov.
Gehen oder bleiben? In den späteren 1930er-Jahren mussten viele jüdische Familien in Wien eine Entscheidung treffen. Die meisten sind (zu lange) geblieben, bis sie vom Gewaltregime der Nationalsozialisten vertrieben oder ermordet wurden. Viele hatten auch keine Chance, das Land rechtzeitig zu verlassen, und sahen auch keine Zukunft fern der Heimat. Israel als Fluchtpunkt und Hoffnungsland war noch nicht gegründet.
Eine bloße Unterschrift für ein gutes Zusammenleben reiche nicht. Es brauche echte Konsequenz. In jedem Unternehmen würde man sich von jemandem trennen, der den Frieden und das Miteinander gefährde. Für einen Staat dürfe nichts anderes gelten. Das sei unangenehm, aber notwendig – ohne Wenn und Aber, meint Galibov. Und weiter: „Doch wenn sich nichts ändert, sehe ich unsere Zukunft in Israel und zwar besser gestern als heute. Wir haben bereits in unserer Familie darüber gesprochen, und schon das ist ein Problem – darüber sprechen zu müssen! Man möge sich vorstellen – es gebe Israel nicht – was wäre aus uns allen geworden? Am Israel Chai.“
