Viereinhalb Jahre war Nikolaus Lutterotti österreichischer Botschafter in Israel. Am 1. September hat er die Sektion VII im Außenministerium übernommen – Internationale Partnerschaften und Humanitäre Hilfe. In NU zog er Bilanz über seine Tätigkeit in Israel.
Der aus einer Südtiroler Adelsfamilie stammende Jurist – Stationen in Peking oder bei der UN-Vertretung in New York – kam 2022 nach Tel Aviv, ein Wunschziel in seiner Karriere: „Für mich waren es viereinhalb großartige Jahre. Ich habe es als ein großes Privileg empfunden, österreichischer Botschafter in Israel zu sein. Das ist eine ganz besondere Aufgabe, nicht immer leicht, sondern oft anspruchsvoll, aber gleichzeitig bereichernd für mich und auch für meine Familie“, erzählt Nikolaus Lutterotti. Zu den ersten Höhepunkten zählte die Unterzeichnung einer strategischen Partnerschaft zwischen Österreich und Israel unter Kanzler Nehammer und dem damaligen israelischen Premier Lapid. „Das war mehr oder weniger ein Ausdruck dessen, wie gut die Beziehungen zwischen Österreich und Israel über die Jahre geworden sind. Für mich und die Botschaft hier war das auch ein Aufgabenkatalog, den wir abarbeiten wollten“, sagt Lutterotti. Doch dann kam der 7. Oktober 2023.
Der Tag, der alles teilte
An jenem Samstag in der Früh drangen Hamas-Terroristen aus Gaza nach Israel ein, ermordeten mehr als 1.200 Menschen und verschleppten 250 Geiseln. „Es kam überraschend und so schnell. Man hatte keine Zeit, sich wirklich darauf vorzubereiten“, erinnert sich Lutterotti. „Es war nicht nur das größte Massaker an Juden und Jüdinnen seit dem Holocaust. Es ist auch die tiefste Zäsur in der Geschichte Israels seit 1948. Das hat nicht nur das Land geprägt, sondern natürlich auch die Arbeit der österreichischen Botschaft stark mitbestimmt.“ Rund 9.500 Österreicherinnen und Österreicher lebten damals in Israel, viele wollten das Land verlassen. „Wir waren sofort mitten im Krisenmanagement. Mein Team hat extrem gut gearbeitet. Unsere Hauptaufgabe bestand darin, für die Österreicherinnen und Österreicher, die nach Hause wollten, eine Ausreise sicherzustellen. Gleichzeitig hatte ich meine Familie hier, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten ihre Familien hier, um die man sich auch kümmern musste, die das ja auch miterlebten.“ Mit Hilfe des Bundesheeres und des Jagdkommandos gelang über den noch offenen Flughafen Ben Gurion eine erste Evakuierungswelle, weitere folgten.
Gesichter statt Zahlen
Schon eine Woche später wurde Lutterotti vom Hostage Family Forum eingeladen, Geiselfamilien zu treffen. „Ich habe gleich zugesagt, obwohl ich großes Bauchweh hatte. Denn es ist ja wirklich schwierig: Was sagt man der Mutter, der Schwester, dem Bruder, dem Großvater, der Großmutter einer Geisel?“ Unter den Verschleppten war mit Tal Shoham auch ein österreichischer Doppelstaatsbürger. Die Rede, die Lutterotti am Hostage Square an der Seite von Shohams Familie hielt, bleibt ihm besonders in Erinnerung: „Es war nicht einfach, die richtigen vor dessen Freilassung, im Kreis der Angehörigen „mit hoher Nervosität, aber auch Vorfreude“. Zugleich machte ihn betroffen, wie rasch in Europa Antisemitismus aufflammte: „Der 7. Oktober war das größte Trauma, aber die jüdische Bevölkerung in Israel hat durch die Freudenfeiern in Europa unmittelbar am Tag des Massakers und durch das Erstarken des Antisemitismus ein weiteres Trauma erfahren. Das sitzt tief.“
Was bleibt
Während seiner Amtszeit haben ihn Begegnungen mit österreichischen Holocaustüberlebenden besonders berührt: „Sie alle haben irgendwo noch einen Platz in ihrem Herzen, der positiv auf Österreich blickt.“ Seit 2019 können Nachkommen von Verfolgten durch das NS-Regime die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. „Als ich 2022 nach Israel kam, waren es 5.000, mittlerweile sind es 23.500. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man angesichts einer sehr schwierigen Familiengeschichte die österreichische Staatsbürgerschaft annimmt“, sagt Lutterotti; doch für viele schließe sich damit ein Kreis in der eigenen Lebensgeschichte. „Also gehe ich mit einer großen Dankbarkeit, dass ich das erleben durfte, zurück nach Österreich. Wenn man hier ist, versteht man vielleicht die Herausforderungen und die Schwierigkeiten, denen Israel gegenübersteht, besser. In den letzten viereinhalb Jahren gab es doch eine sehr starke Politisierung und Polarisierung der israelischen Gesellschaft. Das hat meine Einstellung zu Israel aber nicht geändert. Ich habe eine große Achtung vor der Leistung dieses Landes. Was Israel seit 1948 geschaffen hat, ist wirklich beeindruckend“, sagt Lutterotti. Vermissen wird er das Meer – „ein echtes Privileg“ für jemanden aus einem Binnenstaat. „Auch die israelische Mentalität wird mir abgehen. Damit meine ich eine sehr offene, direkte Art, eine Just-doit-Mentalität, eine Risikofreudigkeit, eine Innovationsfreudigkeit, vor allem eine Familienfreundlichkeit. Das habe ich in Israel sehr geschätzt – und nicht zuletzt das Essen.“

