Heute ist die jüdische Gemeinde in New York wachsend und wendet sich wieder jüdischen Traditionen zu.
von Rachel Rottmann (Engelberg)
Freitagabend in Manhattan: Mehr als 200 junge New Yorker stehen in einem Saal auf der Upper East Side, koscherer Wein wird eingeschenkt. Gläser heben sich, einige kurze Gedanken zum Wochenabschnitt werden gesprochen – und so beginnt die Holy Happy Hour.
Diese Holy Happy Hour ist Teil eines größeren Bildes: einer Szene, die Shabbat zwischen Skipisten, Großstadtbars und in gut gefüllten Salons neu verortet. Nachdem ich meine ersten 18 Lebensjahre in Wien verbracht hatte, hätte ich kaum geahnt, wie viele Formen jüdisches Leben annehmen kann. Als ich nach New York zog, spürte ich diese Offenheit schnell – und wollte nicht nur beobachten, sondern mitgestalten. So kam ich mit dem Chabad-Rabbiner der Upper East Side ins Gespräch. Wenige Wochen später entstand daraus die Holy Happy Hour. Die Idee war einfach: junge jüdische New Yorker, die freitagabends sonst durch die Lokalszene Manhattans ziehen, durch eine Happy Hour nicht nur mit dem Shabbat zu verknüpfen, sondern die Shabbat-Atmosphäre in den Rhythmus der Stadt zu übersetzen. Zum ersten Abend kamen 25 Personen. Fünf Jahre später versammeln sich Woche für Woche mehr als 200 Gäste. Ein kurzer Impuls zum Wochenabschnitt – verständlich, gegenwärtig, mit Bezug zum Alltag – eröffnet den Abend. Danach wird angestoßen, diskutiert, gelacht. Und man kommt wieder.
Chai Altitude – wenn die Yiddishkeit auf die Skipiste trifft
Einen Winter lang vermisste ich das Skifahren in Österreich. Dass mich dieses Heimweh in eine jüdische Ski-Community führen würde, hätte ich nicht gedacht. Durch einen Freund erfuhr ich von einer WhatsApp-Gruppe namens Chai Altitude. Damals zählte sie rund 30 Mitglieder, heute sind es mehr als 700. Gemeinsam organisiert man Wochenenden in Vermont oder Colorado, diskutiert Schneeverhältnisse und Mitfahrgelegenheiten. In Manhattan trifft man sich vor der nächsten Reise in einer Bar – und merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Sport. Für mich war das ein weiterer Moment, in dem mir klar wurde: In New York findet jeder seinen Zugang. Selbst die Skipiste wird Teil jüdischer Gemeinschaft.
Shabbat Club – Freitagabend als Szene
Shabbat hat in New York viele Adressen. In einem Restaurant in Downtown Manhattan stehen, in Kerzenlicht getaucht, lange Tafeln, neue Gesichter rücken zusammen. Der Shabbat Club beginnt. Shabbat erscheint hier sowohl als religiöse Pflicht, aber auch als kultureller Begegnungsraum. Kuratierte Dinner in jüdisch geführten Restaurants, Kerzen, Kiddusch, Challah. Die Gäste sind jung – für viele ist es der erste bewusste Zugang zum Shabbat seit Jahren. Tradition wird nicht reduziert, sondern in einen Kontext gestellt, der sich nach Großstadt anfühlt. Zuletzt experimentiert der Shabbat Club auch mit anderen Formaten – etwa in Kooperation mit dem neuen Wellness-Club Othership, nicht in der Synagoge, sondern im Spa.
Jewculture – ein offener Shtibel
Jewculture ist für mich so etwas wie ein zweites Zuhause. Die Abende erinnern an einen Shtibel – klein, dicht, religiös aufgeladen. Die Tür steht offen. Man tritt in eine Wohnung, die sich sofort vertraut anfühlt, auch wenn man niemanden kennt. Hinter dem Format steht Yaniv Hoffmann, auch bekannt als Jeryko – eine charismatische, zutiefst spirituelle Persönlichkeit, die den Abend leitet. Niemand betritt den Raum, ohne mit einem kräftigen „Lechaim“ begrüßt zu werden. Fremde werden aufgefordert, ein paar Worte zu sagen, einen Dwar Tora zu teilen oder einfach das Glas zu heben. Man steht auf Stühlen, singt Nigunim, trommelt mit den Händen gegen die Wände. Koscheres Essen, keine Telefone, Gesang, der den Raum durchzieht. Man weiß nie, was einen erwartet: Ein intimer Beginn mit fünfzehn Gästen endet oft nach zwei Uhr morgens mit zweihundert Menschen, dicht gedrängt in einer Wohnung. Ein religiöser Abend, offen für alle.
Die (junge) jüdische Szene in New York bietet etwas für jede Ausrichtung des Judentums. Was besonders positiv auffällt, ist das erwachte und wachsende Interesse der Jugend für die Tradition und die Leidenschaft und Kreativität, mit der darüber nachgedacht wird, wie man junge Menschen dafür begeistert, Shabbat zu halten. Nicht als Verpflichtung, sondern mit Freude und Begeisterung – sodass man den nächsten Schabbes kaum erwarten kann.
Während in den 1950er-Jahren die jüdische Bevölkerung von New York 2 Millionen Menschenbetrug, fiel diese Zahl Anfang der 2000er-Jahre auf unter eine Million. Heute ist die Gemeinde stark wachsend (1,4 Millionen, ein Drittel davon orthodox) und wendet sich wie- der der Tradition zu. Jüdische Kinder besuchen heute wieder vermehrt jüdische Kindergärten und Schulen.
