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Über Schuld und Unschuld im NS-Regime

Gabriele Flossmann von Gabriele Flossmann
10. August 2026
in Kultur
Über Schuld und Unschuld im NS-Regime

Statue "Herbert von Karajan" am (vermeintlichen) Geburtshaus des Dirigenten am Elisabethkai in Salzburg. ©Andreas Praefcke

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An Karajan-kritischer Literatur ist kein Mangel. Kein Wunder – wird doch die Karriere des prominenten Dirigenten bis heute überschattet von seiner Nazivergangenheit.

von Gabi Flossmann

Viele Jahre hindurch wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs von der österreichischen Kulturpolitik die Auswirkungen der Nationalsozialisten auf das Musikleben weitgehend vernachlässigt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Es galt, internationale Reputationen zu schützen und das hohe Ansehen, das die österreichische Kultur und Musik international genießt, nicht zu gefährden. Zum ersten Mal hatte ein deutscher Musikwissenschaftler versucht, diese historische Amnesie – nicht nur um Herbert von Karajan – zu beheben. In seinem Buch „Musik im NS-Staat“ beleuchtete Fred K. Prieberg die Methoden und die Folgen des nationalsozialistischen Versuchs, das Musikschaffen mit totalitärer Politik zu verknüpfen. Der rasche Anstieg des politischen und sozialen Antisemitismus durchdrang die Kulturszene, in der so viele Juden zu Ansehen gelangt waren. Prieberg brachte mit seinem gut recherchierten Buch Licht ins Dunkel der NS-Vergangenheit von Komponisten wie Richard Strauss, Paul Hindemith und Carl Orff, sowie auch in die der prominenten Dirigenten Bruno Walter und Wilhelm Furtwängler. Das war im Jahr 1982.

Schon 1978 hatte der prominente österreichische Musikkritiker und langjährige Chef der ORF-Kulturabteilung, Karl Löbl, die erste Karajan-Biografie z geschrieben. Darin wurde der Jubilar als „Das Wunder Karajan“ gefeiert. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2014 hatte Karl Löbl als letzte Arbeit seines Lebens „sein“ Karajan-Buch dann noch einmal neu geschrieben. Zu Karajans 25. Todestag versuchte Löbl nun, auch kritische Aspekte zu finden. Und da es sich über einen Toten leichter schreibt als über einen Lebenden, fiel auch der Titel der revidierten Biografie entsprechend kritischer aus: „Ich war kein Wunder“: Herbert von Karajan – Legende und Wirklichkeit. Damit gestand Löbl ein, dass das „Wunder Karajan“ vor allem von der NSDAP-treuen Presse erfunden worden war. Einmal mehr beschrieb er aber auch in der revidierten Biografie die beispiellose Karriere, die Karajan auch nach 1945 fortsetzen konnte: Er war – mit mehr als 300 Millionen zu Lebzeiten verkauften Tonträgern – der kommerziell erfolgreichste Dirigent aller Zeiten, eine Ikone der klassischen Musik und Legende multimedial vermarkteter, globalisierter Produktionen. Doch die Mitgliedschaft in der NSDAP wirft einen Schatten auf dieses Erbe. Die zentrale Frage des Diskurses: War er Mitwisser oder gar ein Mittäter des verbrecherischen Regimes? Oder sonnte er sich „nur“ unter den wohlwollenden Blicken von Hitler und Goebbels, weil diese förderlich für seine Karriere sein konnten?

Michael Wolffsohn, deutscher Historiker und Publizist, der für seine Beiträge zum Nahostkonflikt, zum Antisemitismus und zu deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen bekannt ist, stellt in seinem neuesten Buch Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus erneut diese brisanten Fragen. Das Buch entstand übrigens auf eine Initiative der beiden Karajan-Töchter hin, die Genaues darüber wissen wollten, wie sehr ihr Vater in die NS-Maschinerie verstrickt war. Als Nachfahre von Holocaustüberlebenden war die Beantwortung dieser Frage für Wolffsohn auch persönlich wichtig. Dass er als Musikliebhaber Karajans Können als Dirigent schätzt, erschwerte für ihn die objektive Beurteilung dieser schillernden Persönlichkeit umso mehr – was dem Buch auch anzumerken ist. Dabei macht der Autor von Anfang an klar: Ja, Karajan war Mitglied der NSDAP. Aber Karajan war – so seine Schlussfolgerung – kein Täter im Sinne nationalsozialistischer Verbrechen. Widerständler war er aber auch nicht.

Als Verfasserin dieser Zeilen möchte ich an dieser Stelle bekennen, dass mein Interesse an Karajan aufgrund eines persönlichen Erlebnisses nicht unvoreingenommen ist. Meine erste Begegnung mit Herbert von Karajan war nämlich mehr als merkwürdig. Im Frühsommer 1980 – ich war damals seit etwas mehr als einem Jahr als Angestellte in der ORF-Kulturredaktion tätig – rief der damalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher in der Redaktion an. Ich hob das Telefon ab, weil sonst keiner da war. Bacher ersuchte (nein: er befahl) kurz und bündig Karl Löbl, damals Chef der Kulturabteilung, Folgendes auszurichten: Karajan würde am Nachmittag mit seiner Privatmaschine am Flughafen Schwechat landen – in Erwartung, gleich nach seiner Ankunft interviewt zu werden. Da, wie gesagt, sonst niemand da war, fuhr ich mit einem Kamera-Team zur Landebahn (was damals noch möglich war) und kletterte mit Kamera- und Tonmann die herbeigefahrene Treppe zum Cockpit hinauf. Karajan öffnete die Tür, sah mich – und schloss sie direkt wieder vor sich. Wenig später erschien der Co-Pilot, um mir auszurichten: „ER“ wolle von niemand Geringerem als dem „Kultur-Chef“ interviewt werden. Dann ging die Cockpit-Tür wieder zu. Ich wartete einige Minuten, aber Karajan blieb im Flugzeug. Schließlich kam eine Assistentin mit der Mitteilung, dass Warten zwecklos sei, „ER“ werde sich beim Generalintendanten erkundigen, was da los sei … Ich fuhr also wieder zurück – zur Berichterstattung an Gerd Bacher. Der meinte: Dann soll halt der Löbl noch einmal hinfahren. Was auch so geschah – am nächsten Tag. Wieder am Flughafen. Und Karajan war sich nicht zu schade, noch einmal so zu tun, als wäre er gerade erst angekommen. Schon damals dachte ich mir, dass dieses Ereignis wohl Karajans Geisteshaltung illustriert: Er wollte offenbar immer nur mit den „Chefs“ sprechen, selbst wenn diese Chefs Nazi-Bonzen waren. Seit diesem Erlebnis bin ich der Ansicht, dass es Karajan nicht so sehr um Ideologie ging, sondern viel eher darum, dass er nur die Bonzen seiner Zeit für würdig befand, mit ihm auf „Augenhöhe“ zu kommunizieren. Und da, wie gesagt, die Bonzen in der Zeit, in der seine Karriere begann, Nazis waren, blieb ihm kaum etwas anderes übrig …

Aber zurück zu Michael Wolffsohn. Über sein aktuelles Karajan-Buch wird viel diskutiert. Diese Diskussion ist auch deshalb aktuell, weil weltweit eine besorgniserregende Entwicklung autoritärer Systeme und deren Umgang mit Künstlern und Intellektuellen zu beobachten ist. NU hat den Autor und auch Oliver Rathkolb, einen Kritiker des Buchs von Wolfssohn, zu einem Interview getroffen.

NU: Herr Prof. Wolffsohn, Sie setzen sich in Ihrem Buch über Herbert von Karajan erneut mit der Nazi-Vergangenheit des Dirigenten auseinander. In einer Zeit, in der – seit dem Überfall der Hamas auf Israel und dem Krieg im Nahen Osten – nicht nur die Kritik an der Regierung Netanjahus weltweit zunimmt, sondern auch der Antisemitismus, der immer mehr zu brutalen Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen führt. Haben Sie diese Entwicklung beim Schreiben des Buches vorausgesehen?

Wolffsohn: Ich musste und konnte sie gar nicht voraussehen, denn während ich forschte und schrieb, tobte der Gazakrieg. Genau deshalb schrieb ich den – scheinbar (also nicht wirklich) das Thema sprengenden – Gaza-Exkurs in diesem Buch. Das war methodisch unverzichtbar, denn mein Maßstab, im wörtlichen Sinne, für Karajans Schuld oder Unschuld im NS-Staat sind die vielen Juden in seinem Umfeld, die „danach“ nicht nur mit ihm musizierten und arbeiteten, sondern befreundet waren. Sie sind sozusagen mein Moral-Maßstab. Ganz anders als die „Spruchkammern“ bzw. Entnazifizierungskommissionen, in denen oft Nazis anderen Nazis Selbstamnestien vollzogen. Es ist offensichtlich, dass kein Holocaustüberlebender sich mit einem echten Nazi angefreundet hätte.

NU: Karajan wurde wegen seines angeblich mehrfachen Eintritts in die NSDAP immer wieder kritisiert. Nicht zuletzt auch in dem Stück Taking Sides von Ronald Harwood und dem Istvan Szábo-Film Der Fall Furtwängler, in denen das Verhalten von Künstlern, speziell von Furtwängler und Karajan, kritisiert wird. Sie sehen und deuten Karajans Verhalten anders – was haben Ihre Recherchen ergeben?

Wolffsohn: Doch, Karajan war NSDAP-Mitglied. Daran besteht kein Zweifel. Die Stärke von Taking Sides besteht unter anderem auch darin, dass Furtwänglers Verhalten durchaus mehrdimensional und eben nicht allein anklagend dargestellt wird. Der Zuschauer muss selbst Pro und Contra abwägen. Genau diese Möglichkeit versuche ich, meinen Lesern gegenüber Karajan zu geben. Eindimensionalität ist Sache der Propagandisten. Wirklichkeit ist mehrdimensional.

NU: Für Sie war Karajan ein Mitläufer, ohne selbst zum Täter zu werden. Ist er aus Ihrer Sicht „unschuldiger“ als die oft zitierte „schweigende Mehrheit“, die ja den Vormarsch der Nazis ermöglicht hat? Oder hätte er sich als Mitwisser wesentlich deutlicher von den Machthabern distanzieren sollen?

Wolffsohn: Hätte, hätte. Als nachträglicher Betrachter hat man es so leicht und kann sich selbst als Moralheld präsentieren. Karajan hat die Machtübergabe an Hitler & Co-Verbrecher nicht ermöglicht, denn als Österreicher konnte er in Deutschland nicht wählen. Nach 1933 wäre eine Distanzierung zumindest beruflicher Selbstmord gewesen. Selbst in Demokratien passt sich fast jedermann zugunsten der Karriere an.

NU: Es gibt viele Kritiker, die Ihnen bzw. Ihrem Buch vorhalten, dass Sie Karajan reinwaschen – sehen Sie das auch so?

Wolffsohn: Viele Kritiker? Nein. Einige? Ja. Das sind entweder Unkundige oder Vertreter der bisher herrschenden Lehre. Durch diesen unsachlichen Vorwurf verdecken Letztere ihre vielen fachlichen Fehler und verkaufen diese als „die“ Wissenschaft. Ich bin Sohn und Enkel jüdischer Holocaustüberlebender. Deshalb ist jener Vorwurf zugleich eine pietätlose Verhöhnung der Holocaustopfer unter dem Deckmantel der Wissenschaft.

NU: Warum wir uns heute mit der Vergangenheit auseinandersetzen sollen und wollen und damit auch mit Künstlern und Künstlerinnen, die in der Nazizeit die Nähe der Mächtigen gesucht haben, um ihre Karriere zu befördern, hat vor allem damit zu tun, dass wir vielleicht aus solchen Beispielen für die heutige Zeit lernen können; haben Sie deshalb das Buch über Karajan geschrieben?

Wolffsohn: Ein schönes Märchen, dass man aus der Geschichte lernt. Derzeit erleben wir – gerade aus jüdischer Sicht –, wohin die nahezu totale Politisierung von Kultur und Wissenschaft führt: zum geradezu militanten Antisemitismus und Antiisraelismus. An der Causa Karajan interessierte mich die ewige Spannung zwischen Autonomie der Kultur und Hegemonie der Politik. Ich plädiere dafür, dass es außer und neben der Politik Freiräume für anderes geben muss. Alles andere ist bestenfalls eine mildere Form des Totalitarismus. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist da völlig klar: „Freiheit von Wissenschaft und Kultur“. Das bedeutet: Die Freiheit zur und von der Politik ist gesichert. Die Entscheidung fälle jeder selbst.

NU: Sie sind selbst Jude. War es für Sie daher wichtig, von Ihrer Seite aus den Dialog offen zu halten und damit aus dem fatalen Mechanismus der wechselseitigen (Vor-)Verurteilungen zu kommen?

Wolffsohn: Das ist nur die eine Seite der Medaille. Wissenschaft muss immer mehrdimensional sein. Sonst ist sie keine Wissenschaft. Nicht die Herkunft des Wissenschaftlers entscheidet über die Qualität oder Moralität der Arbeit.

NU: Worin sehen Sie die Ursachen im zunehmenden Vormarsch rechter bis ultrarechter Parteien und Staatsmänner, die lauter werdenden Rufe nach einem „starken Mann“?

Wolffsohn: Zu viele, um sie in eine knappe Antwort zu fassen. Der vermeintlich starke Mann – in Frankreich Marine Le Pen, in Italien Giorgia Meloni als starke Frau – ist die Personifizierung eines Politik-Paktes, in dem zahlreiche Unzufriedenheiten gebündelt sind. Die jeweiligen Gesellschaften sehen: Unser bisheriges Wohlleben ist gefährdet. Deshalb laufen sie den Verführern nach, die alles und jedes versprechen.
NU: Sind Sie – was die heutige Weltlage betrifft – ein Pessimist oder doch noch ein Optimist?

Wolffsohn: Ich bin zutiefst pessimistisch, besonders bezüglich der jüdischen Gemeinschaft. Sowohl in Israel als auch – und erst recht – in der Diaspora. Wie eh und je, seit dreitausend Jahren ist jüdisches Leben Existenz auf Widerruf. In meinem Buch Eine andere Jüdische Weltgeschichte habe ich das ausführlich dargestellt.
NU: Wer wäre, nach Karajan, eine Persönlichkeit, die Sie porträtieren möchten – auch um aus seinem/ihrem Leben und Verhalten zu lernen?

Wolffsohn: Mir reicht’s mit Persönlichkeitsanalysen. Die besten bietet die hebräische Bibel, das „Alte Testament“. Da sind selbst die ganz Großen nicht fehlerfrei. Nehmen Sie allein König David, aus dessen Haus der (jüdische) Messias kommen oder der christliche (Jesus) gekommen sein soll. David war ein großer König, aber auch Räuberhauptmann, Ehebrecher und sogar Mörder. Dagegen sind die Furtwänglers und Karajans dieser Welt Zwerge.

NU: Vielen Dank.

Zu den Kritikern des neuen Karajan-Buchs gehört der österreichische Historiker und Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, Oliver Rathkolb. Dass Karajan nach der Einschätzung von Michael Wolffsohn kein „Gesinnungstäter“ war, sieht er anders.

NU: Herbert von Karajan und sein mehrfacher Beitritt zur NSDAP wurden immer wieder kritisiert. Im Stück Taking Sides von Ronald Harwood rechtfertigt sich Furtwängler damit, dass er sich den Nazis wesentlich weniger verschrieben hätte als Karajan. Sehen Sie das auch so?

Oliver Rathkolb: Obwohl Wilhelm Furtwängler kein Mitglied der NSDAP war und trotz der Tatsache, dass er dem Nationalsozialismus ideologisch nicht nahestand und auch kein Antisemit war, wie Fred K. Prieberg nach einem umfassenden Studium des Nachlasses von Furtwängler bewiesen hat, spielte er eine wichtige Rolle in der nationalsozialistischen Propaganda. Furtwängler hat sich vor allem in der Anfangsphase immer wieder gegen die antisemitische Verfolgungspolitik von Musikern gestellt und versucht, politisch verfemte Gegenwartsmusik öffentlich zu verteidigen. Letztlich hat er sich aber in das System eingefügt, bei Reichsparteitagen dirigiert und vor allem auch mit seinen Durchhalte-Konzerten in Rüstungsbetrieben gegen Kriegsende eine wichtige propagandistische Rolle gespielt. Die Tagebücher des nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels dokumentieren eindeutig, wie wichtig Furtwängler für das NS-Regime war. Daher wurde auch Karajan auf Betreiben Furtwänglers zunehmend aus der Berliner Musikszene verdrängt.

NU: Könnte es Ihrer Ansicht bzw. Ihres Wissens so sein, dass Karajan als Künstler tatsächlich keine oder wenig Ahnung vom Genozid der Nazis an den Juden hatte? Dieses „Nichtwissen“ wurde ja nach Ende des Zweiten Weltkriegs von vielen Menschen als Entschuldigung oder Selbstverteidigung vorgebracht.

Rathkolb: Natürlich hat Karajan sowohl in Deutschland als auch in Österreich aufgrund seines persönlichen Umfelds mitbekommen, dass Juden und Jüdinnen verfolgt, verdrängt, ausgegrenzt und auch ermordet wurden. In seinen Gesprächen mit dem von ihm selbst autorisierten Biografen Robert C. Bachmann weicht er aber all diesen Kontextfragen aus.

NU: Es wird immer wieder diskutiert, welche Rolle die Biografie bzw. die politische Haltung eines Künstlers zur Beurteilung seiner Werke spielt. Gibt es so etwas wie die „unschuldige“ Kunst eines schuldigen Künstlers? Und speziell im Fall Karajan?

Rathkolb: Für mich als Wissenschaftler ist es wichtig, nicht zu versuchen, den alten Geniekult weiterzuschreiben. Selbst hervorragende Musiker wie der Dirigent Herbert von Karajan bleiben Menschen mit ihren Schwächen und Stärken, auch wenn sie Außergewöhnliches für die Kunst geschaffen haben. Natürlich wurde die besondere Qualität des jungen aufstrebenden Dirigenten Karajan politisch instrumentalisiert. Ich verweise nur auf die erfolgreiche Propagandareise mit der Berliner Staatskapelle in das besetzte Paris 1941, wie umfangreiche Aktenkonvolute sowie Wochenschau- und Medienberichte dokumentieren. Und Karajan hat begeistert mitgemacht!

NU: Wolffsohn bezieht sich auf Recherchen, mit denen er seine partielle Entschuldung von Karajan rechtfertigt – Sie berufen sich in Ihrer Kritik an seinem Buch auf andere Quellen. Wie erklären Sie sich diese unterschiedliche Sichtweise?

Rathkolb: Wie Professor Friedrich Geiger in seiner ausgezeichneten Rezension des Karajan-Buches von Wolffsohn in der Zeitschrift „Der Spiegel“ festgehalten hat, beschäftigt sich dieser kaum mit der inzwischen umfangreichen Literatur über nationalsozialistische Musikpolitik in Deutschland und im besetzten Europa. Aber Karajan kann nur im Umfeld dieser ideologisch gesteuerten Musikpolitik analysiert werden. Wolffsohns Theorie, dass Karajan nur ein Formal-Nazi gewesen sei, fehlt jegliche Verankerung in der umfassenden Literatur über Beweggründe und Folgen von NSDAP-Mitgliedschaften. Auch seine These, dass Künstler, die mit Kollegen und Kolleginnen jüdischer Herkunft vor 1933/1938 und nach 1945 gut zusammenarbeiteten, keine antisemitischen Vorurteile haben können, entspricht nicht der Realität des Musikbetriebs – bestes Beispiel ist der Antisemit und schlagende Burschenschafter Alfred Roller, der mit Gustav Mahler künstlerisch eng verbunden war. In wenigen Wochen wird eine Studie des Münchner Musikwissenschaftlers Wolfgang Rathert, Herbert von Karajan. Macht – Ohnmacht – Vermächtnis erscheinen, in der die bisherige Fachliteratur wieder bestätigt wird und viele von Wolffsohns Interpretationen dekonstruiert werden.

NU: Wolffsohn ist selbst Jude. Könnte es sein, dass er mit seiner „versöhnlichen“ Karajan-Biografie auch so etwas wie eine Dialogebene mit den Deutschen und Österreichern offenhalten will? Schließlich hat eine große schweigende Mehrheit den Holocaust mit ermöglicht, und es gab viele Parteimitglieder, die auch nachher sagten, sie hätten von den Verbrechen nichts gewusst.

Rathkolb: Ehrlich gesagt ist für mich ethnische oder religiöse Herkunft kein Kriterium für wissenschaftliche Qualität, und daher kann ich diese Frage nicht beantworten.

NU: Es gibt eine verhängnisvolle Zunahme von Gewalt gegen Juden und jüdische Einrichtungen – haben wir zu wenig aus der Vergangenheit gelernt?

Rathkolb: Leider ist die Schlussstrich-Diskussion in Europa, aber auch in Österreich sehr hoch, und tiefsitzende antisemitische Feindbilder werden mit aktuellen Konflikten neu angeheizt und politisch instrumentalisiert. Die Geschichte des Holocaust wird gegen Jüdinnen und Juden gedreht, aktuelle Kriegs- und Gewaltursachen bleiben ungehört. Kritik an der israelischen Regierung wird ersetzt durch die Forderung nach der Vernichtung des Staates Israel. Aber auch die Vorurteile gegen Muslime steigen massiv.

NU: Wie erklären Sie sich den Vormarsch der rechten und ultrarechten Parteien und Staatsmänner und den Ruf nach dem „starken Mann“?

Rathkolb: In derart unsicheren Zeiten als Folge der Turboglobalisierung und der digitalen Revolution verliert die soziale Solidarität ihre Wirkungsmacht, und viele Menschen, die Angst vor der Zukunft haben oder sich sozial und politisch marginalisiert sehen, glauben, dass autoritäre „Führer“ eher als parlamentarische Demokratien die vielschichtigen Probleme der Zukunft bewältigen und sie retten können.

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Gabriele Flossmann

Gabriele Flossmann

Gabriele Flossmann ist freie Autorin. Die Filmexpertin hat viele Jahre das Filmressort der ORF-Kulturabteilung geleitet und ist mit Filmschaffenden weltweit bestens vernetzt.

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