Frankreich war eine Zeit das Herz der europäischen Aufklärung und ist bis heute Heimat der größten jüdischen Gemeinschaft des Kontinents.
von Nathan Spasić
Geschätzt leben heute 440.000 bis 500.000 Jüdinnen und Juden in Frankreich, vor allem in Paris und Marseille. Doch der Stolz der „Grande Nation“ ist für viele von ihnen längst zu einem Nervenzustand geworden.
Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wirkte in Frankreich wie ein Katalysator: Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der gemeldeten antisemitischen Vorfälle drastisch. Laut dem jüdischen Schutzdienst (SPCJ) und dem Dachverband der jüdischen Organisationen Frankreichs (CRIF) wurden im Jahr 2023 1.676 antisemitische Taten registriert, etwa viermal so viele wie im Jahr 2022. Im Jahr 2024 lag die Zahl bei weiterhin erschreckenden 1.570 Vorfällen, ein leichter Rückgang, aber weiterhin auf einem historisch sehr hohen Niveau. Besonders alarmierend ist, dass tätliche Angriffe von Jahr zu Jahr zunehmen. 2023 waren es 85, im Jahr darauf bereits 106.
Wenn man diese Zahlen mit der jüdischen Gemeinschaftsgröße ins Verhältnis setzt (weniger als 1% der Gesamtbevölkerung Frankreichs), wird deutlich, wie stark überproportional Juden von Gewalt betroffen sind. In Schulen, auf Straßen – der Raum jüdischen Alltags scheint zunehmend zum Risiko-Ort zu werden. Eine Lehrerin an einer jüdischen Schule beschreibt die Situation so: „Man gewöhnt sich an die Polizei vor der Schule, aber nicht an das Gefühl, beobachtet zu werden.“ Zahlen zeigen, dass viele jüdische Franzosen die Bedrohung längst internalisiert haben. Laut einer Umfrage fühlen sich 86% seit dem 7. Oktober 2023 bedroht, 80% fühlen sich isoliert. Im Jahr 2024 entfielen 65% aller religiösen Angriffe in Frankreich auf Juden. Der Staat zeigt sich pflichtschuldig bemüht, postiert Schutzkräfte vor Synagogen, überwacht Demonstrationen, betreibt Prävention, wie es heißt. Doch ob das ausreicht, bleibt fraglich.
Die Träger antisemitischer Einstellungen sind zunehmend Teile der radikalen Linken sowie bestimmte migrantische Milieus. Historiker wie Stéphane Courtois sprechen von einem „Islamo-Gauchisme“, einer Verbindung antizionistischer Linksrhetorik mit islamistischem Judenhass. Auf Seiten der Rechten versucht das rechtspopulistische Rassemblement National (RN) unter Jordan Bardella sein antisemitisches Erbe abzuschütteln, mit ambivalentem Erfolg. Auf Seiten der Linken weigert sich La France Insoumise (LFI) unter Jean‑Luc Mélenchon noch immer, die Hamas als Terrororganisation zu deklarieren. 29 % der LFI-Wähler glauben, Israel sei ein „Ergebnis eines rassistischen Projekts“, fast doppelt so viele wie im Landesdurchschnitt. Das Symptom einer moralischen Erosion, der Universalismus wurde ersetzt durch Identitätspolitik: Antizionismus ist eine Legitimation für Judenhass.
Auch Frankreichs Außenpolitik sendet widersprüchliche Signale: Präsident Emmanuel Macron verurteilte den 7. Oktober 2023 als das „größte antisemitische Verbrechen unseres Jahrhunderts“ und versprach umfassenden Schutz für Juden in Frankreich. Doch im Juli 2025 kündigte Macron die Anerkennung des Staates Palästina an, ein Schritt, der im September bei der UN-Generalversammlung umgesetzt wurde und scharfe Reaktionen Israels hervorbrachte. Premierminister Benjamin Netanjahu sprach von einem „moralischen und politischen Fehler“, der Dachverband CRIF von einer „Ohrfeige für Frankreichs Juden“.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wächst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs die Überlegung: Bleiben oder gehen? Immer häufiger wird die Option Auswanderung, insbesondere nach Israel, ernsthaft erwogen. Laut Medienberichten stieg die Zahl der Aliyah (=Einwanderung nach Israel)-Anträge französischer Juden nach dem 7. Oktober stark an. Im Verhältnis zur Gesamtgemeinschaft handelt es sich bislang noch nicht um eine Massenbewegung. Die Zahl der Auswanderer bleibt im niedrigen vierstelligen Bereich pro Jahr, weit entfernt von den Hochphasen wie 2014/15, als jährlich 7.000–8.000 französische Juden auswander¬ten. Dennoch entsteht ein Stimmungsbild: Viele jüdische Franzosen sitzen auf gepackten Koffern, vorbereitet, nicht unbedingt entschlossen. Ihre Verankerung in Frankreich bleibt stark, aber das Sicherheits- und Vertrauensgefühl ist massiv beschädigt. Was bedeutet das für Frankreichs jüdische Gemeinschaft und für Frankreich selbst? Der republikanische Universalismus Frankreichs, die Idee von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, gerät ins Wanken. Jüdische Bürgerinnen und Bürger erleben, dass diese Werte nicht gleichmäßig greifen. Schutz existiert formal, doch das Gefühl der Zugehörigkeit schwindet. Für Frankreich als Staat bedeutet dies eine neue Herausforderung, denn wenn die jüdische Gemeinschaft sich zunehmend als „Gäste auf Abruf“ versteht, verliert die Republik einen unverzichtbaren Teil ihrer kulturellen und sozialen Substanz.
Aus jüdischer Perspektive müssen Schutz- und Präventionsmaßnahmen weiter verstärkt, flankiert werden durch eine psychosoziale Stabilisierung. Wenn sich die 1.570+ jährlich gemeldeten Vorfälle (2024) nicht signifikant reduzieren, könnte aus dem Zustand „wir leben mit gepackten Koffern“ bald ein wirklicher Auszug werden. Die Gemeinschaft droht zwischen Resignation („Wir bleiben, aber bewusst unter Bedingungen“) und Beharrung („Wir lassen uns nicht vertreiben“) zu zerreißen.
Frankreich nennt sich „Patrie des Droits de l’Homme“, die „Heimat der Menschenrechte“. Doch im Jahr 2025 ist dieser Satz für viele Juden mehr Fassade als gelebte Wirklichkeit. Der republikanische Universalismus ist zur Formel erstarrt, die Gesellschaft fragmentiert. Der Staat schützt jüdisches Leben, hat aber zunehmend das Vertrauen derjenigen verloren, die er zu schützen behauptet. Die Zahlen sprechen für sich, die Rhetorik dagegen. Zwischen Polizeiposten und Palästina-Diplomatie hat Frankreich das Vertrauen der größten jüdischen Gemeinschaft Europas verspielt. Und der tägliche Spießrutenlauf in manchen Städten zählt dort längst zum jüdischen Alltag.
