Kommentar von Martin Engelberg
Es ist ein alter Witz, den die beliebte israelische Satiresendung Eretz Nehederet (ein wunderbares Land) vor kurzem aktualisiert hat: Früher hieß es, zwei Schiffe wären einander im östlichen Mittelmeer begegnet, eines auf dem Weg nach Israel, das andere von Israel weg. Am Deck beider Schiffe schauten die Passagiere entsetzt auf jene des anderen Schiffes und zeigten einander gegenseitig den Vogel. Heute trifft eine New Yorkerin, die vor Zohran Mamdani – dem neugewählten, anti-israelischen Bürgermeister von New York – nach Israel flieht, auf einen Freund, der aus Israel in die USA flieht, weil er in Israel das Ende der Demokratie fürchtet. Und beide sind fassungslos übereinander.
Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten so manche jüdischen Aktivisten immer wieder den stark steigenden Antisemitismus beklagten – Tatsache war wohl eher, dass wir das Privileg hatten, ein goldenes Zeitalter des Judentums miterleben zu dürfen. Der Staat Israel wurde geschaffen und entwickelte sich prächtig und auch das Diaspora-Judentum lebte in Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung, wie nie zuvor in der Geschichte. Im Gegensatz zu früher, war Antisemitismus als politisches Programm, als fixer Bestandteil der Politik weitgehend verdrängt worden. Juden konnten sich – zumindest in der westlichen Welt – ohne Diskriminierung frei bewegen und entfalten, ja so manchen Juden verhalf ihr Jüdisch-Sein sogar zu einer eigenen Karriere.
Hat sich dies jetzt, vor allem durch die virulenten anti-israelischen und antisemitischen Wellen geändert, die – verrückterweise – die Welt im Nachgang des fürchterlichen Massakers an Israelis am 7. Oktober, gleich danach zu überfluten begannen? Noch bevor der Krieg Israels gegen die Verbrecher der Hamas im Gazastreifen überhaupt begonnen hatte. Nun, vorerst sieht es einmal so aus, als ob dieses goldene Zeitalter ein vorläufiges Ende gefunden hätte. Manche sagen, es wäre ohnehin immer eine Illusion gewesen.
Etwas differenzierter betrachtet sind die Geschehnisse der vergangenen zwei Jahre vielmehr der Kristallisationspunkt mehrerer signifikanter Entwicklungen: Erstens sind die muslimischen Bevölkerungsgruppen in einigen westlichen Ländern zu politischen Faktoren geworden, weil sich – vor allem linke Parteien – deren Unterstützung erhoffen, wenn sie israel-kritische, ja sogar israel-feindliche Einstellungen zeigen. Zweitens lassen sich heute antisemitische Ressentiments recht problemlos in Agitationen gegen Israel ausleben: Israel wird dämonisiert (es verübe einen Genozid, sei ein Apartheid-Staat usw.), delegitimiert (es wäre ein Kolonialstaat) und man wendet doppelte Standards an, indem man Israel für etwas kritisiert, was man bei anderen Ländern völlig anstandslos toleriert. Das zieht sich bis in höchste politische Kreise und vor allem auch internationale Organisationen.
Drittens hat sich auch die jüdische Welt dramatisch geändert. Vor allem im US-Judentum ist die Assimilation sehr weit verbreitet, sodass für viele Juden ihr Jüdisch-Sein nicht mehr relevant ist. Sie sehen sich in erster Linie als z.Bsp. Amerikaner, New Yorker, Progressive, queer oder verwenden andere Zuschreibungen für sich – und nicht ihr Judentum. Dazu kommt, dass die Solidarität und das Bekenntnis zum Staat Israel – als zentrales Element moderner jüdischer Identität – vor allem bei den jungen Juden in den USA weitgehend verloren gegangen ist. Nur so ist es zu erklären, dass ein wesentlicher Teil der New Yorker Juden (laut Umfragen ca. 30 Prozent) doch tatsächlich Zohran Mamdani gewählt, ja sogar vehement unterstützt haben. Dass er den Slogan „From the river to the sea – Palestine will be free”, den Aufruf zur Zerstörung des Staates Israel, nicht verurteilen wollte, schien viele New Yorker Juden nicht von ihrer Unterstützung abzubringen. Viertens entwickelt sich die israelische Gesellschaft in eine Richtung, die derzeit mehr Israelis als sonst dazu veranlasst, über eine Auswanderung aus Israel nachzudenken. Nach neuesten Umfragen betrifft dies 25 % der Israelis.
So stehen viele von uns vor der ältesten Frage des Judentums: Müssen wir auf gepackten Koffern sitzen und wenn ja, wohin sollen wir gehen? Bei aller gebotenen Vorsicht sollte man sich aber vor angstvollen, geschichtlichen Vergleichen hüten. Nicht alles, was hinkt ist ein Vergleich. Heute findet keine Wiederholung der 1930er-Jahre statt. Aber ein selbstbewusstes, engagiertes und vor allem identitätsbewusstes jüdisches Auftreten wird in Zukunft wichtig sein, will man jüdisches Leben auch für die Zukunft erhalten.
