Im Leopold Museum begegnen einander derzeit zwei Künstler, deren Werke auf den ersten Blick weit auseinanderliegen und dennoch so gut harmonieren: der österreichische Maler Herbert Boeckl und der Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn.
von René Wachtel und Danielle Spera
Im Leopold Museum begegnen einander derzeit zwei Künstler, deren Werke auf den ersten Blick weit auseinanderliegen und dennoch so gut harmonieren: der österreichische Maler Herbert Boeckl und der Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn. Die Ausstellung „Archetypen des Figuralen“ stellt ihre Gemälde und Skulpturen in einen offenen Dialog. Während Boeckl längst zum Kanon der österreichischen Moderne gehört, ist Josephsohn hierzulande noch immer eine Entdeckung. Dabei ist sein Lebensweg untrennbar mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden. Hans Josephsohn wurde 1920 im ostpreußischen Königsberg in eine jüdische Familie geboren. Schon als Kind modellierte er Figuren aus Plastilin. Der Wunsch, Bildhauer zu werden, stand früh fest, doch im nationalsozialistischen Deutschland war ihm als Juden eine künstlerische Ausbildung verwehrt. 1938 konnte er mit Hilfe einer jüdischen Organisation ein Studium in Florenz beginnen. Die antisemitischen Gesetze des faschistischen Italiens zwangen ihn jedoch schon bald zur erneuten Flucht. In Zürich fand er im Atelier des Bildhauers Otto Müller einen Ort, an dem er arbeiten und lernen konnte. Müller bestärkte ihn darin, sich ganz der Bildhauerei zu widmen. Der Anfang in der Schweiz war schwierig. Josephsohn lebte und arbeitete in seinem Atelier, benutzte gebrauchte Werkzeuge und musste lange um eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung kämpfen. Nach dem Krieg drängten ihn die Schweizer Behörden zur Rückkehr nach Deutschland, in jenes Land, das seine Familie vertrieben und zu großen Teilen ermordet hatte. Er weigerte sich. Erst 1950 erhielt er eine dauerhafte Bewilligung, auf das Schweizer Bürgerrecht musste er insgesamt 26 Jahre warten. Josephsohn blieb der menschlichen Figur sein Leben lang treu. Er folgte weder den Moden des Kunstbetriebs noch den Verheißungen der völligen Abstraktion. Köpfe, Halbfiguren, Stehende und Liegende wurden zu seinem eigentlichen Thema. Seine Skulpturen sind keine Porträts im herkömmlichen Sinn. Sie reduzieren den Menschen auf Präsenz, Haltung und Körperlichkeit. Die grob bearbeiteten Oberflächen lassen jede Spur des Modellierens sichtbar werden und verleihen den Figuren eine beinahe archaische Kraft. Menschen aus seinem persönlichen Umfeld wurden immer wieder zu Modellen und Auslösern neuer Werkphasen. Besonders Ruth Jacob, über viele Jahre seine Muse, prägte seine Hinwendung zur menschlichen Figur. Seit den 1960er-Jahren entstanden die monumentalen „Liegenden“, die heute zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen. Auch in der Ausstellung im Leopold Museum entfalten sie eine fast körperlich spürbare Präsenz. Die große Anerkennung kam spät. Josephsohn hatte bereits ein umfangreiches Werk geschaffen, als sich internationale Museen und Galerien für ihn zu interessieren begannen.
1992 entstand in Giornico im Tessin, nach Plänen des Architekten Peter Märkli, ein Museum für seine Arbeiten. Es folgten Ausstellungen, Preise und schließlich auch jene Aufmerksamkeit, die ihm lange versagt geblieben war. Hans Josephsohn starb 2012 im Alter von 92 Jahren. Seine Kunst aber wirkt gerade deshalb so gegenwärtig, weil sie nichts illustrieren und nichts erklären will. Sie fragt nach dem Menschen – nach seiner Verletzlichkeit, seiner Schwere und seiner Fähigkeit, sich trotz allem zu behaupten. In der Ausstellung im Leopold Museum stellt Direktor und Kurator Hans-Peter Wipplinger 40 Skulpturen Josephsohns in einen spannenden Dialog mit 35 Gemälden Herbert Boeckls. Es ist die bisher größte Präsentation seines Werkes in Österreich und eine seltene Gelegenheit, einen Künstler kennenzulernen, der aus Flucht, Verlust von Heimat und lebenslanger Beharrlichkeit eine unverwechselbare Formensprache entwickelte.


