Michel Houellebecq ist einer der wichtigsten und zugleich umstrittensten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Bekannt wurde er mit Romanen wie Elementarteilchen, Serotonin, Karte und Gebiet und Unterwerfung.
von Nathan Spasic
Seine Bücher kreisen um Sexualität, Marktgesellschaft, Einsamkeit, Religion, Liberalismus und den Zustand Frankreichs. Für die einen ist er ein zynischer Reaktionär, für die anderen einer der genauesten Diagnostiker der europäischen Gegenwart. 2010 erhielt er für Karte und Gebiet den Prix Goncourt, während Unterwerfung 2015 eine große politische Debatte auslöste, weil der Roman ein Frankreich unter einem muslimischen Präsidenten imaginiert.
Nun ist Houellebecq wieder da, aber nicht mit einem Roman. Anfang März erschien sein neuer Gedichtband Combat toujours perdant, zu Deutsch: „Der stets verlorene Kampf“. Kurz darauf folgte das Album Souvenez-vous de l’homme, eine Zusammenarbeit mit dem Musiker und Produzenten Frédéric Lo, der unter anderem mit Pete Doherty gearbeitet hat. Das Album umfasst zwölf Stücke. Houellebecq deklamiert eigene Texte, Lo begleitet sie musikalisch. Mehrere Gedichte aus dem neuen Band wurden dafür vertont. Houellebecq hat schon früher Gedichte mit Musik verbunden. Auch hier singt er nicht wirklich. Er spricht, murmelt, trägt vor. Die Musik bewegt sich zwischen Chanson, Lo-Fi, zurückhaltendem Rock und gedämpfter Melancholie. Der Effekt ist spröde. Es klingt, als würde jemand ein Protokoll verlesen. Nicht vom Ende der Welt, sondern von einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr besonders überzeugend findet.
Inhaltlich bleibt Houellebecq bei seinen alten Themen: Alter, Körper, Einsamkeit, technische Moderne, Erinnerung, Frankreich, westlicher Selbstzweifel. Schon die Titel sprechen diese Sprache: Fin de partie (Endspiel), Le Dialogue des Machines (Der Dialog der Maschinen). En attendant l’envahisseur (Warten auf den Invaso) und L’ultime archipel (Der letzte Archipel). Das sind keine subtilen Hinweise, aber Houellebecq war ja nie ein Autor der höflichen Andeutung. Interessant ist, wie eng Album und Gedichtband zusammengehören. Combat toujours perdant kann als Fortsetzung seines Standardoeuvres verstanden werden, denn bereits in den frühen 1990er-Jahren veröffentlichte er Gedichte. Viele seiner Romane wirken im Grunde wie prosaische Erweiterungen dieser Grundstimmung. Ein Satz aus dem neuen Band wurde bereits breit zitiert: „Ich weiß, das Ende wird traurig sein.“ Das ist typisch Houellebecq. Die Frage nach dem Islam steht auch hier im Hintergrund, obwohl das Album kein politisches Programm ist. Seit Unterwerfung wird Houellebecq fast automatisch durch diese Linse gelesen. Bei ihm erscheint der Islam weniger als differenziert beschriebene Religion denn als Spiegel französischer Schwäche. Die Provokation liegt nicht nur in der Vorstellung, dass „die anderen“ kommen, sondern in der Diagnose, dass Frankreich selbst leer geworden ist: konsumistisch, sexuell und zivilisatorisch erschöpft, unfähig zu Bindung oder Transzendenz. Es geht also nicht nur um Islam, sondern um die Frage, was eine säkulare Gesellschaft noch zusammenhält, wenn sie ihre eigenen Prinzipien verloren hat.
Souvenez-vous de l’homme ist kein großes musikalisches Ereignis. Es ist eher ein Nachtrag zum Werk. Wer Houellebecq für überschätzt hält, wird hier kaum bekehrt. Wer ihn aber wegen seiner präzisen Formulierungen und unangenehmen Gedanken zur europäischen Gegenwart liest, findet hier eine konzentrierte, etwas selbstparodistische Version dieses Denkens. Der Titel Erinnert euch an den Menschen klingt zunächst erstaunlich humanistisch. Bei Houellebecq ist das aber kein optimistischer Appell. Eher eine trockene Notiz: Der Mensch verschwindet nicht spektakulär. Er wird nach und nach ersetzt durch Markt, Maschine, Ideologie, Statistik. Aufklärung und eine pluralistische Gesellschaft durch seichte Parolen, Populismus und Islam. Houellebecq sagt das nicht zum ersten Mal. Aber er sagt es wieder in seiner eigenen, unangenehm monotonen Tonlage. Darin liegt die Wirkung.
