Die iranisch-österreichische Aktivistin Shiva Shabanian über die Stimmung im Iran, die Hoffnung auf einen Regimewechsel und das Verhältnis zu Juden und Israel
von Martin Engelberg
Shiva Shabanian, österreichische Vertreterin der Oppositionsorganisation IRANO (Iran New Order Organization), zeichnet das Bild eines Landes, dessen Menschen wirtschaftlich ausgeblutet, politisch unterdrückt und zugleich entschlossener denn je seien, das herrschende System zu überwinden und auch das Verhältnis zu Israel ganz neu und freundschaftlich zu gestalten.
Die Organisation IRANO setzt sich für einen friedlichen Übergang von der Islamischen Republik zu einem säkularen und demokratischen Staat ein und unterstützt Kronprinz Reza Pahlavi als Symbolfigur der Opposition. Dabei gehe es, wie Shabanian betont, nicht zwangsläufig um eine Rückkehr zur Monarchie, sondern um nationale Einheit und einen demokratischen Neuanfang.
Trotz der strengen Kontrolle des Landes sei der Kontakt zu den Menschen im Iran nicht völlig abgerissen. „Es ist schon möglich, mit den Menschen im Iran zu kommunizieren. Natürlich sehr eingeschränkt. Über Internet nur mit VPN-Verbindung. Einige verwenden Starlink, wobei die Verwendung von Starlink als Kapitalverbrechen gilt, das mit der Todesstrafe bestraft wird. Das Regime sagt, dass Starlink vom Mossad betrieben wird.“
Besonders dramatisch beschreibt sie die wirtschaftliche Lage. „Die Inflation im Iran ist seit Ausbruch des Krieges noch einmal dramatisch gestiegen. Laut einer neuesten Untersuchung liegt sie derzeit bei 111 Prozent. Aber das bezieht sich nur auf die lokale Währung. Tatsächlich ist die Inflationsrate bei 250 Prozent oder mehr, da sich der Preis für viele Waren am US-Dollar orientiert und daher auch noch die Geldentwertung des iranischen Rial dazukommt.“
Viele Familien könnten ihren Lebensunterhalt kaum noch bestreiten, was die wirtschaftliche Unsicherheit weiter verschärft. Die Bevölkerung leidet unter Versorgungsengpässen, und viele Menschen sind gezwungen, sich mit mehreren Jobs oder durch Unterstützung aus dem Ausland über Wasser zu halten. Die Folgen seien überall spürbar.
Dennoch beobachtet Shabanian keine Resignation, sondern eine bemerkenswerte Entschlossenheit. „Die Menschen im Iran warten darauf, wieder auf die Straße zu gehen und dieses verbrecherische Regime endlich zu stürzen. Aber momentan haben sie – nach den schrecklichen Massakern, welche das Regime an den Demonstranten im Jänner verübt hat – noch zu viel Angst.“
Die Aktivistin lehnt bereits die Bezeichnung „iranisches Regime“ ab. „Wir sprechen auch nicht gerne über das ‚iranische Regime‘. Wir sehen das Regime wie eine Fremdherrschaft, die nichts mit dem Iran und seiner Geschichte zu tun hat. Deswegen sprechen wir immer vom, ‚islamistischen Regime‘.“
Besonders deutlich widerspricht sie der Vorstellung, die Feindschaft gegenüber Israel sei in der iranischen Bevölkerung tief verankert. „Der Iran und die Perser sind, auch historisch gesehen, ja eigentlich große Freunde der Juden und Israels. Das Regime ist aufgrund der radikalen schiitischen Ideologie antisemitisch und feindlich gegenüber den USA und Israel. Nicht aber die Menschen im Iran.“
In diesem Zusammenhang verweist sie auch auf die Popularität von Kronprinz Reza Pahlavi. „Kronprinz Reza Pahlavi genießt große Unterstützung in der iranischen Bevölkerung und er ist ein großer Freund Israels.“ Reza Pahlavi wird von vielen Exiliranern als mögliche Integrationsfigur für einen demokratischen Übergang gesehen.
Bemerkenswert sind auch ihre Aussagen über die Wahrnehmung Israels. „Der israelische Premierminister Bibi Netanjahu ist unglaublich beliebt im Iran. Die Menschen sind überzeugt, dass er der Einzige ist, der die kriminelle Energie des Regimes versteht und wie man mit diesem umgehen muss.“ Noch weiter geht ihre Einschätzung: „Die Menschen im Iran vertrauen inzwischen Netanjahu und Israel mehr als Trump und den USA.“
Auch die Sorge, ein Sturz des Regimes könnte den Iran zerfallen lassen, hält sie für unbegründet. „Die Gefahr eines Zerfalls des Iran, wenn das Regime fällt, sehe ich überhaupt nicht. Das ist reine Propaganda des gegenwärtigen Regimes. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie Belutschen, Kurden, Aseris usw., sind geeint – sind auch im Jänner bei den Demonstrationen geeint auf die Straße gegangen. Niemand ist an einem Zerfall des Irans interessiert.“
Kritisch äußert sich Shabanian gegenüber europäischen Regierungen. Besonders die österreichische Außenpolitik sieht sie skeptisch: „Das Agieren der österreichischen Außenministerin ist – gelinde gesagt – sehr unglücklich. Es ist ein sehr trauriges Zeichen, dem Außenminister des Regimes die Hand zu schütteln. Diplomatie ist schon okay, aber kein Händeschütteln. Die Menschen im Iran beobachten sehr genau, wie sich jetzt wer verhält, und werden sich das merken.“
Trotz aller Rückschläge bleibt sie optimistisch. „Eine Machtübernahme von Personen aus dem gegenwärtigen Regime – so wie es vor kurzem in Venezuela geschehen ist – halte ich nicht für möglich. Dies hätte keine Unterstützung in der Bevölkerung.“
Und sie schließt mit einer Hoffnung, die viele Exiliraner teilen: „Wir sind weiterhin hoffnungsvoll, dass dieses verbrecherische Regime in absehbarer Zeit fallen wird.“

(Paneuropean Movement Austria und Martin Engelberg (NU-Mitbegründer) bei einer Diskussionsveranstaltung im Österreichischen Parlament. ©IRANO
