Genosse Jude

In den 1930er und 1940er Jahren traten viele Juden der kommunistischen Partei bei. Die KPÖ erschien ihnen als Chance, die entfesselte Brutalität des Nationalsozialismus zu bekämpfen und endgültig bessere Zustände auf der Welt herzustellen. Sie war in der Wahrnehmung dieser Juden die einzige politische Kraft, die sich dem Faschismus kämpfend entgegenstellte. Inzwischen haben die meisten, aber doch nicht alle, der Partei den Rücken gekehrt. Sieben Juden verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft berichten über ihre seinerzeitige Annäherung an die Partei und darüber, was sie heute von der kommunistischen Ideologie halten.
Von Danielle Spera und Peter Menasse

Der Genosse mit dem Decknamen „Janda“ fiel dem 16-jährigen Oskar Rosenstrauch beim konspirativen Treffen der kommunistischen Zelle besonders auf. Er war anders gekleidet als die Menschen, mit denen der Jugendliche sonst in Berührung kam. In der Karl-Meißl-Straße in der Brigittenau, wo Rosenstrauch zu Hause war, lebten zum Zeitpunkt dieser Begegnung im Herbst 1934 zehntausende arme Juden: Handwerker, Arbeiter, Arbeitslose. Viele waren aus den unerträglichen Verhältnissen des Stetls im Osten Europas geflüchtet, um, in Wien angelangt, erneut Opfer von Wirtschaftskrise, Armut und Diskriminierung zu werden. Janda hingegen trug die Symbole einer Gesellschaftsschicht, die den Kindern vom Augarten sonst streng verschlossen blieb – er hatte Manschettenknöpfe an seinen Hemdsärmeln. Der Mann, der den Jungen so faszinierte, sollte ihm viel später wieder begegnen als hoch geachteter Justizminister des Kabinetts Kreisky: Sein Name war Christian Broda.

Rosenstrauch war vorerst Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend gewesen, einer sozialdemokratischen Vorfeldorganisation, die sich – wie alle anderen Parteiinstitutionen auch – Anfang 1934 im Gefolge des Bürgerkriegs auflöste. „Die Sozialdemokratie war die Heimat für all jene Juden, die sich integrieren wollten“, resümiert Oskar Rosenstrauch. „Durch ihre Auflösung entstand ein politisches Vakuum, das nur von den Kommunisten gefüllt werden konnte.“

Die andere große politische Gruppierung war den Juden verschlossen. Die Christdemokraten waren eine stramm klerikal ausgerichtete Partei, die mit ihrem Schulterschluss-Slogan des „Seid einig“ so gar nicht die jüdischen Mitbürger meinte. Und schließlich waren es auch die elenden wirtschaftlichen Verhältnisse der 30er Jahre, die Rosenstrauch auf neue Lösungen hoffen ließen. „Uns erschien die Planwirtschaft als einzige taugliche Alternative zur chaotischen Wirtschaftslage des Kapitalismus“, meint der heute 85-Jährige, „und ihr Scheitern kam ja dann erst viel später.“

Rosenstrauch musste als „Politischer“ bereits unmittelbar nach dem Einmarsch der Hitlertruppen aus Wien flüchten. Die kommunistische Partei half ihm, zuerst in ein Auffanglager nach Brünn zu kommen und später weiter nach England, wo er bis Kriegsende bleiben konnte.

Seine jüngste Schwester Edith flüchtete ebenfalls nach England. Die 14-Jährige kam schwer damit zurecht, ihre Freundinnen und ihr Grätzl rund um den Augarten verlassen haben zu müssen. Ihr Bruder nahm sie dann in eine kommunistische Gruppe mit, die sich in London gebildet hatte. Bei „Young Austria“ fand sie Freunde aus ihrem Wiener Umfeld wieder und bekam Erklärungen, die ihr das Unbegreifliche fassbar und annehmbar machten. „Wir waren wie Untermenschen behandelt worden, und da war auf einmal eine selbstbewusste Gruppe, die uns ein positives Lebensgefühl vermittelte“, meint Edith Wein heute.

Die jungen Kommunisten sahen es als ihre Aufgabe, das „andere“ Österreich zu präsentieren. Es gab neben den politischen Zirkeln auch eine Tanzgruppe und einen Chor, die in Lederhose und Dirndl vor englischem Publikum auftraten, um das Bild von Österreich lebendig zu halten. Young Austria und ähnliche Gruppen in anderen Ländern haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Österreich nach dem Krieg von den Alliierten als Opfer und nicht als ein tragendes Element des Nationalsozialismus behandelt wurde.

 

Susi Haber, Jahrgang 1922, wurde ebenfalls in der Emigration zur Kommunistin. Sie stammt aus einem bürgerlichen, monarchistisch orientierten Elternhaus. Im Oktober 1938 gab es den letzten Kuss und Segen der Eltern auf dem Westbahnhof, dann ging die Flucht auf abenteuerlichen Wegen in die Schweiz, wo Haber sehr bald ihren Mann kennen lernte. In der Schweiz kam sie in Kontakt mit der KP. „Dort ist man an uns Juden herangetreten, aber unabhängig davon hatte man damals keine andere Alternative als den Kommunismus“, erinnert sie sich.

Mit großer Begeisterung schließt sie sich als Jüdin bewusst der Partei an, jener Partei, die in ihrer Wahrnehmung als einzige gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und für die Freiheit kämpft. Und so wird sie in aufregende Abenteuer verwickelt: „Ich habe illegale Blätter von St. Gallen in den Tessin geschmuggelt und vom Tessin andere Blätter wieder zurück, Bücher hin- und hergebracht, in die immer wieder Seiten eingeklebt wurden. So habe ich unterwegs gleich meine ideologische Schulung bekommen.“

 

Kurt Menasse kam erstmals im Internierungslager in England mit der KP in Kontakt. Dort stellte er fest, dass „die mit uns internierten Kommunisten wirklich die Tüchtigsten, die Kollegialsten waren, jene, die am meisten auf sich genommen haben in der Organisation des Lagerlebens usw., und man hat sich irgendwie an diese Leute angelehnt. Sie haben gleich die Leitung übernommen, aber nicht dadurch, dass sie gewählt wurden, sondern ganz automatisch, weil sie am meisten für die Gemeinschaft getan haben“.

Politische Konsequenzen folgten zuerst nicht, da Menasses dringlichster Wunsch war, in die britische Armee zu gelangen, um gegen die Nazis zu kämpfen. Nach der Rückkehr 1946 wird er von einem Freund für die KP rekrutiert und gleich – unter Verweis auf die „notwendige Parteidisziplin“ auf einen Posten im Wirtschaftsapparat gesetzt.

 

Kurt Spera war zehn Jahre alt, als die Nationalsozialisten die Herrschaft in Österreich übernahmen, er überlebte in Wien als zum Dienst verpflichteter Hilfsarbeiter in ständiger Angst. Zu Kriegsende musste der knapp 16-Jährige Einsätze nach Bombenangriffen leisten. Die zerfetzten Toten begleiteten und traumatisierten ihn noch viele Jahre nach dem Krieg. 1944 kam er in Kontakt mit Kommunisten aus dem Untergrund. Er begeisterte sich für die Partei auf seiner Seite: „Für mich war die kommunistische Partei die einzige Partei, die eine konsequent antifaschistische Haltung eingenommen hat.“ Und schwärmt noch heute: „Ich liebte das Vaterlandslied der Sowjetunion ,Nicht mehr Hass der Rassen und Nationen‘.“

 

Auch der 1929 geborene Arik Brauer berichtet schwärmerisch über seine Jahre in der KP. Aufgewachsen ist er, wie er sagt, schizophren – als Ottakringer Gassenbub und Mitglied der Kultusgemeinde. Der Vater stammte aus einem frommen jüdischen Haus in Vilna, war selbst aber Sozialist und vermittelte dem Buben diese Ideen. Brauer arbeitete während der Nazizeit in einer Tischlerei der Kultusgemeinde und erinnert sich, dass die Repressalien gegen ihn in seiner Umgebung schlimmer gewesen seien, bevor er den Stern tragen musste. Mit dem Stern sei er dann nicht mehr so angestänkert worden. „Das war den Leuten vielleicht zu mittelalterlich“, meint er. „Dann kamen die Russen und es wurde natürlich von uns allen als Befreiung und Rettung erlebt. Ich war ja auch so erzogen, dass bis Ende des Krieges bei uns im Flüsterton die Internationale gesungen wurde.“ Gleich nach Kriegsende gab es „ums Eck“ eine Parteistelle, „da sind alle mit roten Schleifen herumgerannt“. Brauer ging hin, und schon war er ein Jungkommunist. „Die haben mich sofort akzeptiert und mir gesagt, ich sei für ganz Ottakring verantwortlich. Und das hat mir natürlich sehr gut gefallen.“

 

Rudi Wein, selber Jahrgang wie Brauer, kam erstmals bei seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt mit den Kommunisten in Berührung. Er gelangte gemeinsam mit der Roten Armee zurück nach Wien. Die KPÖ wurde zur Heimat des Jungen, dessen Familie vernichtet worden war, nicht nur wegen seiner Befreiung, sondern weil die Kommunisten als Einzige aktiv gegen die Nazis gekämpft hatten. Seiner Einschätzung nach sind viele Juden auch deswegen zu Kommunisten geworden, weil die jüdischen Proletarier keine andere Chance gehabt hätten, ihre Lebenssituation zu verbessern. Die jüdischen Arbeiter waren einer doppelten Unterdrückung ausgesetzt: rassisch als Juden (in der Dollfußzeit bekam de facto nur Arbeit, wer einen „Taufschein“ vorlegen konnte) und sozial, wie die anderen Arbeiter auch.

 

Das Thema „Juden in der KP“ wurde unterschiedlich wahrgenommen.

Kurt Menasse sah sich in erster Linie als Kommunist. Dass er Jude war, blieb zweitrangig. Er habe es nicht auf einen Nenner bringen können, Kommunist zu sein und gleichzeitig die Politik Israels gutzuheißen. Er sei daher damals aus der Kultusgemeinde ausgetreten: „Ich war immer für die Existenz des Staates Israel. Aber ich hab‘ mir nicht vorstellen können, dass Juden zu solchen Brutalitäten fähig sind, wie sie die israelische Armee teilweise gesetzt hat.“

Für Susi Haber dagegen war die Politik der Partei gegenüber Israel untragbar. Dass Israel ständig als imperialistisch, als kapitalistisch, als Aggressor, als den Nahen Osten beherrschend dargestellt wurde, hielt sie für unerträglich: „Also, dann war es für mich aus. Israel sollte angeblich der Aggressor sein, da konnte doch etwas nicht stimmen. Was mich wirklich bedrückt, ist, dass es in Polen, Russland oder in Ostdeutschland, also in den ehemaligen kommunistischen Ländern, nach wie vor so einen Hass gegen die Juden gibt. Das ist furchtbar.“

Arik Brauer erlebte seinen ersten Schock, als er mit einer Gruppe in das „befreundete“ Jugoslawien fahren sollte. Von einem Tag auf den anderen hieß es plötzlich, Tito sei ein Verräter. Die Reise wurde abgesagt. Langsam wurde ihm klar, wer innerhalb der KP und ihrer Jugendorganisation, der FÖJ (Freie Österreichische Jugend) die Opfer und wer die Täter waren, sagt Brauer. Nicht zufällig erzählt er an diesem Punkt von einem Schlüsselerlebnis auf der Parteischule in Mauerbach. „Es gab dort unter den Kommunisten viele Juden. Die meisten von ihnen kamen aus der Emigration und sprachen daher Hochdeutsch, die Nichtjuden haben sich darüber lustig gemacht und sie ausgespottet.“ Im Grunde waren manche Antisemiten, glaubt Brauer heute. Er selbst war akzeptiert, er sprach wie ein Arbeiterkind, konnte alle Volkslieder, natürlich alle FÖJ-Lieder.

 

Nach dem Krieg sahen sich alle noch als Idealisten, die mit extremem Einsatz beitragen wollten, ein „neues Österreich“ herzustellen.

Susi Haber kam schon sehr früh mit ihrem Mann nach Wien zurück, so früh, dass sie die ersten Nächte mangels Wohnung unter der Brücke schlafen musste: „Uns konnte nichts aufhalten, wir wollten sofort zurück nach Wien, voll des Idealismus: Ich muss dabei sein, ich muss mithelfen dieses Land aufzubauen, war die Devise.“ Sie sieht heute noch viel Positives: „Der Einsatz, die Aktivität aus Überzeugung waren eine große Befriedigung und entschädigten für die Not. Damals habe ich gelernt, Menschen zuzuhören, sie verstehen zu lernen, zu diskutieren.“ Haber wird Sektionsleiterin, Gebietskassiererin, engagiert sich im Friedenskomitee, klettert auf den Turm eines Gemeindebaus, um neben der sozialistischen die kommunistische Fahne aufzuziehen. Auch wenn diese dort nicht lange weht, ist es ihr eine Genugtuung.

Ähnliche Bravourstücke lieferten die beiden Freunde Arik Brauer und Rudi Wein: „Am Sonntag waren wir ,Volksstimme‘ (das offizielle Organ der KPÖ, Anm. der Red.) verkaufen und haben uns von den Leuten anspucken lassen. Wenn es nur irgendwie ums Kämpfen gegangen ist, waren wir selig“, sagte Brauer. „Als im Gartenbau-Kino ,Rommel, der Wüstenfuchs‘ gespielt werden sollte, haben wir einen ordentlichen Wirbel gemacht. Ich bin auf das Vordach des Kinos geklettert und habe mit einem Taschenmesser das Filmplakat weggeschnitten. Unten war schon alles grün vor Polizisten. Rudi Wein hat einige Freunde organisiert, ich bin runtergesprungen und sie haben mich aufgefangen. Die Polizei hat fest geprügelt, aber wir sind entwischt.“ Ein anderes Mal kletterten die beiden über ein Gerüst in die Roßauer Kaserne. Mit dabei hatten sie Druckerschwärze vom kommunistischen Globus-Verlag und schrieben „Hände weg von Korea“ auf die Wände der Polizeiräume. Brauer heute: „Jede noch so geringe Tat hat natürlich die Phantasie von Jugendlichen enorm beflügelt und uns vor uns selbst als Helden erscheinen lassen.“

Die Partei bediente sich vielfach des Engagements ihrer jungen Mitglieder und setzte sie auf Positionen im Wirtschaftsapparat. Die Russen hatten ehemals von den Nazis beschlagnahmte Betriebe übernommen, und es fehlte überall an Managern.

Menasse, Spera und Rosenstrauch machten auf diese Weise Karrieren im Osthandel und kamen in engen Kontakt mit den realsozialistischen Ländern. Kurt Menasse meint heute, dass er dadurch vielleicht früher durchschaut hatte, dass nicht alles, was in der Volksstimme stand, der Wahrheit entsprach: „Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, in der DDR ,Grabstein‘ zu sein. Wenn Taxifahrer erkannten, dass man Österreicher war, haben die uns angeweint, wie furchtbar alles sei. Und später sind wir draufgekommen, es ist wirklich so. Wir sind zur Leipziger Messe gekommen und alles war vorhanden. Aber wir haben gewusst, nach der Messe ist schon nichts mehr da. Es gibt kein Kalbfleisch und es gibt dieses nicht oder jenes.“

 

Inzwischen haben fast alle der Partei ideologisch und emotional den Rücken gekehrt, manche früher, manche später.

Susi Haber kamen bald, obwohl ursprünglich tief überzeugt von der kommunistischen Idee, schwere Bedenken: „Als ich ein bisschen bei Marx geschmökert habe, kam in mir das Gefühl auf, er sei vielleicht auch ein Antisemit gewesen. Dann kamen die Verfolgungen, die politischen Prozesse, da waren Menschen, die bis vor kurzem Helden waren, plötzlich verschwunden. Das hat mich bestürzt, sogar in Österreich gab es eine Säuberung. Das hat bei mir zu einer fürchterlichen Resignation geführt, eigentlich zu einer Umkehr. Mein verstorbener Mann war – im Gegensatz zu mir – bis zuletzt überzeugt von der Richtigkeit.“

Kurt Menasse sagt heute: „Ich habe bei Stalins Tod und nach dem 20. Parteitag noch immer nicht fassen können, was da wirklich aufgedeckt wurde. Ich habe es nicht glauben können. Die Ereignisse 1956, als Geheimdienstleute an den Straßenlaternen aufgehängt wurden, haben mich erstmals unsicher gemacht. Ich konnte das nicht als die richtige Methode der sozialistischen Justiz empfinden. Aber ich hab‘ mich dann doch noch einmal damit abgefunden, dass solche Gräueltaten angeblich unvermeidbar gewesen seien.“ So ist Menasse vorerst nicht aus der Partei ausgetreten. Auf die Frage warum, weicht er aus: „Fragen Sie mich bitte etwas anderes.“ Zu lange habe man weggeschaut, vieles wurde mit der Erklärung, es sei feindliche Propaganda, verdrängt. Der Entschluss zum Austritt reifte bei ihm erst dann, als 1989 die Bilder von der deutschen Botschaft in Prag über die Fernsehschirme der ganzen Welt ausgestrahlt wurden, als hunderte Flüchtlinge die Botschaft stürmten.

Ähnlich ging es Kurt Spera, der, wie viele andere Kommunisten auch, lange den Argumenten geglaubt hatte, es handle sich bei der Unterdrückung der „Bruderländer“ um notwendige Maßnahmen der Sowjetunion gegen den Zerfall des sozialistischen Lagers.

Auch Oskar Rosenstrauch ist heute kein Kommunist mehr: „Das so gut begonnene Experiment gegen den chaotischen Kapitalismus ist gescheitert. Gescheitert, weil die Regime durch politische Repression die Entwicklung der freien Kräfte verhindert haben. Die Wirtschaft ist zurückgeblieben. Daher weint auch kaum jemand in Europa der Sowjetunion nach. Die Faszination der 30er Jahre ist vorbei. Was der Sowjetunion aber bleibt, ist das große historische Verdienst, die Hitlerarmee besiegt zu haben. Wohlstand konnte sie keinen erzeugen“, lautet seine nüchterne Analyse.

Arik Brauer ging schon sehr bald aus der Partei und rechnet heute scharf mit seiner Vergangenheit ab. Er sieht sein Engagement als totalen Irrweg und betont, nicht nur zum Feind, sondern gar zum Hasser des Kommunismus geworden zu sein. Sein Resümee fällt hart aus: „Ich bin der Meinung, dass das Ganze eigentlich das noch größere Verbrechen ist als die Naziherrschaft. Als solches habe ich es im Nachhinein empfunden. Ich fühle mich persönlich beleidigt. Der Kommunismus hat das Beste an intellektuellen Menschen in Europa angezogen am Anfang des Jahrhunderts, und alle sind dahinter gestanden, eine ganze Generation von Intellektuellen hat ihr Leben geopfert, die Leute haben sich zu Tode foltern lassen für diese Idee, die in Wirklichkeit ein nationaler Faschismus war.“ Heute stellt er sich selbstkritische Fragen: „Wie konnte ich, kaum dass die Naziherrschaft vorbei war, eigentlich auf die gleichen Appelle hereinfallen? Lagerfeuer, oder: Wir sind die Besten. Kommunisten sind Menschen von besonderem Schlage, hieß es, genau wie mein Nachbar in Ottakring, der halt ein HJ-Bub geworden ist. Dem hat man gesagt, du bist ein Arier und du bist ein besonderer Mensch. Ich frage mich manchmal, wie ich so blind sein konnte. Meine Entschuldigung ist, dass ich jung und blöd war. Aber das ist ja auch die Entschuldigung der meisten Nazis.“

Rudi Wein bildet einen Kontrapunkt zu den unterschiedlichen, teilweise sehr scharfen Distanzierungen. Er sieht den Kommunismus immer noch als ideale politische Form, die nur schlecht umgesetzt worden sei. Und findet ein ebenso triviales wie einprägsames Gleichnis: „Ein reicher Vater kauft seinem Sohn zum 12. Geburtstag eine Stradivari und die Noten für ein Violinkonzert von Ludwig van Beethoven. Der Bub packt die Geige aus, baut den Notenständer auf und beginnt zu spielen. Heraus kommt ein fürchterliches Krächzen. Kann man daraus schließen, dass Beethoven ein schlechter Komponist, Stradivari ein schlechter Geigenbauer war?“ Ein wenig versteht man da, wie der Mechanismus der einfachen Wahrheiten funktioniert hat und – siehe Beispiel – immer noch funktioniert. Über eines sind sich die früheren Kommunisten jüdischer Herkunft aber allesamt einig: Es müsste eine gerechtere Verteilung der Güter auf der Welt geben und ein Weg gefunden werden, der zu Humanismus und Mitmenschlichkeit führt. Nicht zuletzt, damit die Welt auch für Juden sicher und lebenswert ist.

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