Otto Schwarzendorfer, Spenglermeister in Wien, machte 2021 beim Besuch der Sonderausstellung „Die Gerechten; Courage ist eine Frage der Entscheidung“ der Freunde von Yad Vashem eine prägende Erfahrung.
von René Wachtel
Erstmals erfuhr er von den „Gerechten unter den Völkern“ – Menschen, die während der Nazizeit europaweit Juden gerettet hatten, darunter rund 60 Österreicher. „Ich war beeindruckt von diesen Menschen, die oft einsame und meist lebensgefährliche Entscheidungen getroffen haben“, sagt er.
Das Thema ließ ihn nicht mehr los. Besonders fesselte ihn die Geschichte des Trios Julius Madritsch (1906–1984), Raimund Titsch (1897–1968) und Oswald Bosko (1907–1944), das in Krakau jüdischen KZ-Häftlingen half: Madritsch betrieb eine Textilfabrik, Titsch war dort Fotograf und Fabrikleiter, der Wiener Polizist Bosko – ursprünglich NS-Anhänger – wandte sich zunehmend gegen die Verbrechen, deren Zeuge er wurde. Gemeinsam verhalfen die drei Menschen zur Flucht aus dem Ghetto und schmuggelten Nahrung hinein. Als Madritsch 1942 von der bevorstehenden Deportation der Ghetto-Kinder nach Auschwitz erfuhr, schmuggelte er sie – betäubt und in Kartoffelsäcken versteckt – in die Fabriken und rettete sie so. Madritsch und Titsch überlebten; Bosko wurde verraten und am 18. September 1944 von der Gestapo exekutiert.
Diesem Trio setzte Schwarzendorfer ein Denkmal: eine Figurengruppe aus neun rund 60 cm großen, nach Bildvorlagen bemalten Tonfiguren, in dreijähriger Arbeit gefertigt und auf verzinkten Stahlplatten montiert – heute in einem Glaskasten ausgestellt.
Da die Hälfte der „Gerechten“ Frauen waren, recherchierte Schwarzendorfer mit seiner Frau weiter: „Frauen handelten meist allein, nicht in Gruppen – sie waren in ihrer Nachbarschaft bekannt, jede Hilfe war hochriskant.“ So entstand eine zweite Gruppe, gewidmet der Opernsängerin Marianne Goltz (1943 von der Gestapo hingerichtet), Maria Steiner (versteckte drei Jahre lang eine jüdische Nachbarin), Irene Harand (verfasste vor 1938 das Buch „Sein Kampf – Antwort an Hitler“, floh in die USA und organisierte von dort die Rettung von über 100 Menschen) und Ella Lingens-Reiner (nahm mit ihrem Mann während der Reichspogromnacht zehn jüdische Familien auf, wurde später verraten, überlebte als Häftlingsärztin Auschwitz und trat bei den Auschwitz-Prozessen als Zeugin auf). Vier Frauen und zwei Kinder, auf und neben einer Parkbank platziert, bilden ein eindrucksvolles Bild starker Frauen. Schwarzendorfer ist sichtlich stolz auf sein aus eigenem Antrieb geschaffenes Werk – ein Zeichen gegen das Vergessen und für „Nie wieder“.
Zu sehen sind beide Installationen nach Voranmeldung bis Ende September 2026 in der Kirche Glanzing, 1190 Wien, Krottenbachstraße 120 (Anmeldung: familie@schwarzendorfer.at). Schwarzendorfer würde sich freuen, sie auch andernorts zu zeigen.
