Kommentar von Martin Engelberg
Bret Stephens, der renommierte Kolumnist der New York Times, hielt im Februar 2026 eine mehr als aufsehenerregende Rede bei der Tagung der jüdischen Anti-Defamation League (ADL) zur Lage des jüdischen Lebens in den USA. Er äußerte scharfe Kritik an der ADL sowie an anderen jüdischen Organisationen für deren Einsatz gewaltiger finanzieller Mittel im Kampf gegen Antisemitismus.
Aufklärungskampagnen, Holocaust-Education, Monitoring von antisemitischen Vorfällen und viele andere Programme zur Bekämpfung des Antisemitismus hätten über die vergangenen Jahrzehnte Millionen-, wenn nicht gar Milliarden-Summen verschlungen und seien – wie sich immer deutlicher zeigt – weitgehend wirkungslos geblieben. Tatsächlich ist zu beklagen, dass sich jüdische Identität – sowohl in der jüdischen Diaspora in den USA als auch in Europa – nur zu oft über den Kampf gegen Antisemitismus definiert. Oft hat man das Gefühl, das Judentum wäre eine Religion der Trauer und die jüdische Kultur eine der Erinnerung an Verfolgung und des Gedenkens an den Holocaust.
Währenddessen schreitet die Assimilation fort und jüdisch-traditionelles Leben geht immer mehr verloren. Junge Juden erhalten immer seltener eine jüdische Erziehung; es gibt rekordhohe Zahlen an interkonfessionellen Ehen, und die Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft wird in weiten Kreisen immer schwächer. Bret Stephens argumentierte in seiner Rede, dass der Antisemitismus seit Jahrtausenden bestünde und es sehr unwahrscheinlich sei, dass er völlig verschwinden würde. Dies sei der Fall, weil der Antisemitismus tief in bestimmten politischen, religiösen und kulturellen Traditionen verwurzelt sei und daher unmöglich ausgemerzt werden könne.
Auch die antisemitische Welle im Nachgang des schrecklichen Massakers vom 7. Oktober 2023 zeigt Wirkung in der jüdischen Welt. Viele Juden waren ernüchtert über die israel-feindliche, ja sogar deutlich antisemitische Haltung, die sich oft im unmittelbaren Freundes- und Kollegenkreis bemerkbar machte. Daraus entstand auch ein Revival der Jewish Pride: Stars wie Gal Gadot, Scarlett Johansson, Steven Spielberg, Noa Tishby und viele andere bekannten sich offen zu ihrem Judentum und verteidigten Israel. Es entstand eine Rückbesinnung auf eine selbstbewusste und positive Identifikation mit jüdischer Identität – in kultureller, politischer und auch religiöser Hinsicht.
Auf der einen Seite Trauer und Einmahnen eines „Nie wieder“, eines immerwährenden Gedenkens der Shoah und jetzt auch des 7. Oktobers. Auf der anderen Seite ein Stolz auf die jüdische Geschichte, Tradition und Kultur; ein Bewusstsein für die unglaubliche Resilienz, für die Kontinuität des jüdischen Volkes trotz Verfolgung. Mit stolzem Eigensinn wurden trotz des 7. Oktobers und des darauffolgenden schmerzhaften Gaza-Kriegs jüdische Hochzeiten und sonstige Feste gefeiert. Juden in aller Welt zündeten gleich an den darauffolgenden Tagen nach dem
schrecklichen Anschlag am Bondi-Beach in Australien unverdrossen Chanukka-Leuchter an und sangen die Chanukka-Lieder. So gibt es einerseits Juden, die – verständlicherweise – Angst haben, eine Kippa oder andere jüdische Symbole zu tragen. Andererseits tragen manche ganz demonstrativ einen Davidstern und treten offen für Israel ein.
Der enorme Erfolg der Chabad-Lubawitsch-Bewegung in der jüdischen Welt, die tiefgehende jüdische Spiritualität und religiöse Traditionen mit aktivem Outreach zu Juden verbindet, ist so zu verstehen. Bei Chabad wird Judentum aktiv, stolz und ganz offen gelebt. Die Lubawitscher betreiben Bethäuser, jüdische Kindergärten und Schulen, Chabad-Häuser, in denen Tora-Lehrstunden stattfinden, ebenso wie Partys und jüdische Netzwerk-Veranstaltungen. Tragischerweise wurden Chabad-Rabbiner und Veranstaltungen der Bewegung auch Ziel von antisemitischem Hass, zum Teil mit tödlichem Ausgang. Die Arbeit wird dennoch unentwegt fortgesetzt und die Lubawitscher gelten heute als die erfolgreichste Organisation im Judentum der Gegenwart.
In genau diese Richtung argumentierte Bret Stephens: Die jüdische Gemeinschaft solle ihre beträchtlichen Spenden vielmehr in eigene Identitäts- und Bildungsstrukturen wie jüdische Schulen, kulturelle Institutionen, jüdische Medien und Publikationen usw. investieren. Damit soll ein starkes, positives jüdisches Selbstverständnis gefördert werden, statt sich vor allem auf Abwehrstrategien zu konzentrieren.
