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Home Dossier

Die Frau, die mit dem Shitstorm tanzt

Rainer Nowak von Rainer Nowak
24. August 2026
in Dossier, Jewish Influencers

Noa Tishby versucht, die Schwere des jüdischen 20. Jahrhunderts und die Brutalität des 21. Jahrhunderts in eine Sprache zu übersetzen, die nicht nach Seminarraum klingt. ©Tedeytan, CC BY-SA 2.0

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Ein Porträt über eine israelische Schauspielerin, Produzentin und Aktivistin, die ausgerechnet in Hollywood lernte, dass Israel-Erklärung ein Vollzeitjob ist.

von Rainer Nowak

Es gibt Karrieren, die sehen im Nachhinein logisch aus, obwohl sie in Wahrheit absurderweise aus lauter Brüchen bestehen. Bei Noa Tishby beginnt die Geschichte mit Glamour, Party, TV, Tel Aviv, Los Angeles – und endet vorerst bei Antisemitismus, Israel, Campusprotesten und dem täglichen Nahkampf mit jenen, die auf X, Instagram oder im Universitätsseminar sehr genau wissen, was Israel ist. Meistens, bevor sie nachgesehen haben, wo es auf der Landkarte liegt.

Tishby ist Schauspielerin, Produzentin, Autorin, Influencerin und ehemalige israelische Sondergesandte gegen Antisemitismus und Delegitimierung Israels. Oder, etwas unhöflicher formuliert: eine Frau, die aus der Unterhaltungsindustrie kam und in der Empörungsindustrie landete. Dass diese beiden Branchen in Kalifornien oft dieselben Gesichter haben, ist eine Pointe unserer Zeit.

Geboren 1975 in Tel Aviv, diente Tishby in der israelischen Armee, wurde in Israel durch die Prime-Time-Serie Ramat Aviv Gimmel bekannt und ging später nach Los Angeles. Dort verkaufte sie die israelische Serie B’Tipul an HBO – laut ihrer Biografie die erste israelische Fernsehserie, die als amerikanische Serie adaptiert wurde. „In Treatment“ erhielt zahlreiche Emmy- und Golden-Globe-Nominierungen und gewann einen Peabody Award.

Der eigentliche Rollenwechsel kam aber nicht durch ein Casting, sondern durch eine einfache Reaktion: Tishby merkte, dass in den USA viele Menschen sehr leidenschaftliche Meinungen über Israel hatten – und sehr wenig Wissen. Dem Los Angeles Magazine sagte sie, sie sei schockiert gewesen über „Leute, die nichts über Israel wussten“ und dennoch „so viele Meinungen“ darüber hatten. Manche hätten sie gefragt, warum sie keinen Akzent habe, kein Kamel und keinen Hijab. Das ist komisch, solange man nicht darüber nachdenkt. Dann ist es Politik.

Aus der Schauspielerin wurde die Erklärerin. Aus der Produzentin wurde die Aktivistin. Und aus der Israelin in Hollywood wurde eine Art wandelnder Crashkurs in Zionismus, Antisemitismus und westlicher Selbstgewissheit. Tishby schrieb das Buch Israel: Der Faktencheck über das am meisten missverstandene Land der Welt. Sie wollte, sagte sie der Times of Israel, ein Buch, das „gesprächig, lustig und leicht zu lesen“ sei. Das Thema sei schwer genug; man könne es auch etwas aufhellen.

Das ist Tishbys Methode: Sie versucht, die Schwere des jüdischen 20. Jahrhunderts und die Brutalität des 21. Jahrhunderts in eine Sprache zu übersetzen, die nicht nach Seminarraum klingt. Das macht sie wirksam. Es macht sie aber auch angreifbar. Wer Israel mit Fakten, Witz und Instagram verteidigt, wird von den einen als mutige Kommunikatorin gefeiert und von den anderen als Hasbara (= israel. Öffentlichkeitsarbeit)-Maschine abgetan. Die einen sagen: Endlich eine, die nicht nuschelt. Die anderen sagen: Genau das ist das Problem.

2022 ernannte der damalige israelische Außenminister Yair Lapid sie zur ersten Sondergesandten gegen Antisemitismus und die Delegitimierung Israels. Der Posten war unbezahlt – ein Detail, das in der Politik immer besonders schön ist: maximale Fallhöhe, minimale Spesenrechnung. Laut Jerusalem Post sollte sie in internationalen Foren auftreten, neue Zielgruppen erreichen und auf antisemitische Vorfälle reagieren.

In einem Forward-Interview sagte Tishby damals, sie sei „ein wenig ehrfürchtig“ vor der Aufgabe. Aber inhaltlich war sie alles andere als zaghaft. Anti-Zionismus und Antisemitismus seien, so ihr Argument, „absolut verbunden – 100 Prozent“. Liberale Juden sollten aufhören, sich für ihre Verbindung zu Israel zu entschuldigen. Das war keine diplomatische Nuance, das war ein Pflock.

Und dann kam Israel selbst dazwischen. Tishby kritisierte 2023 die Justizreform der Netanyahu-Regierung. Kurz darauf wurde sie als Sondergesandte abberufen. Die Jerusalem Post zitierte ihre Erklärung: mit „Enttäuschung und Traurigkeit“, aber „dauerhafter Entschlossenheit“ nehme sie die Entscheidung zur Kenntnis. Ob ihre Kritik an der Justizreform der Grund gewesen sei, könne sie nicht wissen – aber es sei schwer, „zu einer anderen vernünftigen Schlussfolgerung“ zu kommen.

Das ist der politisch interessanteste Punkt an Tishby: Sie ist keine klassische Regierungssprecherin. Sie ist Zionistin, aber keine Netanyahu-Soldatin. Sie verteidigt Israel gegen seine Feinde und kritisierte zugleich eine israelische Regierung, als sie die Gewaltenteilung gefährdet sah. Für manche Linke bleibt sie trotzdem zu israelisch. Für manche Rechte war sie plötzlich zu liberal. Klingt vertraut.

Nach dem 7. Oktober 2023 wurde Tishby endgültig zu einer der sichtbarsten Stimmen pro Israel. Das Los Angeles Magazine beschreibt, wie sie noch vor vielen amerikanischen Medien über Raketen, Bodeninvasion, belagerte Kibbutzim und das Nova-Festival berichtete. Später beklagte sie das Schweigen vieler Prominenter und sprach vom Druck des „Twitter-Mobs“.

Man muss Tishby nicht in allem folgen, um zu erkennen, was sie trifft: Nach dem größten Massaker an Juden seit der Shoah erlebten viele Juden weltweit nicht nur Trauer, sondern eine zweite Zumutung – die sofortige Relativierung. Noch ehe die Toten identifiziert waren, begann die Debatte darüber, ob die Opfer vielleicht doch irgendwie in die falsche geopolitische Kategorie fielen. Das ist die neue Geschwindigkeit des Ressentiments: erst die Leichen, dann die Kontextualisierung.

Tishby reagiert darauf nicht mit akademischer Vorsicht, sondern mit moralischer Lautstärke. Dem Jewish Journal sagte sie nach einem feindseligen Auftritt in Berkeley: „Ich lasse mich von schlechten Kommentaren nicht erschüttern.“ Sie sprach von einem „beispiellosen Ausmaß an Judenhass“ und davon, dass Juden fest in ihrer Identität stehen müssten. In derselben Szene korrigierte sie einen Studenten, der von „you people“ sprach: „Ich bin eine Person. Mein Name ist Noa.“

Das ist vielleicht der beste Satz über sie. Nicht, weil er besonders literarisch wäre. Sondern weil er alles enthält: das Bedürfnis, nicht als Kollektivschuld adressiert zu werden; den Wunsch, als Individuum zu sprechen; und die Weigerung, sich aus dem Raum drängen zu lassen. Tishby ist auch deshalb interessant, weil ihre jüdische Identität nicht aus der Diaspora-Frömmigkeit kommt. Sie wuchs säkular-zionistisch auf. Dem Jewish Journal sagte sie, sie sei vor ihrem Umzug nach Los Angeles nie in einer Synagoge gewesen. Erst Amerika habe ihre jüdische Identität neu geformt. Ein Rabbiner habe ihr einmal gesagt: Gott habe Amerika erfunden, damit Israelis sich daran erinnern, dass sie Juden sind. Man darf über den Satz lachen. Man sollte ihn aber nicht unterschätzen.

Mit Emmanuel Acho schrieb Tishby später Uncomfortable Conversations with a Jew. Der Verlag Simon & Schuster beschreibt das Buch als Dialogformat: Acho stellt Fragen, Tishby antwortet persönlich, historisch und politisch. Es soll erklären, wie Judenhass funktioniert. Acho formuliert die Grundidee mit dem Satz: „Nähe schafft Fürsorge, Distanz schafft Angst.“

Auch das ist politisch klüger, als es zunächst klingt. Antisemitismus lebt nicht nur vom Hass, sondern von Abstraktion. „Die Juden“, „die Zionisten“, „die Lobby“, „das System“ – je größer die Kategorie, desto leichter die Entmenschlichung. Tishbys Gegenmittel ist Personalisierung. Sie sagt: Schau hin. Hör zu. Frag. Streite. Aber mach aus mir nicht „you people“.

Natürlich gibt es Kritik. Der Guardian nannte ihr Israel-Buch polemisch „israelische Talking Points im Carrie-Bradshaw-Stil“ und warf ihr vor, palästinensische Perspektiven zu verkürzen. Die Jerusalem Post wiederum lobte das Buch als gut recherchierten, leicht zugänglichen Überblick und betonte, Tishby scheue Israels Fehler nicht.

Beides sagt etwas über Tishby aus. Sie schreibt nicht wie eine Historikerin, die im Archiv verschwinden will. Sie schreibt wie jemand, der einen Streit gewinnen möchte. Das ist legitim, aber nicht neutral. Es ist Advocacy, nicht Seminararbeit. Nur: In einer Welt, in der Israel oft nicht analysiert, sondern angeklagt wird, ist Advocacy für viele Juden keine Geschmacksfrage mehr, sondern Selbstverteidigung.

Für ein österreichisch-jüdisches Publikum ist Tishby auch deshalb relevant, weil man in Wien die Mechanik kennt. Sobald Juden ihre Sicherheit, Israel oder Antisemitismus erklären, heißt es schnell: zu laut, zu organisiert. Schweigen gilt als würdig, Tishby macht das Gegenteil. Sie widerspricht. Professionell. Ungebeten. Manchmal überdreht. Noa Tishby ist keine Heilige, keine neutrale Chronistin. Sie ist auch nicht die Sprecherin aller Juden, aller Israelis, aller Zionisten. Das wäre schon deshalb unmöglich, weil drei Juden bekanntlich vier Meinungen haben und eine davon wahrscheinlich eine abweichende Presseerklärung ist.

Aber sie ist eine Figur dieser Zeit der Juden: säkular, zionistisch, liberal, mediengeschult, kampfbereit. Sie steht dort, wo heute viele jüdische Debatten stattfinden: zwischen Solidarität mit Israel, Kritik an israelischer Politik, Angst vor Antisemitismus und der Frage, warum ausgerechnet Juden ständig beweisen sollen, dass ihre Angst berechtigt ist. Ein Video zeigt Noa Tishby in einem Saal, jemand ruft „you people“, und sie antwortet: „Mein Name ist Noa.“

©Instaprofil Noa Tishby
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Zwischen Streit, Sichtbarkeit und jüdischer Selbstbehauptung

Rainer Nowak

Rainer Nowak

Rainer Nowak ist Journalist und war von 2012 bis 2022 Chefredakteur und von 2014 bis 2022 Herausgeber der Tageszeitung Die Presse.

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