Arad Benkö übernimmt im Sommer den bislang bedeutendsten Posten seiner Laufbahn – und blickt dabei auf eine Familiengeschichte zurück, die er selbst „wie ein Blueprint für Schindlers Liste“ beschreibt.
Wenn Arad Benkö im Sommer als österreichischer Botschafter nach Tel Aviv geht, kehrt er nicht nur an einen früheren Dienstort zurück (von 2006 bis 2009 leitete er dort bereits das Österreichische Kulturforum), er tritt auch, nach Mischa Rendi, erst als zweiter Botschafter Österreichs mit jüdischen Wurzeln dieses Amt an. „Mir hat einmal ein älterer Kollege gesagt, dass ich sicher niemals nach Israel gehen werde, denn das geht einfach nicht als Jude“, erzählt Benkö. „Diese Politik hat sich geändert.“
Eine Familiengeschichte des Exils
Benkös Großvater väterlicherseits stammte aus Neusiedl am See, wo die Familie (ursprünglich Wallenstein, durch Einheirat Benkö) ein Textilgeschäft am Hauptplatz führte, ein Haus, das die Familie bis heute besitzt. 1938 musste der Großvater mit Eltern und Schwester wie alle burgenländischen Juden flüchten, sie gingen nach Györ. Es nützte nichts: 1944 marschierten die Nazis in Ungarn ein, er kam nach Auschwitz, überlebte als
Einziger seiner Familie den Todesmarsch nach Mauthausen und wurde in Gusen befreit. „Aus mir bis heute nicht verständlichen Gründen“, so Benkö, kehrte sein Großvater bereits im Juli 1945 nach Neusiedl zurück, heiratete eine Christin und konnte das Geschäft, das arisiert worden war, zurückbekommen. „In Neusiedl hat jeder gewusst, das ist der Sohn vom Juden“, sagt Benkö über seinen Vater. Über den Holocaust selbst wurde in der Familie geschwiegen: „Mein Vater redet nicht gern darüber.“ Es war die dritte Generation, erzählt Benkö, die einen gelösteren Zugang fand. Er selbst stand während der Diskussionen um die Kriegsvergangenheit von Kurt Waldheim 1986 als junger Mann bei den Mahnwachen am Stephansplatz. Dort hörte er den Diskussionen zwischen jungen Wienern, jüdischen Studenten und älteren Männern zu, die 1938 am Heldenplatz gestanden waren. Sein Vater trat unmittelbar nach der Schulzeit zum Judentum über und machte 1968 Alija (hebräisch für „Aufstieg“, darunter versteht man die Einwanderung von Jüdinnen und Juden nach Israel), wo er Benkös Mutter kennenlernte – deren eigene Familie über Ungarn, britische Internierungslager und einen Kibbutz nach Haifa gefunden hatte. Seinen Namen verdankt Arad Benkö dem Film „Exodus“: Aus dessen Helden Ari Ben Kanaan machte seine Mutter „Arad“ – ein Name aus drei verschiedenen Buchstaben, „Jeder steht für etwas, für Glauben, für Wille, für den Weg“.
Mit sechs Jahren kam er nach Wien.
Zwischen Lycée und Theresianum. Am Lycée français war Religion, erinnert sich Benkö, „ein Non-Thema“ – wenn die jüdische Religionslehrerin nicht da war, ging man eben zur katholischen Kollegin und umgekehrt. Anders am Theresianum, wohin er als „sehr schlimmer Schüler“ wechselte: „Ich war mit Antisemitismus konfrontiert, wie ich ihn bis dahin nicht kannte.“ Jemand schrieb „Saujude“ auf sein Kästchen – in der Waldheim-Zeit, als vielerorts über die Juden „von der Ostküste“ geschimpft wurde. Bei seinem Geschichtslehrer, der auch schon zu Schulzeiten seines Vaters gelehrt hatte, endete der Geschichtsunterricht 1938. „Er sagte zu uns: `Dann kam der Führer.´ Dabei hat der Lehrer seine Hand zum Hitlergruß gehoben. Das war halt so.“ Das wäre heute am Theresianum oder auch anderen Schulen nicht möglich, Gott sei Dank, sagt Benkö heute und ergänzt nüchtern: „Antisemitismus hat einfach zur Folklore gehört.“ Religiös blieb er säkular geprägt – das Selbstverständnis einer jüdischen Mehrheitsgesellschaft und der existentiellen Bedeutung eines jüdischen Staates habe er verinnerlicht, weniger die religiösen Riten.
Neun Auslandseinsätze
Über Bonn, Pristina, Bukarest und Brüssel, als Botschafter in Lettland und Georgien und zuletzt drei Kriegsjahre als Botschafter in Kiew hat Benkö fast zwanzig Jahre im Ausland verbracht. „Ich habe schon ein bisschen mehr gesehen als so mancher Österreicher, es ist ein außergewöhnlicher Job.“ Die Ukraine hat ihn geprägt, auch persönlich: Er war bei der Exhumierung der Massengräber von Isjum im September 2022 dabei, „Ich sah dort hunderte Leichen, Kinder, Frauen, Männer“. Auf die Bilder des 7. Oktober habe ihn das auf eine traurige Weise vorbereitet.: Und doch sieht er den
Unterschied klar: In der Ukraine gehe es um staatliche Unabhängigkeit, in Israel sei durch den 7. Oktober „ein Trauma reaktiviert worden“, die höchste Zahl an jüdischen Todesopfern seit der Shoah.
Der Blick nach Europa
Dass Israel in Europa mit anderen Maßstäben gemessen werde als andere Staaten, führt Benkö auch auf die europäische Geschichte zurück: „Natürlich ist Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten. Aber Europas Verhältnis zu Juden ist geschichtlich aufgeladen und schwierig und beeinflusst den politischen Diskurs.“ Umso wichtiger sei der politische Dialog, der zuletzt abgenommen hat. Als Botschafter will er ihn wiederbeleben: „Sieben österreichische Minister haben bereits signalisiert, dass sie nach Israel kommen wollen.“ Für seine Amtszeit nennt Benkö drei Ziele: die „People-to-People-Kontakte“ wiederbeleben, Schüler- und Lehreraustausch, Zivildienst, Wissenschaft –, die Wirtschaftsbeziehungen ausbauen, etwa bei Bahninfrastruktur und Cybersecurity, und den kulturellen Austausch stärken. Am Ende, sagt er, brauche es vor allem eines zwischen Europa und Israel: „Man muss miteinander kommunizieren.“

Botschafter Arad Benkö beim NU-Gespräch mit Danielle Spera. ©Fabian Gaida
