Rosch Haschana und Jom Kippur sind die wichtigsten Feiertage im Judentum. Sie gelten als Tage des Gerichts, der Umkehr und der Versöhnung.
von Fritz Rubin-Bittmann
Die sogenannten Hohen Feiertage im Judentum beginnen mit Rosch Haschana am 1. und 2. Tischri und enden mit Jom Kippur am 10. Tischri.
Im Jahr 2026 dauern sie also vom Abend des 11. September bis zum Abend des 21. September. Auf Hebräisch heißen diese Tage Jamim Noraim, „Tage der Ehrfurcht“. Sie laden dazu ein, über das eigene Leben nachzudenken, Fehler einzugestehen und einen neuen Anfang zu wagen.
Rosch Haschana – der Geburtstag der Welt
Rosch Haschana ist das jüdische Neujahrsfest. Es gilt als „Geburtstag der Welt“ und erinnert an die Schöp- fungsgeschichte. Nach jüdischer Vorstellung gedenkt Gott an diesem Tag aller Lebewesen und beurteilt die Taten jedes Menschen. Deshalb wird Rosch Haschana auch Jom haSikaron, „Tag des Gedenkens“, und Jom haDin, „Tag des Gerichts“, genannt. Trotz dieses ernsten Gedankens ist Rosch Haschana kein trauriger Tag. Das Fest verbindet Besinnung mit Zuversicht und festlicher Freude. Man hofft darauf, in das „Buch des Lebens“ für ein gutes neues Jahr eingeschrieben zu werden.
Der Klang des Schofars
Ein zentrales Zeichen von Rosch Haschana ist der Klang des Schofars, eines Widderhorns. Seine Töne sollen die Menschen innerlich aufrütteln. Sie erinnern daran, innezuhalten, das eigene Verhalten zu prüfen und sich zu bessern. Daher trägt Rosch Haschana auch den Namen Jom Terua, „Tag des Schofar-Schalls“.
Taschlich – das symbolische Wegwerfen der Sünden
Am Nachmittag von Rosch Haschana gehen viele Jüdinnen und Juden zu einem fließenden Gewässer. Dort sprechen sie Gebete und werfen symbolisch Brotkrumen ins Wasser. Dieser Brauch heißt Taschlich, wörtlich „du sollst werfen“. Die Krümel stehen für Fehler und Verfehlungen, die fortgetragen werden sollen. Entscheidend ist dabei nicht das äußere Zeichen, sondern der ehrliche Wunsch, das eigene Verhalten zu ändern. In Wien versammelten sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung, als hier rund 200.000 Jüdinnen und Juden lebten, zum Taschlich viele Menschen entlang des Donaukanals. Auch heute wird dieser Brauch dort gepflegt, wenn auch von einer wesentlich kleineren Gemeinde. Zu Rosh Hashana finden feierliche Abendessen im Familienkreis statt: Man isst symbolische Speisen wie Früchte, die man im neuen Jahr noch nicht gegessen hat, und als Besonderheit ist das traditionelle Brot rund, nicht länglich, um auf den Lebens- und Jahreskreis hinzuweisen. Es wird außerdem in Honig getaucht, damit wir ein süßes Jahr erleben. Auf dem Tisch steht ein Fischkopf, der für den Jahresanfang („Kopf des Jahres“) steht und uns daran erinnern soll, in diesem Jahr mit dem Kopf zu sein und nicht mit dem Schwanz, also Vorreiter und nicht Mitläufer.
Jom Kippur – der Versöhnungstag
Zehn Tage nach Rosch Haschana folgt Jom Kippur, der Versöhnungstag. Er ist der höchste Fasten- und Feiertag des jüdischen Jahres. Jom Kippur erinnert daran, dass jeder Mensch Verantwortung trägt – vor Gott und gegenüber seinen Mitmenschen. Der Tag ist von Ernst und Demut geprägt, zugleich aber auch von Hoffnung auf Vergebung und einen neuen Anfang. Von Sonnenuntergang bis zum folgenden Abend wird gefastet. Ein großer Teil des Tages wird in der Synagoge mit Gebeten verbracht. Fasten, Gebet und Wohltätigkeit sind jedoch kein Selbstzweck. Sie sollen das Herz öffnen und die Menschen zu aufrichtiger Umkehr führen.
Teschuwa – Umkehr statt bloßer Reue
Das hebräische Wort Teschuwa bedeutet wörtlich „Rückkehr“ oder „Umkehr“. Gemeint ist mehr als das Bedauern einer Tat. Echte Teschuwa setzt voraus, dass man einen Fehler erkennt, ihn aufrichtig bereut, Verantwortung übernimmt und sich bemüht, ihn nicht zu wiederholen. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Verfehlungen gegenüber Gott und Verfehlungen gegenüber anderen Menschen. Nach dem Talmud kann Jom Kippur Sünden gegenüber Gott sühnen. Wer jedoch einen Mitmenschen verletzt, beleidigt oder geschädigt hat, muss diesen Menschen selbst um Verzeihung bitten und, soweit möglich, den Schaden wiedergutmachen. Erst dann kann Versöhnung gelingen.
Widdui – das Sündenbekenntnis
Ein wichtiger Bestandteil der Gebete an Jom Kippur ist das Widdui, das Sündenbekenntnis. Es wird zunächst leise und später gemeinsam mit dem Vorbeter gesprochen. Dabei bekennt die Gemeinde die Verfehlungen in der Wir-Form. Niemand stellt sich über die anderen; alle übernehmen gemeinsam Verantwortung.
Vom Tempeldienst zum Gebet
In der Zeit des Jerusalemer Tempels stand zu Jom Kippur der Dienst des Hohepriesters im Mittelpunkt. Nur an diesem Tag durfte er das Allerheiligste betreten. Er bekannte die Sünden des Volkes und sprach den heiligen Namen Gottes aus. Priester und Volk warfen sich daraufhin nieder und antworteten: „Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches für immer und ewig.“ Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n. d. Z. konnte dieser Tempeldienst nicht mehr stattfinden. An seine Stelle traten Gebet, Fasten, Sündenbekenntnis und Wohltätigkeit. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt vom äußeren Ritual auf die innere Haltung des Menschen.
Die Entwicklung der Gebete
Das Widdui geht auf das Sündenbekenntnis des Hohepriesters zurück, das im dritten Buch Mose erwähnt wird. Der Kern lautet: „Fürwahr, wir haben gesündigt.“ Auffallend ist, dass vor allem moralische Verfehlungen genannt werden: Unaufrichtigkeit, Hartherzigkeit, verletzende Worte, Untreue oder die Missachtung anderer Menschen. Es geht also nicht nur um religiöse Vorschriften, sondern vor allem um menschliches Verhalten. Die zentrale Botschaft bleibt dieselbe: Der Mensch kann sich verändern, Verantwortung übernehmen und neu beginnen. Rosch Haschana und Jom Kippur verbinden Gericht und Hoffnung. Der Mensch wird an seine Verantwortung erinnert, aber nicht auf seine Fehler festgelegt. Umkehr, Vergebung und Versöhnung sind möglich – vorausgesetzt, sie bleiben nicht bei Worten, sondern zeigen sich im Handeln. In diesem Sinn: Schana Tova, ein gutes neues Jahr!
