Was bewegt eine junge Jüdin, Wien zu verlassen und einen Neuanfang in Barcelona zu starten? Eine Utopie, die rasch zerfiel.
von Victoria Borochov
Vor zwei Monaten bin ich von Wien nach Barcelona gezogen – dies hatte viele verschiedene Gründe. Näher zum Meer, spanische Kultur, persönliche Beziehungen, ein neuer Job und natürlich: Tapas. Doch die Entscheidung, Wien zu verlassen, ergab sich vor allem aus einem Grund: um allem zu entkommen.
Ich war Präsidentin der Jüdischen Österreichischen Hochschüler:innen (JöH). Diese Position ist mit großer Verantwortung verbunden: Man engagiert sich für jüdische Studierende, setzt sich für ihre Anliegen ein und beschäftigt sich auch mit ihren antisemitischen Erfahrungen. Man organisiert Veranstaltungen, hält die jüdische Kultur mit gemeinsamen Schabbes-Dinnern und Purim-Partys lebendig, arbeitet in der Redaktion des NOODNIK mit und kämpft gegen Antisemitismus. All das spielt sich im Blickfeld der Öffentlichkeit ab.
Zielscheibe Borochov
Durch Interviews, Fernsehbeiträge, mediale Berichterstattung und vieles mehr wird man zu einer Person des öffentlichen Lebens. Man repräsentiert jüdische Studierende nach außen und muss, wie auch meine Vorgänger:innen und Nachfolger:innen, ein starkes Auftreten haben.
Es ist absurd, wenn ich daran zurückdenke, auf der Straße erkannt und angesprochen zu werden. Die paar Male, die es passierte, waren glücklicherweise positive Interaktionen. Doch die ließen mich dennoch mit einem unguten Gefühl zurück – wer erkennt mich denn sonst noch in Wien? Wird die nächste Begegnung negativ sein? Was wird passieren? Wie werde ich agieren? Bin ich hier sicher?
Mitte September 2023 wurden diese Gedanken leider nochmals verstärkt: ein Covid-Gegner und YouTuber, dessen Namen ich nicht nennen möchte, veröffentlichte ein 20-minütiges Video, in dem er meinen und den Namen meines damaligen Judaistik-Professors durch den Dreck zog, derbe antisemitische Verschwörungstheorien verbreitete und mich direkt im Video ansprach. Die Ehre, dass mein Name im Titel des Videos stand, hatte ich auch.
Das Video bekam ca. 3.000 Klicks und wurde in sämtlichen Telegram-Gruppen geteilt. Wochenlang habe ich mich abends nicht allein durch die Stadt oder gar nach Hause getraut. Ich habe verschiedene Wege zu meiner Wohnung genommen. Bei einem schiefen Blick einer fremden Person schlug mein Herz um ein Vielfaches schneller, mein Überlebensinstinkt kickte ein.
Drei Wochen später: 07.10.2023
Dieses Datum war der Anfang vom Ende. Vom Ende jeglichen Sicherheitsgefühls, das noch übrig war. Ich versteckte meine Davidsternkette, legte all meine ehrenamtlichen Positionen in jüdischen Organisationen Stück für Stück zurück und zog mich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.
Ich war zwei Jahre lang im Vorstand der European Union of Jewish Students (EUJS) und merkte, wie sehr die Last des Jüdischseins immer mehr auf mich eindrückte. Der Austausch mit Jüdinnen und Juden aus ganz Europa, deren Erfahrungen an ihren Campussen war schwer zu hören – und noch schwerer selbst zu erleben. Der Nahostkonflikt war ein allgegenwärtiger Geist, der durch Wien, durch mein Leben und durch das Leben jedes Juden spukte.
Mittlerweile habe ich es dennoch geschafft, meinen Abschluss an der Uni Wien zu machen und ein neues Leben in Barcelona zu beginnen. Die Hoffnung, neu anzufangen und in eine Stadt zu ziehen, in der mich niemand kennt und ich von Null beginnen kann, war utopisch – so befreiend, so neu, so warm. Doch diese Utopie zerfiel sehr schnell.
Egal wo man hinblickt: an jeder Ecke kleben Sticker, die entweder einen Boykott von Israel, „Zionists not welcome”, oder „From the River to the Sea, Palestine will be free” fordern. Egal wo ich hingehe, hinschaue, ich werde immer und immer wieder mit dem Nahostkonflikt konfrontiert. Am Heimweg von der neuen Arbeit eine pro-palästinensische Demonstration mit Boykott-Aufrufen gegen Israel und gegen Konzerne wie Starbucks, die Israel unterstützen. Ich verstecke meine Davidsternkette wieder einmal unter meinem Shirt, senke meinen Kopf, drehe die Musik in meinen Kopfhörern lauter und versuche, die Töne des Hasses auszublenden. Einfach nur zu sein, scheint unmöglich.
KATALONIEN pro PALÄSTINA
Die jüdische Gemeinde in Barcelona ist sehr überschaubar. Viele berichten von antisemitischen Erfahrungen, vor allem an ihren Universitäten. Doch es gibt eine kleine, feine, junge und aktive jüdische Organisation, bei der ich ein neues, sicheres Zuhause spüre – ein Zuhause, nach dem ich mich sehr sehne. Im Austausch mit der jungen jüdischen Gemeinde hier versuche ich, besser zu verstehen, wie das Leben als Jude, als Jüdin in der Stadt ist.
Sie erzählen, dass besonders in Katalonien die pro-palästinensische Bewegung aktiv ist. Aufgrund der schon lange geforderten und umkämpften Unabhängigkeit Kataloniens, identifizieren sich die Menschen hier stark mit den Palästinensern. Sie orten hier Parallelen, da sie sich als Katalonier von einer größeren, mächtigeren Regierung unterdrückt fühlen. In ihrem Kampf um Unabhängigkeit, der hier aussichtslos scheint, fühlen sie sich in einem gemeinsamen Ziel mit den Palästinensern verbunden.
Jüdinnen und Juden sind hier in Barcelona Aliens – Antisemitismus eine Sache der Inquisition, die Shoah kaum gelehrt an den Schulen und Jüdinnen und Juden eine Projektionsfläche für Hass, Holocaust-Witze und zugeschriebener Macht. Viele jüdische Freundinnen und Freunde, die hier aufgewachsen sind, erzählen von einem inneren Kampf der Identitäten – sie bekennen sich in der Schule nicht zu ihrem Jüdischsein, sind zwar in der „Außenwelt” unterwegs, diese sei aber sehr ignorant und unwissend. Oftmals sind sie die ersten Juden, die manche kennenlernen. Wie will man sich also verhalten? Welche Rolle muss man einnehmen? Wer will man sein? Jude? Katalane? Spanier?
Das jüdische Leben in Barcelona kann sehr einsam sein – man blüht innerhalb der eigenen Gemeinde auf, ist umgeben von der sicheren Community und zelebriert Schabbat gemeinsam. Sobald man aber aus dieser Bubble tritt, fühlt man sich als Alien.
Ich bin sehr gespannt, wie sich mein Leben in Barcelona noch entwickeln wird – und ob meine utopische Hoffnung sich erfüllen kann.
