Israels Wirtschaft hat den Gaza-Krieg erstaunlich glimpflich überstanden. Der Waffenstillstand eröffnet neue Perspektiven und begünstigt die Erholung. Aber die Unsicherheit bleibt.
von Hedi Schneid
Der terroristische Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war und ist nicht nur in politischer, gesellschaftlicher und menschlicher Hinsicht eine Zäsur für das Land. Auch die Volkswirtschaft des Wirtschaftswunderlandes, das über viele Jahre alle Nachbarn im Nahen Osten und viele andere Staaten weltweit mit Innovationskraft, hoher Produktivität und überdurchschnittlichem Wachstum ausstach, ist betroffen. Inwieweit würde der auf das Terror-Massaker folgende Gaza-Krieg Investoren abschrecken? Würden Exporte einbrechen? Lieferungen ins Land ausbleiben? Was würde mit der rekordverdächtigen Start-up-Szene geschehen, wenn gerade die dort tätigen jungen Mitarbeiter als Reservisten eingezogen würden? Die Fragen waren berechtigt, auch wenn sie oft nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurden. Denn nach außen galt es, krisen- und kriegserprobt Stärke zu zeigen.
In der Tat hat die militärische Auseinandersetzung in Gaza in der Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen. Am besten zeigt das die Entwicklung des BIP: Nach Jahren mit Wachstumsraten zwischen 2,0 und 6,4 Prozent (Ausnahme waren die Pandemiejahre 2020/2021) gab es im Gesamtjahr 2024 nur ein mageres Plus von 0,9 Prozent. Viele Investoren hielten sich zurück, so etwa der norwegische staatliche Pensionsfonds. Der Tourismus brach völlig zusammen, und als Folge der Einberufung von gut 300.000 Reservisten fehlten vielen Unternehmen, vor allem den Startups, die Arbeitskräfte. Dieser negative Trend setzte sich auch noch im ersten Halbjahr 2025 fort: Im ersten und zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft auf Jahresbasis – im zweiten Quartal machte der Rückgang 4,8 Prozent aus. Wobei sich auch die Auseinandersetzungen mit der libanesischen Hisbollah und dem Iran negativ niederschlugen.
Doch dann kam die Wende: Der Waffenstillstand mit der Hamas, auch wenn er brüchig ist, versetzte das ganze Land und auch die Wirtschaft in eine Aufbruchstimmung: Im dritten Quartal wuchs das BIP laut den Angaben des Statistischen Zentralbüros um nicht weniger als elf Prozent. Getragen wurde der Aufschwung, der die Erwartungen der Experten deutlich übertraf, vom privaten Konsum und den Exporten, die jeweils um rund 23 Prozent zulegten. Noch stärker, nämlich um 37 Prozent, zogen die Investitionen an. So ist auch er norwegische Pensionsfonds zurück. „Das spiegelt eine schnelle Erholung nach dem Krieg im Iran (im Juni, Anm.) wider“, sagte dazu Jonathan Katz, Chefökonom von Leader Capital Markets.
Zahlen für das gesamte Vorjahr liegen noch nicht vor, die von der Zentralbank vorgelegte Prognose eines Wachstums von 2,5 Prozent könnte sich jedoch durchaus bestätigen. Für 2026 geht die Zentralbank von einem BIP-Wachstum von 4,7 Prozent aus. Wesentlich dazu beitragen sollen die Bruttoanlageinvestitionen (ohne Schiffe und Flugzeuge), die heuer um 14 Prozent zulegen sollen, nachdem sie schon 2025 um 7,5 Prozent gewachsen sind. Auch die Einfuhren, die 2024 um 1,9 Prozent zurückgegangen waren, steigen wieder; es wird von einem Zuwachs von jeweils 8,5 Prozent ausgegangen. Und nicht zuletzt zeigt sich nach dem anfänglichen Schock die zunehmende Zuversicht der Menschen: Der private Konsum dürfte im Vorjahr um drei Prozent und heuer um sieben Prozent anziehen.
Womit sich einmal mehr die Resilienz der israelischen Wirtschaft zeigt. Denn sogar der kleine BIP-Zuwachs von 0,9 Prozent im Jahr 2024 wurde von vielen Experten als positiv gesehen, zumal die offiziellen Stellen ursprünglich von einem Rückfall um gut zehn Prozent ausgegangen waren. Laut Schätzungen der Zentralbank kostete der Kampf gegen die Hamas im zweiten Kriegsjahr die Wirtschaft ein Prozent Wachstum. Ein stabiler Waffenstillstand würde vor allem die Investitionen und Exporte positiv beeinflussen, heißt es auch im Wirtschaftsausblick der deutschen Außenwirtschaftsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI). Die Börse in Tel Aviv hat den Aufwärtstrend jedenfalls schon vorweggenommen: Der TA-125 Index, der die größten 125 Unternehmen des Landes abbildet, ist nach dem Rückfall rund um den 7. Oktober 2023 konstant gestiegen und hat allein im Jahresabstand um 62 Prozent zugelegt. Der MSCI Israel ist damals zwar ebenfalls eingebrochen, binnen drei Jahren steht jedoch ein Kursplus von 98 Prozent. Auf einem halbwegs akzeptablen Niveau bewegen sich die Inflation mit knapp unter drei Prozent und die Arbeitslosenquote mit rund drei Prozent. Auf diesem Wert dürften sie auch im laufenden Jahr bleiben, wie das GTAI schätzt.
Der schlagende Beweis, dass sich die Ökonomie stark erholt hat, kam im Dezember vom Economist. Die britische Zeitschrift setzte in ihrem jährlichen Ranking der 36 weltweit stärksten Volkswirtschaften 2025 Israel nach Portugal und Irland auf den dritten Platz. „Israel hat seine starke Erholung nach dem Chaos von 2023 fortgesetzt“, heißt es in dem Report. Die Zeitschrift hebt besonders den Aktienmarkt und den Hightech-Sektor hervor. Der Dienstleistungssektor ist und bleibt mit einem Anteil von 72,5 Prozent zwar das Rückgrat der Wirtschaft. Als Wachstumstreiber schlechthin gilt jedoch der Hightech-Sektor, in dem sich besonders viele Start-ups tummeln. Und da sticht wiederum Deep-Tech, wie es der Economist nennt, hervor. Darunter versteht man bahnbrechende Technologien, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und zukunftsweisenden Entwicklungen basieren und helfen sollen, komplexe globale Herausforderungen zu meistern und neue Industrien zu entwickeln. Laut dem von der Amsterdamer Datenbank-Gesellschaft DealRoom erarbeiteten Israeli Deep-Tech-Report sind mehr als 1500 Deep-Tech-Firmen aktiv. Ihr Marktwert wird auf 177 Milliarden Dollar geschätzt.
Insgesamt sind in dem kleinen Land mit knapp zehn Millionen Einwohnern rund 7000 Start-ups aktiv. Davon sind rund 90 sogenannte Unicorns (Einhörner), also Firmen, deren Wert auf mehr als eine Milliarde Dollar taxiert wird. Zu den Schlüsselsektoren zählen Cybersecurity und Künstliche Intelligenz (beide spielen auch in der Landesverteidigung eine wichtige Rolle), aber auch Medizintechnik sowie Agrar- und Lebensmitteltechnologie. Zu den Erfolgsfaktoren zählen der den Gründern immer noch innewohnende Pioniergeist, der schon die Bewohner der Kibbutzim auszeichnete. Dazu kommen die enorme Innovationskraft, staatliche Förderungen inklusive Steueranreize und vor allem die enge Verbindung zum Militär. Immerhin schaffte Israel im Global Innovation Index der UNO 2025 eine Verbesserung von Platz 15 auf 14.
Der Economist spricht jedoch in seiner Studie eine deutliche Warnung aus: Die F&E-Aufwendungen würden sinken und die Venture-Capital-Finanzierungen seien gegenüber 2022 sogar um 80 Prozent eingebrochen. Neugründungen werden dadurch und wegen des Mangels an Arbeitskräften (2025 sind 83.000 Israelis ausgewandert) schwieriger. „Das ist der Moment der Wahrheit“, zitiert der Economist Dror Bin, den CEO der Israel Innovation Authority. „Einerseits kann Israel seine Position als Deep-Tech-Land festigen, andererseits fehlt es an F&E-Investitionen und Gründern. Das sind Risikofaktoren, die wir ernst nehmen sollten.“
Gerade beim Thema Rüstung zeigen sich die Ambivalenz der wirtschaftlichen Entwicklung und die drohenden Schattenseiten: Zum einen fährt der Sektor Rekordgewinne ein. Schließlich liegt Israel mit seinen Militärausgaben, die sich nur binnen zwei Jahren von 2022 bis 2024 auf einen Anteil von 8,8 Prozent am BIP (oder 46,51 Milliarden Dollar) verdoppelt haben, weltweit an zweiter Stelle hinter der Ukraine. Auch für den Fall, dass es zu keinen weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, gilt als fix, dass die Verteidigungsausgaben weiter steigen. Das belastet jedoch die Staatsfinanzen enorm: Konnte Israel im Jahr 2022 noch einen Budgetüberschuss von 0,6 Prozent des BIP erwirtschaften, so geht die Zentralbank für 2025 von einem Defizit von 4,9 Prozent aus. 2024 trieben die enormen Kriegsausgaben das Defizit allerdings auf 6,8 bis 7,3 Prozent hoch. Während sich also beim Budgetdefizit schon ein wenig Entspannung abzeichnet, dürfte die Verschuldung heuer auf über 70 Prozent steigen. 2020, vor dem Gaza-Konflikt, lag sie nur bei 60,32 Prozent. Um gegenzusteuern, hat die Regierung die Mehrwertsteuer auf 18 Prozent erhöht und Einsparungen angekündigt. Das betrifft vor allem Bauvorhaben.
Ein zumindest halbwegs tragfähiger Frieden wäre nicht nur politisch und militärisch von Vorteil, er würde auch den Wirtschaftsstandort Israel in der gesamten Nahostregion stärken und die Handelsbeziehungen zu Ägypten, den Emiraten und auch Saudi-Arabien normalisieren.
