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Home Dossier

Wer jüdische Geschichten erzählt

Fabian Gaida von Fabian Gaida
17. August 2026
in Dossier, Jewish Influencers

Jewish Influencers: NU-Herausgeberin Danielle Spera, NU-Mitgründer, Autor und Kommentator Martin Engelberg mit der deutsch-israelischen Publizistin Mirna Funk am Fest für 25 Jahre NU. ©Ouriel Morgensztern

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Ein Dossier über Jewish Influencers

von Fabian Gaida

Wer heute wissen will, wie eine Challah zum Schabbat geflochten wird, schaut nicht mehr in die Tageszeitung. Er öffnet Instagram. Wer das Trauma des 7. Oktobers nachvollziehen oder die Lage Israels in zehn klaren Minuten erklärt bekommen möchte, ruft kein Studiogespräch im linearen Fernsehen ab, sondern abonniert einen Podcast. Und wer einen orthodox-jüdischen Alltag aus erster Hand kennenlernen will, klickt sich durch die Stories einer Krankenschwester aus Brooklyn, die mit acht Kindern, ihrer Tora und einem Smartphone ein Stück New Yorker Judentum in die ganze Welt sendet. Diese Verschiebung ist nicht graduell. Sie ist die neue Normalität – und sie verändert auch, wie jüdische Geschichten erzählt, gesehen und gehört werden.

Das Mediennutzungsverhalten in Österreich hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Laut der Studie „Kommunikationswelten 2025“ des Marktforschungsinstituts IMAS liegt das Internet inzwischen klar vor klassischem Fernsehen und Radio – der jahrzehntelang gewohnte Dreiklang der Leitmedien existiert in dieser Form nicht mehr. Die intensive Nutzung sozialer Medien hat sich seit Beginn der Aufzeichnungen verneunfacht; rund sieben Millionen Menschen sind in Österreich auf Plattformen wie Instagram, TikTok, X oder YouTube aktiv. Wer öffentliche Aufmerksamkeit will, muss dort sichtbar sein, wo sie entsteht. Das gilt für Politik, Konzerne und klassische Medienhäuser – und ebenso für jene Stimmen, die jüdisches Leben heute öffentlich vertreten, deuten und gegen Verzerrungen verteidigen.

In diesem Dossier porträtiert NU jene Frauen und Männer, die diesen Raum besetzen. Die Profile sind denkbar unterschiedlich. Miriam Ezagui und Challah Mom geben Einblick in die orthodoxe Lebenswelt, Ruhama Shitrit erzählt jüdische Kultur über die Küche, die Band Zusha trägt chassidische Spiritualität in westliche Konzertsäle, Bodybuilder Yoel Levy verbindet Tora-Treue mit Hochleistungssport. Montana Tucker, Mirna Funk und Noah Tishby bringen Pop, Literatur und Hollywood in den Diskurs ein. Daneben treten die Israel-Advocates: Rudy Rochman, Yoseph Haddad, Golda Daphna, Arie Shalicar oder die Syrerin Rawan Osman, die für eine seltene plurale Stimme aus der Region steht. Hinzu kommen die Analytiker: Dan Senor mit „Call Me Back“, Haviv Rettig Gur, Jonathan Sacerdoti oder Tuvia Tenenbom. Eine Bandbreite, die in keinem klassischen Medium so versammelt zu finden wäre.

Was diese Akteure eint, ist die Bedingung, unter der sie arbeiten. Content Creator zu sein bedeutet nicht, einfach nur ein Video hochzuladen, sondern vielmehr ein kleines Medienunternehmen zu führen. Recherche, Skript, Dreh, Schnitt, Thumbnail, Caption, Antwort auf Kommentare, Krisenkommunikation, Sicherheitsfragen – in der Regel alles in Personalunion. Hinzu kommen Steuern, Plattformverträge, der ständige Druck eines Algorithmus, der heute belohnt, was er morgen sanktioniert. Was im Bildausschnitt nie zu sehen ist: die Stunden vor dem Schnittprogramm, das Ausprobieren von Tonalitäten, das Testen von Hooks, das Verwerfen unfertiger Beiträge. Wer als jüdische Person öffentlich auftritt, kalkuliert zusätzlich ein, dass jeder Beitrag Anfeindungen anziehen kann und dass eine virale Welle binnen Stunden möglicherweise in eine Welle aus Hass und Drohung kippt. Was beim Publikum als geschliffenes, drei Sekunden durchscrollbares Format ankommt, ist das Ergebnis einer Arbeit, die zum überwiegenden Teil im Verborgenen stattfindet – und in vielen Fällen unter erheblicher psychischer Belastung.

Denn die Verschiebung ins Digitale fällt mit einem Anstieg an Antisemitismus zusammen, der jede statistische Erwartung übertroffen hat. Die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien registrierte für das Jahr 2025 insgesamt 1.532 antisemitische Vorfälle in Österreich – ein neuer Höchststand. Im Durchschnitt sind das 4,2 Vorfälle pro Tag; vor dem 7. Oktober 2023 lag dieser Wert bei 1,55. Mehr als drei Viertel der Vorfälle (77,4 Prozent) sind israelbezogen, in 40,8 Prozent kommen Shoah-Relativierungen vor, in 49 Prozent „Othering“, also die Markierung von Menschen als fremd und andersartig. Genau in dieser Lage entsteht der Bedarf nach Stimmen, die jüdisches Leben sichtbar halten, ohne sich verstecken zu müssen – und die das nicht nur in geschützten Communitys tun, sondern im offenen Feld der Plattformen, dort, wo der Gegenwind am stärksten weht.

Das vorliegende Dossier macht beides sichtbar: das oft unterschätzte Handwerk hinter der polierten Bildoberfläche – und den politisch aufgeladenen Raum, in dem dieses Handwerk heute stattfindet. Es fragt, wer diese Influencer:innen sind, wofür sie einstehen, was sie aushalten müssen und welche Rolle sie für die jüdische Öffentlichkeit in Europa, in Israel und in der Diaspora künftig spielen werden. Es zeigt, dass jüdische Sichtbarkeit im Jahr 2026 nicht mehr in den Studios stattfindet, sondern auf einem schmalen, oft auch glatten Grat zwischen großer Reichweite, Verantwortung und Risiko.

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Fabian Gaida

Fabian Gaida

Fabian Gaida arbeitet in der politischen Administration, absolvierte einen Bachelor in Export-oriented Management und einen Master in Digitalisierung, Politik und Kommunikation.

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