Kommentar von Hanna Esther Veiler
Wenn die Welt um uns herum kalt wird, steht jeder von uns vor einer Entscheidung: Wir können uns eine Jacke überziehen und uns selbst wärmen, oder wir entzünden ein Feuer, das auch andere wärmt. Dieses Bild beschreibt für mich sehr genau, was es heute bedeutet, jung, jüdisch und europäisch zu sein. Es wäre einfach, sich zurückzuziehen und sich in schwierigen Zeiten – wie wir sie seit mindestens zwei Jahren erleben – nur um das eigene Wohl zu kümmern. Doch es braucht Kraft und Mut, ein Feuer zu entfachen, das Licht spendet und Gemeinschaft schafft, wenn es dunkel wird. Ich schreibe diesen Text, weil ich glaube, dass genau das die Aufgabe meiner Generation ist.
Antisemitismus war immer Teil der europäisch-jüdischen Erfahrung. Die meisten von uns sind es gewohnt, unter Polizeischutz zu beten, zur Schule zu gehen oder unsere Einrichtungen zu betreten. Das Wiedererstarken rechtsextremer Ideologien, islamistischer Terror, linker und bürgerlicher Antisemitismus prägten unsere Realität schon lange vor dem 7. Oktober. Doch die Welle des Hasses, die uns seit dem 7. Oktober 2023 – dem größten Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah – entgegenschlug, übertraf alles, was wir für möglich gehalten haben.
Viele junge Jüdinnen und Juden beschreiben seither das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Plötzlich rückte in den Hintergrund, wo wir politisch stehen, was wir zu gesellschaftlichen Debatten beitragen und was uns als junge Europäer ausmacht. Wie Hannah Arendt sagte: „Wer als Jude angegriffen wird, muss sich als Jude verteidigen.“ Unsere Narrative gehörten plötzlich nicht mehr uns selbst, sondern wurden durch antisemitische Vorfälle und die Notwendigkeit, darauf zu reagieren, bestimmt.
Die DNA der European Union of Jewish Students (EUJS) ist seit ihrer Gründung 1978 in Grenoble untrennbar mit dem Einsatz für Menschenrechte und Gerechtigkeit verbunden. Der Dachverband von 36 nationalen jüdischen Studierendenorganisationen bringt seit Generationen junge Jüdinnen und Juden zusammen, die sich nicht nur für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus einsetzen, sondern auch für Demokratie, Minderheitenrechte, Gleichberechtigung und gegen gesellschaftliche Kräfte, die spalten und erkämpfte Freiheiten infrage stellen. Zwei Jahre nach dem 7. Oktober ist es für EUJS an der Zeit, das eigene Narrativ zurückzuerobern. Wir wollen unsere vielfältigen, selbstbestimmten Stimmen erheben und wieder in die Offensive gehen.
EUJS bleibt ein Ort, an dem junge Jüdinnen und Juden genau diese Narrative aushandeln können. Ein Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, diskutiert und verbunden werden. Eine jüdische Zukunft in Europa braucht Brücken statt Gräben, Debatte, aber auch Respekt, und Menschen, die bereit sind, Verantwortung über ihre Komfortzone hinaus zu übernehmen.
Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, wie stark junge Jüdinnen und Juden sein können, wenn sie einander den Rücken stärken. Deshalb möchte ich, dass EUJS auch in Zukunft mehr ist als eine Organisation, sondern ein Zuhause. Ein Ort, an dem wir streiten, wachsen, lachen und uns gegenseitig tragen.
Wenn ich in die kommenden Jahre blicke, sehe ich viele Herausforderungen, aber auch Chancen – Chancen, ihnen gemeinsam zu begegnen: nicht mit Angst, sondern mit Feuer. Denn dieses Feuer, das uns wärmt, kann nur brennen, wenn wir es gemeinsam nähren.
