Kommentar von Martin Engelberg
„Wohin gehen wir eigentlich, wenn es hier nicht mehr geht?“-Diese Frage hört man in letzter Zeit immer öfter, wenn Juden sich untereinander unterhalten. Was vor wenigen Jahren noch wie eine abwegige, fast paranoide Überlegung klang, ist heute ein ernsthaftes Gesprächsthema am Schabbattisch.
Der Grund liegt auf der Hand: In Europa ist die Zahl antisemitischer Übergriffe und Anschläge dramatisch gestiegen. In Ländern wie Frankreich, Belgien, Großbritannien und Deutschland trauen sich viele Juden nicht mehr, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen. Man verzichtet auf den Davidstern an der Halskette, auf jedes äußere Zeichen, das einen als Juden erkennbar macht. Ein stilles Untertauchen mitten in Europa, im Jahr 2026. Verschärft wird die Lage dadurch, dass einige europäische Regierungen ganz offen und radikal antiisraelisch agieren – und damit die jüdischen Gemeinden im eigenen Land faktisch antisemitischen Attacken ausliefern. Wer als Staat Israel dämonisiert, darf sich nicht wundern, wenn die eigenen jüdischen Bürger die Rechnung dafür bezahlen.
Und Israel selbst? Auch dort ist die Lage alles andere als entspannt. Das Land befindet sich mittlerweile seit fast drei Jahren im Krieg. Große Teile der Bevölkerung müssen immer wieder aus ihrem Berufsleben aussteigen, ihre Familien verlassen, um Reservedienst zu leisten. Wellen von Raketenangriffen aus dem Iran, lich, wenn es hier nicht mehr geht?“ Diese aus dem Libanon, aus dem Jemen zerren an den Nerven der direkt betroffenen Zivilbevölkerung. Dazu kommt ein Land, das politisch tief gespalten ist – die bevorstehenden Parlamentswahlen sorgen für zusätzliche Spannung statt für Entlastung.
Bemerkenswert ist trotzdem: Die israelische Wirtschaft zeigt sich unglaublich resilient. Für 2026 wird ein Wirtschaftswachstum von 4,0 Prozent erwartet, für 2027 sogar von 5,5 Prozent – Zahlen, von denen europäische Volkswirtschaften nur träumen können. Und dennoch ist die Abwanderung aus Israel in den letzten Jahren außergewöhnlich hoch. Wirtschaftliche Stärke allein hält offenbar niemanden, wenn die psychische Dauerbelastung durch Krieg, politische Spannungen und Ungewissheit zu groß wird.
Bleiben die USA. Aber auch dort wächst die Sorge. Der Aufstieg radikal linker, virulent antiisraelischer und antisemitischer Politiker beunruhigt viele amerikanische Juden zutiefst. Die Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York – der größten jüdischen Stadt außerhalb Israels –, der mit seinem Israel-Hass gar nicht erst hinter dem Berg hält, hat viele erschüttert und tatsächlich zur Abwanderung bewogen.
Die „Democratic Socialists of America“ (DSA) verfolgen offen das Ziel, die Demokratische Partei zu unterwandern und möglichst viele ihrer Aktivisten in den Kongress zu bringen. So hat auch der arabisch-stämmige Politiker Abdul El-Sayed, berüchtigt für seine israel-feindlichen Einstellungen, die demokratischen Vorwahlen im Bundesstaat Michigan gewonnen und rittert jetzt Kopf-an-Kopf mit dem republikanischen Kandidaten um den Einzug in den mächtigen US-Senat. Für die jüdische Gemeinschaft in den USA ein weiteres Alarmsignal.
Kein Wunder also, dass sich nicht wenige fragen: Wiederholt sich hier womöglich die Situation der 1930er Jahre? Verpassen Juden wieder einmal den richtigen Zeitpunkt zur Abwanderung, weil man es bis zuletzt nicht wahrhaben will?
Wohin also gehen? Europa wird zunehmend feindlicher. In den USA wächst die Sorge vor dem politischen Rand. Und Israel, eigentlich als letzter Zufluchtsort für bedrohte Juden gedacht, ist im Krieg und tief gespalten. Die Frage stellt sich heute also immer lauter – und eine wirklich beruhigende Antwort darauf hat derzeit niemand.
Mitunter fällt dabei – noch halb im Scherz – der Name Argentinien. Präsident Javier Milei verfolgt eine betont pro-israelische und pro-jüdische Politik, und mit rund 175.000 Mitgliedern lebt dort eine der größten jüdischen Diaspora-Gemeinden weltweit. Ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet Argentinien – einst Zufluchtsort auch für geflohene Nationalsozialisten – heute als sicherer Hafen für Juden gehandelt wird.
