Es ist eine gute Nachricht, wenn Menschen mit außerordentlichen Lebensgeschichten und beruflichen Werdegängen unser Land nicht verlassen, sondern hier in Österreich eine zweite Heimat finden.
von Simon Mraz
Eine solche Geschichte ist jene des Wissenschaftlers und Diplomaten David Nusbaum. Der an der renommierten Technion-Universität in Haifa ausgebildete Ingenieur verbrachte einen großen Teil seiner Karriere in der israelischen Behörde für Nuklearenergie, die direkt im Büro des Premierministers von Israel angesiedelt ist. Nach einem Forschungsaufenthalt in den USA wurde Nusbaum Botschafter bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien. Nach dem Auslaufen seiner Amtszeit entschieden sich Nusbaum und seine Frau, Wien zu ihrer neuen Heimat zu machen.
Immer wieder sticht im Gespräch mit Nusbaum seine Neugierde hervor, sich mit fundamentalen Fragen, die aus den Schnittstellen von Wissenschaft und Diplomatie erwachsen, auseinanderzusetzen. Am Belfer Center for Science and International Affairs der Harvard Kennedy School, einem Hub für Recherche, Lehre und Training im Bereich internationaler Sicherheit und Diplomatie sowie Angelegenheiten von Umwelt und Ressourcenbewirtschaftung und Wissenschafts- und Technologiepolitik, war er als Research Fellow tätig. In dieser Zeit lernte er führende Persönlichkeiten aus der ganzen Welt aus den Bereichen Cyber- und Nuklearforschung kennen.
Als zentrales Motiv seines beruflichen Weges nennt Nusbaum Diversität: „Gibt man Diversität einen wichtigen Platz im Leben, öffnet man neue Türen!“ Es sind motivierende und inspirierende Worte, die der frühere Botschafter auch lebt. So wurde aus dem Ingenieur zunächst ein Politikwissenschaftler und schließlich ein Diplomat. „Mich reizte der Gedanke, dass ein Wissenschaftler aus 80 Prozent Wissen und 20 Prozent Charakter besteht. Bei einem Diplomaten ist es vielleicht umgekehrt. Als Wissenschaftler und Diplomat kann man eine Balance schaffen.“
2019 trat er das Amt des Botschafters des Staates Israel bei der IAEO in Wien an: „Für einen Vater zweier Söhne, die zu der Zeit Studenten und Soldaten waren, keine einfache Zeit, besonders während der Covid-Lockdowns. In dieser Zeit entdeckten meine Frau und ich bei ausgedehnten Wanderungen die Schönheit Österreichs.“
Der mörderische Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 bedeutete einen Einschnitt: „Es ist eine Enttäuschung und eine emotionale Herausforderung, zu erfahren, dass viele deiner Freunde politische Positionen einnehmen, die völlig konträr zu den eigenen sind. Gemeinsam mit dem bilateralen Botschafter des Staates Israel in Österreich legten wir einen Fokus auf die Befreiung der Geiseln. Das war definitiv nicht Teil meines Portfolios, aber es war das Gebot der Stunde. Österreich nahm damals eine klare und starke Position ein. Ich erinnere mich auch an die Fahne Israels auf dem Bundeskanzleramt und dem Außenministerium.“ Dieses Bekenntnis führte dazu, dass die Nusbaums sich entschlossen, nach dem Ende der diplomatischen Mission in Österreich zu bleiben. Warum Österreich? Es hat genau damit zu tun: „Ich bin in Österreich an einem Ort, an dem ich mich sicher und durch die Regierung des Landes geschützt fühle. Darüber hinaus ist es ein schönes Land. Und schließlich hatte ich die Möglichkeit, sympathische, offene und intelligente Menschen kennenzulernen – viele von ihnen sind heute enge Freunde geworden.“
Doch zur Ruhe setzte sich Nusbaum nicht. Im Oktober 2024 heuerte er beim IIASA (International Institute for Applied Systems Analysis) in Laxenburg als Science Diplomacy Facilitator an. „IIASA ist bei weitem nicht bekannt genug in der österreichischen Wahrnehmung. Es ist eine einzigartige Institution, die es heute so sehr braucht wie schon lange nicht“, sagt Nusbaum. 1972 auf Betreiben der USA, der Sowjetunion und zehn weiterer Länder gegründet, sollte dieses Institut helfen, durch wissenschaftliche Kooperation Brücken über die Grenzen von Ost und West zu bauen. Bereits in seinem Gründungsjahr bezog IIASA das Schloss Laxenburg als seinen Sitz. Heute arbeiten dort um die 500 Wissenschaftler aus 20 Ländern.
David Nusbaum sieht seine Rolle in der Involvierung von noch mehr Ländern und einer Rückbesinnung auf die ursprüngliche Gründungsidee. Er spricht dabei von einer Wiederherstellung des Erbes der Wissenschaftsdiplomatie. „Leider sind die konventionellen internationalen Institutionen wie die UNO gebrochen. Es sind dort nicht mehr viele Möglichkeiten zur Kommunikation, Diskussion und Vertrauensbildung übrig. Sie sind zu politisiert, sodass man dort kaum mehr gemeinsam sitzen kann. Daher bieten Institutionen wie IIASA die Chance, Plattformen aufzubauen, wo Repräsentanten verschiedener, auch verfeindeter Länder zusammenkommen, um Fortschritt durch Austausch zu erreichen“, führt er aus. Ein Pilotprojekt hat Nusbaum bereits umgesetzt: 2025 organisierte er eine internationale Konferenz zum Thema Wassersicherheit in der MENA-Region (Mittlerer Osten und Nordafrika). Es sei nur ein Beginn, meint er, das Potenzial sei groß. Gerade Österreich sei ein guter Ort dafür. Dass ein so erfahrener, visionärer und tatkräftiger Mensch und vormaliger Botschafter des Staates Israel sich ganz bewusst für Österreich entscheidet, um hier seinen Weg weiterzugehen – das sind wirklich Good News.
David Nusbaum ist in Jerusalem in eine Familie von Holocaust-Überlebenden geboren, die aus Rumänien nach Israel eingewandert war. Seine Frau, Dr. Lika Nusbaum, ist mit ihren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert. Nusbaum ist ein führender Experte für Nukleartechnologie und internationale Wissenschaftsdiplomatie. Seine Arbeit verbindet Wissenschaft und Politik, um globale Herausforderungen in den Bereichen nukleare Sicherheit, Energie und Klimawandel anzugehen.
