Ein neues Buch über jene Institution, die Wien seit Jahrhunderten prägt wie kaum eine andere, versetzt den Leser mitten in die Atmosphäre der klassischen Wiener Kaffeehauskultur. Mit Geschichten, Anekdoten und Abenteuern rund um das Wiener Café.
Danielle Spera
Gregor Auenhammer und Robert W. Sackl-Kahr Sagostin unternehmen eine feuilletonistisch-fotografische Expedition durch die klassische Wiener Kaffeehauskultur und ihre weltweiten Ausstrahlungen – und sie tun das mit spürbarer Leidenschaft, Kenntnis und einem gewissen liebevollen Übermut.
Auenhammer nähert sich dem Thema nicht systematisch, sondern assoziativ. In kurzen, oft pointierten Kapiteln spannt er den Bogen von der Geschichte des Kaffees und der „Wiener Bohne“ über die Typologie der Kaffeehausgäste bis hin zu den globalen Verästelungen der Kaffeehauskultur: von Wien nach Triest, Rom und Paris, weiter nach Marrakesch, Istanbul, New York oder Bali, wo der legendäre Kopi Luwak als teuerstes „schwarzes Gold“ auftaucht. Den Leser erwartet keine chronologische Darstellung, das Buch lädt eher zum Blättern, Verweilen, Wiederentdecken ein, so wie man im Kaffeehaus entspannt innehält.
Auenhammer schreibt im Geiste des klassischen Wiener Feuilletons, bildreich, anspielungsreich, mit Lust an der Abschweifung und an der kleinen, schrägen Beobachtung am Rande. Manchmal gerät die Prosa dabei fast barock, doch gerade diese Überfülle passt zum Sujet: Das Kaffeehaus als Ort der Überlagerungen, in dem Klischees, Erinnerungen, Legenden und Alltagsrealität ineinanderfließen. Besonders reizvoll ist, wie konsequent der Autor die Wiener Kaffeehauskultur aus ihrer vermeintlich nationalen Enge herauslöst und als Produkt von Durchmischung und Migration begreift – von der französischen Patisserie über die böhmische Küche bis zur italienischen Lebensart.
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin liefert dazu die visuelle Partitur. Seine in Monochrom-Tönen gehaltenen Fotografien sind von heute und wirken doch wie aus der Zeit gefallen. Sie zeigen Interieurs, Spiegelungen, Böden, Lampen, leere und besetzte Tische – Räume, in denen Menschen auftauchen, aber nie die Hauptrolle spielen. Das atmosphärische Licht, die Patina, das Spiel von Glanz und Abnutzung erzählen von jener spezifischen Mischung aus Melancholie, Behaglichkeit und leiser Exzentrik, die das Wiener Kaffeehaus so schwer erklärbar und doch sofort wiedererkennbar macht. Wir sind dankbar auch für das wunderschöne Bild aus dem früheren Café Eskeles, das auch eine NU-Ausgabe zeigt: Jene, mit der unvergleichlichen Hedy Lamarr am Cover.
Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – manche prominenten Häuser tauchen nur am Rande auf, touristische Ikonen werden eher skeptisch behandelt. Stattdessen richtet Auenhammer den Blick auf Eigenheiten, Randfiguren, Brüche und Verluste, etwa auf das „Kaffeehaussterben“ der letzten Jahrzehnte, dem parallel eine neue, oft qualitätsbewusste Café-Szene gegenübersteht.
Gerade darin liegt die Stärke von „Café de Vienne“: Das Buch ist weniger Denkmal als Debatte, weniger Nostalgiealbum als Reflexion darüber, was diese Orte einmal waren, was sie heute sind – und was sie vielleicht wieder werden könnten. Es lädt dazu ein, das Kaffeehaus nicht nur als touristisches Klischee oder kulinarische Adresse zu sehen, sondern als sozialen Raum, als Bühne für Einsamkeit in Gesellschaft, für zufällige Begegnungen und leise geistige Funken. Fazit: „Café de Vienne. Eine Wunderkammer des Geistes“ ist ein prachtvoll gestaltetes, sinnliches Buch, das sich auch als Geschenk empfiehlt – für Wien-Liebhaberinnen und -Liebhaber, für Kaffee-Afficionados ebenso wie für alle, die gern mit einem starken Espresso und einem guten Text in Gedanken auf Reisen gehen, reich belohnt mit neuen Blicken auf eine scheinbar vertraute Institution und mit Bildern, die man so schnell nicht wieder vergisst.
