In ihrem neuen Buch über die Villen von Dornbach begibt sich Marie-Theres Arnbom wieder auf Spurensuche und entdeckt die „verschwundene Schönheit“ Dornbachs und Neuwaldeggs, wo sich einst der Verleger Artaria, die Zuckerbäckerdynastie Demel, Familie Kuffner und viele mehr zur Sommerfrische niedergelassen hatten.
von Katharina Stourzh
Marie-Theres Arnbom legt bereits ihr achtes „Villen-Buch“ vor. Es sind viele Überraschungen und unglaubliche Geschichten der Familien, über die Arnbom recherchiert und deren Nachkommen sie über den Globus verteilt aufgespürt hat. Mit den insgesamt vier Spaziergängen füllt Arnbom diesen weißen Fleck auf dem Wiener Stadtplan mit Leben und zeichnet ein buntes und vielfältiges Bild dieses Viertels nach. Bemerkenswert dabei ist, wie Arnbom betont, dass zum Beispiel im Unterschied zu Pötzleinsdorf „das heutige Erscheinungsbild von Dornbach und Neuwaldegg kaum mehr der einstigen Großzügigkeit und Schönheit dieser frühen Biedermeier-Sommerfrische entspricht.“ Denn die damals, zum Teil auch von Ringstraßenarchitekten wie Alexander Wielemann oder Franz von Neumann erbauten Villen mit ihren enormen Gärten und Parks werden nach der „Arisierung“ und nach Kriegsende in oft katastrophalem Zustand restituiert und müssen verkauft werden. „Es gibt zwei Käufergruppen: Die Stadt Wien und Genossenschaften“, beschreibt Arnbom. Das erklärt die völlige Wandlung des Stadtbildes in Dornbach und Neuwaldegg.
Von der Villa Terramare zur ehemaligen Kuffner-Villa
Ein Spaziergang durchs Grätzel führt uns zur Villa Terramare in der Heuberggasse. Im Eigentum von Bosnien und Herzegowina und unter Denkmalschutz gestellt, steht die von Fellner und Helmer erbaute Villa seit Jahren leer und verfällt zunehmend. Josef Eisler von Terramare, dessen Vater der Begründer der heutigen Firma Inzersdorfer war, erwarb die Villa als Familiensitz. Sein Sohn Georg, Kunstsammler, Regisseur und Schriftsteller erbt das Haus bereits 1913, muss es aber aus finanziellen Gründen 17 Jahre später verkaufen, da er sein ganzes Geld in Kriegsanleihen gesteckt hatte. Beruflich war er aber auch viel in Bern und Hamburg tätig, bevor er sehr erfolgreich Direktor des Stadttheaters Troppau wurde. Seine Mutter lebte bis 1939 in der Heuberggasse, ehe sie nach England flüchtete; Georg Terramare schließlich floh gemeinsam mit seiner nichtjüdischen Frau von Prag aus nach Bolivien. Dort freundet er sich mit Fritz Kalmar an und gründet mit ihm die „Vereinigung der freien Österreicher“.
Ein paar Minuten weiter in der Promenadegasse befand sich die Kuffner-Villa. An ihrer Stelle steht heute ein Gemeindebau. Die Gründerfamilie der Ottakringer Brauerei und der Kuffner Sternwarte verfügte bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts über riesige Besitztümer. In seiner Funktion als Bürgermeister von Ottakring engagiert sich Ignaz Kuffner für das Wohl der Gemeinde. Er baut nicht nur die Infrastruktur aus, sondern schenkt der Gemeinde ein Grundstück, um darauf für die jüdische Gemeinde Ottakring eine Synagoge errichten zu lassen. Sie wird 1939 fast vollständig zerstört.
Nichts mehr außer den alten, in den Himmel ragenden Föhren erinnert heute beim Ernest-Bevin-Hof in der Andergasse an den riesigen Besitz der Familie Hirsch, die im nordböhmischen Niemes die – neben den beiden Konkurrenten Thonet und Khon – dritte große Bugholzmöbelfirma D. G. Fischel Söhne aufgekauft hatte. Die Familie konnte weit verzweigt nach Amerika emigrieren. Das Anwesen wurde zwar 1952 restituiert, allerdings in einem derart heruntergekommenen Zustand, dass ein Verkauf unumgänglich war; auch hier schien die Gemeinde Wien die einzige Interessentin zu sein, die sich ein derartiges Grundstück leisten konnte.
Vom Kohlmarkt nach Neuwaldegg
Weiter oben in Neuwaldegg begibt sich Marie-Theres Arnbom auf die Spuren der Familien Artaria – „Pionieren der Sommerfrischler“ – und Demel, denn es sei „auffällig, dass viele der in Dornbach und Neuwaldegg ansässigen Familien ihre Geschäfte am Kohlmarkt betreiben“. „Dazu kommt, dass nach 1938 viele dieser Familien nach Vancouver flüchten, um dort wieder aufeinanderzutreffen“, erzählt sie weiter. Ein Teil der Familie Pollack-Parnau beispielsweise, ehemals zu Hause in einer prachtvollen Villa in der Andergasse/Pointengasse kann sich nach der Flucht in die Emigration dort ein neues Leben aufbauen. Antoinette Pick wurde durch ihre Heirat mit Leopold Bloch-Bauer Mitglied der Familie. Und noch eine Familie begegnet uns hier: Der Stahlindustrielle und Mäzen Karl Wittgenstein, dessen zwei Geschwister mit der ebenfalls in Neuwaldegg ansässigen Familie des evangelischen Superintendenten Franz verschwägert sind, hat sich 1880 hier angesiedelt. Die Villa in der Neuwaldegger Straße war viele Jahre der Familienmittelpunkt, Margarethe Stonborough-Wittgenstein und Ludwig Wittgenstein wurden auch hier geboren.
Adolf Winternitz und Alexander Moissi
Im Unterschied zu vielen anderen ist der ehemalige Besitz der Familie Winternitz noch erhalten. Der Miteigentümer der Kronen Zeitung erwarb in der Braungasse zwei Villen. Seine beiden Kinder zieht es beruflich in die Kunstwelt. Adolf, der nach Peru ins Exil ging, erlangte als Maler Adolfo Christobal Winternitz internationale Bekanntheit, seine Schwester Trude, mit dem Staatsopernsänger Norbert Ernst verheiratet, kann in die Schweiz fliehen. Nach der Rückstellung beider Villen Ende der 1940er-Jahre werden sie verkauft. In weiteren Kapiteln erfahren wir, wie die in Neuwaldegg am Fuße des Schafbergs gelegene, von Carl Hasenauer erbaute Villa des Verlegers Gerold – dessen Frau dort einen bekannten Salon führte, 1924 von der Familie Bunzl gekauft wurde und heute als Residenz der chinesischen Botschaft dient; oder auch, dass der erste Jedermann, Alexander Moissi, ein Dornbacher war.
Seyß-Inquart am Schafberg
Dass Arthur Seyß-Inquart ebenfalls in Dornbach am Schafberg residierte, ist eine weitere Tragik der Geschichte: Er war mit Gertrude Maschka verheiratet, deren Familie gemeinsam mit Paul Lourié das Grundstück 1931 gekauft und anschließend geteilt hatte; Familie Lourié konnte schließlich nach Vancouver flüchten, die Erinnerungen von Paul sind in diesem Kapitel nachzulesen: „Als wir seinerzeit im Jahr 1931 den Hang auf dem Schafberg gemeinsam gekauft hatten, unterhandelte ich mit ihm in der Kanzlei meines Anwaltes Fürth. Dieser, Jude, war damals ein großer, angesehener Advokat, und Seyss-Inquart, der eine kleine Kanzlei betrieb, stand voll Ehrerbietung vor dem großen Kollegen. Sieben Jahre später ist Seyss-Inquart Reichsstatthalter von Öster¬reich, Fürth begeht Selbstmord, ich sitze im Gefängnis.“
Vier Rundgänge, die nicht nur „Dornbachs unbekannte Glanzzeit“ Revue passieren lassen, sondern vielleicht auch eine Anregung für die Stadt Wien sind – ausgehend vom heurigen Gedenkjahr – sich auch in der Erinnerungskultur verstärkt dieser Geschichte der Stadtentwicklung zu widmen.
