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Zwischen Streit, Sichtbarkeit und jüdischer Selbstbehauptung

Mark Elias Napadenski und Nathan Spasić von Mark Elias Napadenski und Nathan Spasić
24. August 2026
in Dossier, Jewish Influencers

Der arabisch-israelische Aktivist Yoseph Haddad war auch schon zu Gast im österreichischen Parlament, um über seine essenzielle Arbeit zu berichten. ©Fabian Gaida

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Jüdisches Leben auf Social Media besteht längst nicht mehr nur aus Rezepten, Feiertagsgrüßen oder spirituellen Gedanken zum wöchentlichen Tora-Abschnitt.

von Mark Napadenski und Nathan Spasic

Es gibt diese leisen, alltäglichen Formen der Sichtbarkeit weiterhin, doch daneben ist ein anderer Raum entstanden: lauter, herausfordernder, politischer. Dort geht es um Israel, Antisemitismus, jüdische Identität und um die Frage, wer eigentlich das Recht beansprucht, über jüdisches Leben zu sprechen. Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich dieser Raum noch einmal verändert. Viele Jüdinnen und Juden erleben online, dass über sie geurteilt wird, oft ohne sie anzuhören. Unter Beiträgen finden sich Hasskommentare, Relativierungen, Schuldumkehr und offene Feindseligkeit. Social Media ist damit nicht bloß Bühne, sondern auch Austragungsort eines politischen Kampfes geworden. Die folgenden Stimmen bewegen sich genau dort: Sie erklären, widersprechen und bestehen darauf, jüdische Perspektiven nicht anderen zu überlassen.

Der Provokateur

Ben Shapiro gehört zu den bekanntesten konservativen Stimmen der USA. Der Jurist, Autor und Medienunternehmer wurde vor allem durch seinen schnellen, scharfen Debattierstil bekannt. In Podcasts, Videos und öffentlichen Auftritten spricht er über amerikanische Politik, Kulturkämpfe, Religion, Israel und Antisemitismus. Shapiro sucht nicht den Ausgleich. Er argumentiert hart, oft konfrontativ, manchmal bewusst provokant. Gerade daran scheiden sich die Geister. Für seine Anhänger ist er ein brillanter Denker, der Dinge ausspricht, die andere vermeiden. Für seine Kritiker ist er ein Polarisierer, der komplexe Fragen zu stark zuspitzt. Als orthodoxer Jude bringt Shapiro immer wieder eine jüdische Perspektive in konservative Debatten ein. Israel ist für ihn nicht nur ein außenpolitisches Thema, sondern Teil jüdischer Geschichte, Identität und Selbstverteidigung. In der Unübersichtlichkeit sozialer Medien steht er für eine jüdische Stimme, die nicht um Zustimmung bittet, sondern Raum einnimmt.

Aus dem Alltag

Golda Daphna spricht eine andere digitale Sprache. Ihre Inhalte folgen dem Tempo von TikTok und Instagram: kurze Videos, direkte Ansprache, persönliche Momente, schnelle Reaktionen auf aktuelle Debatten. Sie verbindet jüdische Identität, Israel und Aktivismus so, dass besonders ein jüngeres Publikum erreicht wird. Ihr Stil ist weniger Kommentar als Erzählung. Sie erklärt nicht von oben herab, sondern aus dem eigenen Alltag heraus. Jüdische Identität erscheint bei ihr nicht abstrakt, sondern als etwas, das sich in Sprache, Haltung, Zugehörigkeit und persönlichen Entscheidungen zeigt. In einer Zeit, in der Desinformation über Israel und jüdisches Leben rasend schnell zirkuliert, ersetzt zwar ein kurzes Video keinen langen Essay. Aber es kann Menschen erreichen, die für klassische politische Texte längst verloren wären.

Selbstbestimmter Zionismus

Rudy Rochman wurde durch Videos bekannt, in denen er auf Universitätscampus, bei Demonstrationen oder in Gesprächen mit Israelkritikern diskutiert. Seine Auftritte sind direkt und oft konfrontativ, allerdings versucht er dabei stets, historische Zusammenhänge sichtbar zu machen und Zionismus als Ausdruck jüdischer Selbstbestimmung zu erklären. Seine Videos leben vom Moment der Begegnung. Rochman stellt gerne Fragen und fordert sein Gegenüber heraus. Dabei geht es ihm nicht nur darum, Israel zu verteidigen oder seinen Kontrahenten vorzuführen. Er will jüdische Geschichte aus einer eigenen Perspektive erzählen: als Geschichte von Volk, Herkunft, Land und Kontinuität, auf eine versöhnliche Art und Weise. Rochman steht für eine Generation, die verstanden hat, dass jüdische Themen online selten neutral verhandelt werden.

Die arabische Stimme für Israel

Yoseph Haddad nimmt in dieser Reihe eine besondere Rolle ein. Er ist arabischer Israeli, ehemaliger Soldat der israelischen Armee und öffentlicher Fürsprecher jüdisch-arabischer Koexistenz in Israel. Schon diese Biografie passt nicht in viele der einfachen Erzählungen, die international über Israel kursieren. Haddad spricht als Angehöriger einer arabischen Minderheit in Israel und zugleich als jemand, der sich klar mit dem Staat Israel identifiziert. In seinen Beiträgen geht es um Antisemitismus, Terrorismus, Desinformation und die Realität arabischer Israelis. Er erinnert daran, dass arabische Bürger Israels nicht nur Gegenstand politischer Debatten sind, sondern eigene Stimmen und Positionen haben. Seine Videos sind emotional, direkt und kämpferisch. Haddad will nicht beschwichtigen. Er macht Widerspruch sichtbar und stört die bequemen Parolen, zeigt eine israelische Wirklichkeit, die komplexer ist als viele Schlagworte.

Jüdischer Influencer und Aktivist

Der amerikanische Komiker, Schauspieler, Produzent und Content Creator Zach Sage Fox ist vor allem für seinen pro-israelischen Aktivismus bekannt. Mit über einer Million Followern auf TikTok und Instagram hat er sich als eine der bekanntesten pro-jüdischen Stimmen in den sozialen Medien etabliert. Er ist bekannt für provokante Aktionen wie Interviews im Westjordanland, Gespräche mit Holocaustleugnern auf den Straßen New Yorks oder ein selbst inszeniertes „Gaza-Graduation–Quiz“, bei dem er Studierenden Fragen zum Nahostkonflikt stellte. Sein Ziel ist es, antisemitischer Fehlinformation mit Humor und Aufklärung entgegenzuwirken – von der Bekämpfung von Holocaustleugnung bis hin zur Auseinandersetzung mit anti-israelischer Propaganda an amerikanischen Universitäten.

Influencerin, Aktivistin und aufstrebende Politikerin

Die amerikanische Social-Media-Influencerin, politische Kommentatorin und Aktivistin Debra Lea ist für ihre konservativen Ansichten und ihr leidenschaftliches Eintreten für Israel und die jüdische Identität bekannt. An der University of Maryland gründete sie eine Ortsgruppe von Turning Point USA, inspiriert vom konservativen Aktivisten Charlie Kirk. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 war sie Mitgründerin der Organisation 1.000 Strong, die mehr als eine Million Dollar an direkter Hilfe für Witwen und Waisen der Opfer gesammelt hat. In einer vielbeachteten Rede bei der Israel Justice Organization in New York forderte sie einen grundlegenden Wandel in der israelischen Öffentlichkeitsarbeit und rief Juden weltweit dazu auf, Stärke statt Opferhaltung zu zeigen. Debra Lea ist regelmäßig als Kommentatorin bei Fox News zu sehen.

Von der Modebloggerin zur jüdischen Aktivistin

Die in Los Angeles aufgewachsene Influencerin mit iranisch-jüdischen Wurzeln, Elaine Chaya, nutzt ihre Herkunft als zentralen Bestandteil ihrer Botschaft. Sie begann ihre Karriere als erfolgreiche Mode- und Lifestyle-Bloggerin. Während der Pandemie begann sich ihr Fokus auf ihre jüdische Identität zu verlagern. Nach dem 7. Oktober 2023 entschied sie sich, auf ihrem Kanal aktiv dem Antisemitismus entgegenzutreten. Sie veröffentlichte Videos über die israelischen Geiseln oder die Lage im Iran. Heute ist sie auch als Rednerin und Moderatorin aktiv und unterrichtet Jugendliche, dem Hass und Antisemitismus selbstbewusst entgegenzutreten.

Diese Persönlichkeiten sprechen nicht für „die“ jüdische oder israelische Meinung. Gerade das macht sie interessant. Jüdisches Leben war immer vielfältig, streitbar und politisch unterschiedlich. Heute bedeutet Sichtbarkeit deshalb nicht nur Tradition, Religion oder Erinnerung, sondern auch Widerspruch. In einer digitalen Öffentlichkeit, in der Antisemitismus oft als Meinung auftritt, Israelhass als Aktivismus und jüdische Selbstverteidigung als Provokation gilt, wird schon das Sprechen selbst politisch. Social Media ist damit kein Nebenraum mehr, sondern einer der Orte, an denen um jüdische Gegenwart gestritten wird.

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