Antisemitismus ist ein untrügliches Barometer für politische Kultur

Paul Lendvai, Osteuropa-Experte des ORF, Buchautor, Herausgeber der „Europäischen Rundschau“ und Doyen der Österreich-Korrespondenten, im NU-Interview über „den erstmals seit 1945 real wachsenden Antisemitismus in Europa“. Kritik an Israel sei legitim, häufig habe sie jedoch eine klar antijüdische Stoßrichtung. In Österreich sei das Problem im Vergleich nicht ganz so schlimm.
Von Rainer Nowak

NU:Wenn man sich die Umfrage der EU-Kommission ansieht, die Welle von Ausschreitungen in mehreren Ländern, vor allem in Frankreich, und die immer wiederkehrenden Aussagen von Politikern, in denen Kritik an Israel mit Kritik am Judentum verwoben wird: Täuscht der Eindruck, oder wächst der Antisemitismus in Europa wieder?

Lendvai: Ich glaube leider, dass die Feststellung des angesehenen Antisemitismus-Forschers Werner Bergmann aus Berlin, die dieser kürzlich bei einer Konferenz der Böll-Stiftung getätigt hat, wonach zum ersten Mal seit 1945 ein reales Anwachsen der antisemitischen Gefühle bei Alt und Jung, Rechts und Links zu beobachten ist, richtig ist. Dazu kommt noch das allgemeine Bedauern, dass Juden nach so vielen Jahren Wiedergutmachung wollen. Hier geht es um ein äußerst kompliziertes Amalgam von verschiedenen Faktoren. Es ist von Land zu Land unterschiedlich, aber im Grunde bleibt der Antisemitismus ein untrügliches Barometer für politische Kultur.

 

NU:Woher kommt das Anwachsen?

Lendvai: Gewiss ist die Verleugnung des Existenzrechtes eines jüdischen Staates ein auslösendes Moment. Ein deutscher Forscher hat, wenn ich mich richtig erinnere, bei der erwähnten Konferenz darauf hingewiesen, dass zahlenmäßig die deutschen Islamisten zehnmal wichtiger sind als die Neonazis. Und was ich für so Besorgnis erregend halte, ist die Tatsache, dass Moslems durch Videos, TV-Satellitenprogramme und Internet mit den übelsten antisemitischen, tausendmal entlarvten Propaganda-Schablonen überschwemmt werden. Deshalb ist die begriffliche Trennung von altem und neuen Antisemitismus so irreführend.

 

NU: Ist Europa zu tolerant mit seinen Antisemiten?

Lendvai: Da spielt die verhängnisvolle Beziehung zwischen dem linken Antisemitismus, der trotz der leidenschaftlichen Verneinung von österreichischen und deutschen Sozialdemokraten starke historische Wurzeln hat, und dem klassischen rechten und extrem rechten Antisemitismus eine große Rolle. Hier kommt alles zusammen: die zu Recht erfolgte Kritik an kolonialistischen Zügen der Politik der Regierung Sharon, die Verurteilung der amerikanischen Nahostpolitik und wiederum die gerechte Kritik an der nicht überdachten Irak-Politik der Bush-Regierung. Natürlich ist Antiamerikanismus nicht gleich Antisemitismus, und natürlich ist nicht Kritik an jener israelischen Politik, gegen die auch Hunderttausende Israelis demonstrieren, Antisemitismus. Aber es ist eine nicht bestreitbare Tatsache, dass in der Alltagspraxis, in der Alltagssprache und in der Tagespolitik keine feinen Unterschiede festzustellen sind. Und dass es immer häufiger eine Instrumentalisierung von rechts und links gibt. Da spielt etwas eine Rolle, das immer wieder vergessen wird: Dass es nicht nur eine pro-jüdische Lobby gibt, sondern auch eine pro-islamistisch-fundamentalistische Lobby.

NU:Wer ist in dieser Lobby?

Lendvai: Da genügt es, wenn man diese Liste aus Bagdad zur Hand nimmt, auf der neben extrem antisemitischen und inzwischen in die Bedeutungslosigkeit versunkenen ungarischen Grüppchen auch sehr ehrenwerte Persönlichkeiten stehen. Alle jene Unternehmer, die in Deutschland, Österreich, Großbritannien und in den USA im Laufe der Jahrzehnte viel Geld eingesteckt haben und immer bereit waren – und eben nicht nur in Klagenfurt – diese Tendenzen zu unterstützen.

 

NU: Ist Österreich in puncto Antisemitismus die Ausnahme oder die Regel?

Lendvai: Da bin ich persönlich in einer besonders schwierigen Situation. Einerseits bin ich als Flüchtling, der hier wie Hunderttausende aufgenommen wurde, dem Land, den Menschen und den vielen Freunden von rechts und links unendlich dankbar. Deshalb nahm ich in der Waldheim- und der Sanktionen-Zeit eine Position ein, die von liberalen und linken Freunden kritisiert und von den anderen bejubelt wurde. Aber ich habe mich auch in meiner Haltung gegenüber der Sowjetunion nie davon beeinflussen lassen, dass auch extrem Rechte gegen die Sowjetunion eingetreten sind. Und auch nicht davon, dass die Kommunisten gegen neonazistische Tendenzen aufgetreten sind. Meine Position ist im englischen Sinne liberal, sodass ich mich immer zwischen allen Stühlen wiederfinde. Dass ich gegen die Sanktionen war, die überzogen waren, bedeutet nicht, dass ich irgendwann die leisesten Sympathien für die FPÖ gespürt hätte. Aber pauschale Beschuldigungen gegen Israel, die Amerikaner oder eben auch gegen Österreich sind meine Sache nicht. Natürlich spielt bei meiner Einstellung der Kreisky-Komplex eine Rolle.

 

NU:Was ist das für ein Komplex? Dass Kreisky kein akzeptierter Jude ist?

Lendvai: Ich war der erste Biograf und – lebenslanger Freund wäre zu hoch gegriffen – sagen wir, Weggefährte dieses Menschen. Er war der erfolgreichste jüdische Politiker Europas und die Österreicher wussten sehr wohl, dass er nicht in einem katholischen Internat oder dem CV gewesen war. Er konnte sich freilich Ausdrücke und Haltungen leisten – sicher zum Teil aus politischem Opportunismus -, die den Antisemitismus zeitweilig salonfähig machten. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass er nicht als Sozialist, sondern auch als Jude von den rechten Österreichern abgelehnt wurde. Jedenfalls hat er Tabus zerstört – Stichwort: die unredlichen Angriffe gegen Wiesenthal – aber er trug sicherlich auch zur Imageverbesserung Österreichs bei.

 

NU: Wie ist nun die Lage in Österreich? Dass Kinder, wie die von Ariel Muzicant, auf Gund – wir er sagt – des „Stresses, Jude zu sein, das Land verlassen“?

Lendvai: Seit dem Tod meiner Mutter bin ich Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde und gehöre seit meiner Geburt zu dieser Schicksalsgemeinschaft, aus der man weder austreten noch ausgeschlossen werden kann. Ich gehöre nicht zu jenen, die jüdische Funktionäre, auch wenn sie reich sind, oder Organisationen als eine Art Gott betrachten. Das sind Menschen, die auch Fehler machen, die eitel sind wie wir alle, und vielleicht genießen sie auch die geliehene Macht. Ich halte die Art und Weise, wie Ariel Muzicant in der Öffentlichkeit viel zu oft und viel zu laut agiert, für schädlich für die Juden – und für ihn persönlich. Dies alles würde ich nicht in der großen Öffentlichkeit, sondern nur unter uns sagen. Ein jüdischer Funktionär muss gegen Ungerechtigkeiten bei Wiedergutmachung, bei sozialen Dingen, wie der Rentenregelung, und erst recht bei antisemitischen Ausrutschern auftreten. Aber man muss das nicht zuletzt in einem Land wie Österreich mit mehr Fingerspitzengefühl und Sensibilität tun. Das Wichtigste wäre, den Armen und alten Menschen in der Gemeinde zu helfen, und nicht Prestigeprojekte zu fördern.

 

NU: Ist die Situation für Juden in Österreich nun schlechter oder besser im Vergleich zu anderen Ländern?

Lendvai: Als einer, der über das Thema Antisemitismus beinahe lebenslang geschrieben hat, muss ich sagen, dass die Lage in anderen Ländern schlimmer ist. Etwa in Ungarn, wo im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unglaublich judenfeindliche Töne regelmäßig am Sonntagvormittag zu hören sind, wo Zeitungen mit einem Titelblatt über die „Helden von Buda“ (gemeint sind damit auch die letzten ungarischen faschistischen und SSKämpfer, die ab Februar 1945 gegen die anrückenden Alliierten kämpften, Anm.) aufmachen; in Polen werden in einem katholischen Sender regelmäßig antisemitische Untertöne gebracht, in Russland spielen antisemitische Schreihälse in der Duma und im KGB eine große Rolle. Verglichen mit diesen Staaten darf man es in Österreich zwar nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber immer mit Augenmaß Kritik üben.

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