Große Attraktionen im kleinen Format

Lior Raz als Segev Azulai lässt in der aktuellen Thrillerserie „Hit & Run“ der mysteriöse Unfalltod seiner Frau keine Ruhe. © JOJO WHILDEN/NETFLIX

Das kleine Israel bringt große TV-Unterhaltung hervor. „Hit & Run“ lautet der Titel der neuesten Thrillerserie, in der „Fauda“-Star Lior Raz wieder als Einzelkämpfer auf die Bildschirme zurückkehrt. 

Von Gabriele Flossmann

Fauda (zu Deutsch: Chaos) ist eine Action-lastige Serie über israelische Undercover-Agenten in den Palästinensergebieten. Sie geben sich als Palästinenser aus, um terroristische Netze zu unterwandern. Rund eine Million Zuschauer sahen die erste Folge der dritten Staffel im israelischen Fernsehen, ein Neuntel der Bevölkerung. Seitdem Netflix 2016 die Rechte gekauft hat, ist die Serie international ebenfalls populär. „Wer den Nahostkonflikt verstehen will, muss Fauda ansehen“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung. Über den Erfolg wundert sich selbst der Autor Avi Issacharoff. Denn es gehe in der Serie „um so viel Schmerz, Tragödien, Konflikt, Kriege, Dinge, die Israelis fast jeden Tag in den Nachrichten sehen. Trotzdem lieben sie die Show.“

Längst zur Kultserie avanciert: Rona-Lee Shim’on im israelischen Serienblockbuster „Fauda“ (seit 2015).
© NETFLIX

In Hit & Run spielt Lior Raz einen Witwer, der nach einem „Unfall“ seiner Frau mit Fahrerflucht herauszufinden versucht, wer die Frau, mit der er zusammenlebte, eigentlich war. Sein Leben gerät völlig aus den Fugen. Auf der Suche nach der Wahrheit über den Tod seiner Frau landet er in einem gefährlichen Netz aus Lügen und Intrigen, das von New York bis nach Tel Aviv reicht. Was die amerikanische Tänzerin Dani an dem Israeli Segev gefunden haben könnte, liegt tatsächlich nicht auf der Hand. Neben der graziösen Schönheit wirkt der glatzköpfige Touristen-Guide mit dem Stiernacken umso plumper. Doch sie hatte ihn geheiratet, kam offenbar wunderbar mit seiner Tochter aus erster Ehe zurecht und lebte – bis zum heimtückischen „Unfall“ – offenbar glücklich in Tel Aviv mit ihm zusammen. Im Laufe seiner Recherchen wird er sagen, es sei klar gewesen, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmen konnte. Sie sei viel zu attraktiv gewesen für einen wie ihn.

Hybride Existenzen

Der Erfolg israelischer Serien wie etwa Shtisel, in der die Lebenswelt ultraorthodoxer Juden in Jerusalem erforscht wird; oder die humorvolle Familientherapie La Familia liegt darin begründet, dass diese Formate realistische Einblicke in die Verworrenheit des Lebens in Israel geben. Die erste Staffel der TV-Serie The Writer wurde 2016 sogar prestigeträchtig auf den Filmfestspielen von Berlin präsentiert. Diese Serie beobachtet die Realität einer hybriden, israelisch-palästinensischen Existenz sowie den persönlichen und politischen Tribut, den sie vom Einzelnen fordern kann. Dabei wirft sie einige sehr pointierte persönliche Fragen auf: Nutze ich meine Identität aus? Schreibe ich die Wahrheit? Kann ich über etwas anderes schreiben oder über jemand anderen? Ist das der Weg, den ich für mich gewählt habe? Und stellt das alles in Frage, was ich bisher für selbstverständlich gehalten habe – meine Ehe, meine Familie, meine Karriere als Schriftsteller und sogar die Wahl Israels als Heimat? All diese Serien zeugen vom internationalen Klasseformat israelischer Fernsehproduktionen. Sie wirken auf Zuschauer rund um die Welt offenbar wie Klebstoff, der sie in der Sitzgarnitur vor den Bildschirmen festhält. Sei es im Original oder in Form von Adaptionen – wie etwa Homeland oder In Treatment.

„Hatufim“ (2012-20212) wurd als original seiener US-Version „Homeland“ berühmt. ©ARTE

Der Aufschwung der typisch israelischen TV-Unterhaltung zu weltweit anerkannten Formaten begann 2010 mit Hatufim, einem Drama um drei entführte Soldaten, das als Vorbild für die US-amerikanische Erfolgsserie Homeland diente. Die Serie habe „die Tür zum amerikanischen Markt geöffnet“, sagt der Autor Gideon Raff. „Denn wenn die Amerikaner finanziellen Erfolg sehen, bewirkt das etwas.“ Raff weiß, wovon er spricht: Er verkaufte die Rechte für die Entwicklung einer amerikanischen Version von Hatufim 2009 an 20th Century Fox Television – noch bevor der Dreh des israelischen Originals begonnen hatte.

Erstaunliche Diversität

Dem 47-Jährigen, der in Los Angeles lebt, kam die Idee zu der Serie, als er bei Besuchen in Israel merkte, wie sich das Land in seiner Abwesenheit verändert hatte. Wie mussten sich dann erst frühere Kriegsgefangene und Entführungsopfer fühlen, die nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause kamen? Der US-Sender HBO produzierte das Teenagerdrama Euphoria auf Grundlage einer gleichnamigen israelischen Mini-Serie, und Pilpelim Tzehubim, eine Serie über eine Familie mit einem autistischen Jungen, diente als Grundlage für britische, griechische und niederländische Versionen. Die Liste ließe sich fortsetzen – und sie ist erstaunlich lang für ein Neun-Millionen-Einwohner-Land mit schmalem Budget für TV-Produktionen. Israelische Fernsehproduzenten müssen mit wesentlich kleineren Budgets auskommen als ihre amerikanischen Kollegen. So kostete etwa die Produktion der gesamten zwölfteiligen Fauda-Staffel zwischen 2,8 und drei Millionen US-Dollar.

Die erstaunliche Diversität israelischer TV-Serien entspricht der Vielfalt von Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Prägung, die in Israel auf engem Raum zusammenleben: Juden, Muslime, Christen, Drusen, Säkulare, Ultraorthodoxe, Friedensaktivisten und militante Siedler. Dazu kommt die Dauerfehde mit den Palästinensern. Die israelischen Serien können in diesem Land die Themen quasi von der Straße auflesen.

Besondere Würze

Und offenbar ermutigt gerade der kleine Markt zu besonders großen Träumen. Weil ihr heimisches Publikum so klein ist, bemühen sich viele Autoren und Produzenten von vornherein, ein Programm oder Format zu entwickeln, das auch international funktionieren könnte. Was auf jeden Fall international funktioniert, ist der jüdische Humor, der die besondere Würze israelischer Serien ausmacht. Besonders schwarz ist der Humor in Stockholm.

Diese Serie erzählt die Geschichte von vier 70-Jährigen, die einen gemeinsamen Freund tot in seinem Bett finden. Der Verstorbene galt als heißer Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis. Die vier beschließen, den Tod ihres Freundes geheim zu halten, damit er als Kandidat im Rennen bleibt, was allerlei unterhaltsame Verwicklungen nach sich zieht. „Schade, dass gerade du überlebt hast!“ Das schreit eine der Stockholm-Heldinnen einem Holocaust-Überlebenden ins Gesicht, nachdem der ihr angeblich an die Brust gefasst hat. Über Szenen wie diese, bei denen es österreichischen Zuschauern (hoffentlich!) mulmig wird, können Israelis offenbar lachen. Weil viele von ihnen den Holocaust erlebt haben, ist schwarzer Humor vielleicht ein Ventil für den Überdruck an Emotionen. Christina Christ von der Produktionsfirma Keshet Tresor Fiction, als Produzentin für die deutsche Adaption von Stockholm verantwortlich, sieht das ähnlich. Der israelische Humor sei bissiger, meint sie, direkter und mutiger. Von Stockholm wurde auch ein deutscher Ableger produziert – unter dem Titel „Unter Freunden stirbt man nicht“, in Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender Vox und dem Streaming-Dienst TV Now. Die Hauptrollen spielen Iris Berben, Heiner Lauterbach, Adele Neuhauser, Michael Wittenborn und Walter Sittler.

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