In die Höhle des Löwen will sich der israelische Sänger Noam Bettan begeben und dort „alles geben“. Mit der Löwenhöhle meint Noam Bettan ausgerechnet die Wiener Stadthalle.
von Gerhard Jelinek
Der in Israel geborene Singer-Songwriter mit französischen Wurzeln hat sich im Finale der Fernsehshow Hakochav Haba (Der nächste Star) gegen drei weitere Kandidaten durchgesetzt und darf (muss) in einem besonders heiklen Moment der Eurovision-Song-Contest-(ESC-)Geschichte auf der Bühne der Stadthalle vor vermutlich 160 Millionen Zusehern performen.
Über die ESC-Teilnahme Israels hatte es eine monatelange Debatte gegeben. Einige Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion (EBU) hatten einen Ausschluss Israels vom europäischen Preissingen verlangt. Die Argumente für einen Boykott Israels wegen des von der terroristischen Hamas begonnenen Gaza-Krieges waren nicht erst seit dem von US-Präsident Donald Trump erreichten Waffenstillstand eher krude. Die EBU stimmte mehrheitlich gegen einen Boykott und folgte damit einem dringenden Appell des ORF, der es als undenkbar bezeichnete, Israel ausgerechnet vom ESC in Wien auszuschließen. ORF-Generaldirektor Roland Weißmann reiste nach Israel und traf dort mit Vertretern des öffentlich-rechtlichen Senders Kan zu Gesprächen sowie mit dem israelischen Präsidenten Jitzchak Herzog zusammen, der sagte: „Der Song Contest feiert nächstes Jahr sein 70-jähriges Jubiläum, und Israel ist ein integraler Bestandteil davon.“ Kan-Geschäftsführer Golan Jochpas: „Es gibt keine Rechtfertigung für den Ausschluss Israels. Kan hält sich stets an alle EBU-Regeln und wird das auch in Zukunft tun.“
Aus Protest gegen die Teilnahme Israel werden nun Spanien, Irland, Island, die Niederlande und Slowenien im Mai am 70. ESC in Wien nicht teilnehmen. Dafür kehren mit Bulgarien, Moldawien und Rumänien drei andere Länder in die ESC-Familie zurück. Das als völkerverbindendes Musikspektakel der europäischen öffentlich-rechtlichen Sender initiierte Wettsingen ist immer wieder in politische Turbulenzen geraten. Seit 1957 entsenden die Mitglieder der europäischen Rundfunkanstalten Sängerinnen und Sänger zu einem gemeinsamen Liederfestival. Anfänglich noch ein kleiner Kreis, hat sich der ursprüngliche Concours Eurovision de la Chanson zu einem popkulturellen Großereignis entwickelt. Der Musikwettbewerb war aber immer wieder von politischen Konflikten geprägt, in denen über die Haltung zum Kalten Krieg oder über den Umgang mit Diktaturen gestritten wurde. Russland ist seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine vom friedlichen Sangeswettstreit ausgeschlossen. Auch Österreich boykottierte einmal den ESC: 1969 verzichtete der ORF (unter einer ÖVP-Alleinregierung) aus Protest gegen Spaniens Franco-Diktatur auf eine Teilnahme. Immer wieder ging es um das Verhältnis von West- und Osteuropa, insbesondere nach dem Zerfall Jugoslawiens. Und es gab regelmäßig Debatten darüber, wer eigentlich zu „Europa“ gehört (seit zehn Jahren nimmt auch Australien am europäischen Wettsingen teil und wird auch im Mai in Wien vertreten sein) und was Europa ausmacht.
Unabhängig von seiner – durchaus diskutablen – musikalischen Bedeutung hat sich der ESC zu einem Großereignis entwickelt, das wesentlicher Teil der Geschichte der EU und der europäischen Integration ist. Im letzten Jahrzehnt ist der ESC auch, vor allem im deutschsprachigen Raum, zu einem Fest der LGBT-Gemeinschaft geworden.
Der 27-jährige israelische Teilnehmer Noam Bettan verkörpert in seiner bisher veröffentlichen Diskografie eher den traditionellen Typus eines Schlagersängers. Bettan komponiert seine Lieder selbst und spielt Klavier und Gitarre. Die Arrangements sparen nicht mit Streichern und Orchesterbegleitung. Auf eine Reduktion auf das musikalische Wesentliche verzichtet Noam Bettan. Er ist in Israel geboren, seine Familie allerdings aus dem französischen Grenoble nach Israel eingewandert. Sein Lied für Wien wird auch französische Textzeilen enthalten. Hebräisch und Englisch spricht Bettan sowieso. Die israelischen Kandidatinnen der Vorjahre waren zum Teil heftig angefeindet und von Teilen des Publikums, etwa in Basel, ausgebuht worden. Dennoch – oder gerade deshalb – hatte die israelische Sängerin Yuval Raphael hinter dem österreichischen Countertenor JJ dank eines überwältigenden Publikumsvotings Platz 2 belegt.
Das wird Noam Bettan aller Voraussicht nach eher nicht gelingen, denn die EBU als Veranstalter hat die Regeln für die Abstimmungen wieder einmal geändert. Das europäische Publikum hat nun weniger Gewicht, die Rolle der Jury wurde gestärkt. In der siebzigjährigen Geschichte des Eurovision Song Contest hat Israel 47-mal teilgenommen und viermal den Wettbewerb gewonnen, also einmal mehr als Österreich. Wir halten die Daumen.
