Der in Oberösterreich geborene und aufgewachsene Sohn eines vor den Nazis geflüchteten Juden erhielt nun in den USA die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Cary D. Lowe fühlt sich mit seiner alten Heimat noch immer verbunden.
von Otmar Lahodynsky
Der ältere Herr im blauen Polohemd zeigte sich sichtlich bewegt. Im Rahmen einer Feier in seinem Haus in San Diego wurde dem 77-jährigen Cary D. Lowe am 24. November 2025 von der österreichischen Generalkonsulin in Kalifornien, Christine Moser, die Urkunde zur Wiederverleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft übergeben. Gratulationen schickten viele Politiker: von Bundeskanzler Christian Stocker und den drei Präsidenten des Nationalrates bis zu Landeshauptmann Thomas Stelzer und den Bürgermeistern von Linz und Braunau. „Meinem Vater hätte das sicher sehr gefallen“, sagte Lowe im Gespräch mit NU. „Er ist 1939 vor den Nazis aus Wien in die USA geflüchtet, war dann als US-Soldat an der Befreiung Europas beteiligt, wirkte später bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Nürnberg mit und wurde zu einer Spionageabwehr-Einheit nach Braunau versetzt.“
Cary Lowe wurde 1948 in einem US-Militärspital in Linz geboren und wuchs in Ranshofen bei Braunau auf. Braunau nennt Lowe noch heute „meine Heimatstadt“. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sein Vater Ernest, der als Jude die Verfolgung und Erniedrigung nach der Machtergreifung der Nazis 1938 in Wien ertragen musste und dem Holocaust nur knapp durch Flucht in die USA entkam, nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet in die Geburtsstadt Adolf Hitlers versetzt wurde. Eine kleine Einheit des Militär-Geheimdienstes CIC widmete sich hier Flüchtlingen aus osteuropäischen Ländern und suchte untergetauchte NS-Verbrecher. Der in der Nähe von Prag geborene und sprachkundige Ernst Löwy, der seinen Namen in Ernest Lowe änderte, leitete Verhöre und heuerte – der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion hatte gerade begonnen – Agenten an. Einige von ihnen zeigten sich sogar bereit, in ihre Heimatstädte zurückzukehren und von dort Informationen über kommunistische Politiker zu liefern.
In seiner 2020 erschienenen Biografie Becoming American beschreibt Lowe seine Erinnerungen an Ranshofen, Braunau und Linz. Der barocke Hauptplatz Braunau und die zweistöckigen Wohnhäuser in Ranshofen, wo er mit seiner Familie wohnte, blieben in seinem Gedächtnis fest verankert. „Meine Familie lebte gut von einem amerikanischen Gehalt, mit freiem Quartier und Zugang zu den Armee-Geschäften im nahen Salzburg“; dazu kam noch ein Dienstwagen mit Fahrer. Zudem leistete die lokal angeworbene Haushälterin Herma als Nanny gute Dienste.
Anfang der 1950er-Jahre wurde Lowe Senior nach Linz versetzt. Die Familie wohnte nun am Bindermichl. Cary, benannt nach dem von seinen Eltern verehrten US-Filmstar Cary Grant, ging mit anderen Kindern von US-Soldaten in die Volksschule, wo er erstmals das amerikanische Englisch erlernte. Außerdem spielte er mit Kindern von Displaced Persons, die in der Nähe wohnten – meist Holocaust-Überlebende aus Osteuropa. Den Kontakt zur US-amerikanischen Kultur und Lebensweise stellten auch regelmäßige Besuche im Armee-Kino im Camp McCauley in Hörsching her, wo der kleine Cary am liebsten Western mit John Wayne anschaute.
Seine Mutter Valerie, die aus der Slowakei stammte und dort als Jüdin versteckt die NS-Zeit überlebte, während die meisten ihrer Verwandten im Holocaust ermordet wurden, nahm Cary und seinen jüngeren Bruder Dean gerne zum Einkauf in der Linzer Innenstadt mit, wo es zur Belohnung Besuche in Konditoreien gab. Ein Trauma löste jedoch ein Linzer Zahnarzt aus: Als dieser ohne Narkose seinen Zahn anbohrte, biss Cary dem Arzt vor Schmerz in den Daumen. Die Mutter musste den Ärger des Dentisten mit einigen Geldscheinen vertreiben. Und zur Strafe gab es an diesem Tag nichts Süßes.
Dennoch blieb Cary die Liebe zu österreichischen Mehlspeisen bis heute erhalten. Bei Besuchen in Wien standen daher auch Konditoreien im Mittelpunkt des Interesses der beiden Brüder. Eine Fahrt nach Wien durch das sowjetisch beherrschte Niederösterreich blieb in besonderer Erinnerung. US-Armeeangehörigen war dort jeder Stopp verboten. Doch dann platzte ein Reifen und sowjetische Soldaten bedrohten den US-Offizier Lowe. Der Familienvater sprach daraufhin mit dem Kommandanten auf Russisch, und plötzlich erinnerten sich beide an eine frühere Begegnung bei Kriegsende in Deutschland. Der Russe befahl seinen Männern, beim Reifenwechsel zu helfen. Sie bekamen zum Dank amerikanische Zigaretten geschenkt.
In Wien wurden böse Erfahrungen wieder geweckt. Vater Lowe erinnerte an die Verfolgung in der NS-Zeit: Jüdische Mitschüler wurden zuerst verhöhnt, dann misshandelt und vom Unterricht ausgeschlossen. „Sie haben mich und andere jüdische Kameraden monatelang erniedrigt und unsere Bücher gestohlen“, erzählte Vater Lowe. „Sie haben uns auch regelmäßig in den Gängen verprügelt.“ Noch Schlimmeres blieb ihm wegen seiner Flucht in die USA, wo eine Verwandte die Bürgschaft übernahm, erspart.
Die Familie zog 1955 mit Inkrafttreten des Staatsvertrags von Linz nach Wiesbaden in Deutschland. Nach der Übersiedlung in die USA 1961 besuchte Cary das College und begeisterte sich für US-Präsident John F. Kennedy. Erst als Student erhielt er die US-Staatsbürgerschaft verliehen. Nach einem Jus-Studium und Militärdienst in der Marine engagierte er sich für Robert Kennedys Wahlkampf und gegen den Vietnamkrieg. In Kalifornien setzte er sich für soziale Themen und gegen Rassismus ein. Dabei machte er Bekanntschaft mit Jane Fonda und Tom Hayden und wurde Mitglied bei der Campaign for Economic Democracy, die sich für faire Mieten und Mieterschutz einsetzte. Lowe schrieb Kommentare für Zeitungen und trat auch im TV und Radio als Gast bei politischen Debatten auf. Er heiratete Joan, eine ebenfalls sozial engagierte Texanerin, und wurde Anwalt.
Mehrmals machte er sich auf die Suche nach den Wurzeln seiner Familie in Europa. So besuchte er auch immer wieder Oberösterreich, wo er seiner Familie Braunau, Ranshofen und Linz zeigte und auch seine Nanny wiedersah. Emotional beschreibt er die Suche mit seiner Tochter Coralea nach dem Grab seiner Familie 1997 in Strakonice in Tschechien. Auf dem jüdischen Friedhof fand er zufällig die Grabstätte der Urgroßeltern. Die Ahnenreihe lässt sich bis zum geheimnisvollen Rabbi Löw in Prag zurückverfolgen, der den künstlichen Menschen „Golem“ geschaffen haben soll.
Seine Kindheit in Braunau und Linz sieht er bis heute großteils positiv. „Österreich hat inzwischen auch seine NS-Vergangenheit gut aufgearbeitet. Bei meinen Besuchen habe ich nie antisemitische Angriffe erlebt“, so Lowe. „Ich fühlte mich sehr ermutigt, als die Braunauer Stadtregierung ein Denkmal für die Opfer des Faschismus direkt vor dem Geburtshaus Hitlers aufstellen ließ.“ Bei Besuchen im ehemaligen KZ Mauthausen beobachtete er auch Schulklassen, die über die NS-Zeit und ihre Gewaltherrschaft unterrichtet wurden.
In Braunau lernte er den Politikwissenschaftler Andreas Maislinger kennen. Dieser hat den „Gedenkdienst“ für junge Österreicher gegründet und Lowe für sein Projekt begeistert, in Braunau im Geburtshaus von Adolf Hitler ein „Haus der Verantwortung“ als Dialogzentrum zu etablieren. Nachdem dort aber eine Polizeistation untergebracht wurde, will Maislinger nun an einer anderen Stelle die Idee verwirklichen; im Gespräch ist das leerstehende Stadttheater. Cary Lowe lobte das Projekt zuletzt in seiner Rede zur Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft in San Diego. Und Maislinger geht noch einen Schritt weiter. Er schlägt die Benennung einer Straße oder Stiege in Braunau nach dem Vater von Cary Lowe vor: „Es macht durchaus Sinn, einen aus Österreich vertriebenen Juden, der als US-Soldat für den Sieg über den Nationalsozialismus kämpfte und dann in Braunau für die US-Armee tätig war, auf diese Art zu ehren.“

