Die aristokratische Arierklausel

Hitlers „liebste Prinzessin“: Stéphanie von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst erhielt vom Führer höchstpersönlich das goldene Ehrenzeichen der NSDAP. ©ULLSTEIN BILD/PICTUREDESK.COM

Ohne Adel hätte es 1944 kein Hitler-Attentat gegeben, aber 1933 auch keine Hitler-Machtergreifung. Der Antisemitismus war der Klebstoff zwischen Aristokratie und Nationalsozialismus.

Von Andrea Schurian

Die Presse, Juden und Mücken seien eine Pest, von der sich die Menschheit befreien müsse: „Ich glaube, das Beste wäre Gas.“ Was klingt wie ein Zitat aus Adolf Hitlers Mein Kampf, ist ein Zitat aus einem Brief, den der letzte Deutsche Kaiser Wilhelm II. 1927 an seinen Freund Poultney Bigelow schrieb. Das Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 rund um Claus Graf Stauffenberg, der bekanntlich noch 1933 Hitlers Ernennung zum Reichskanzler begrüßt und dessen nationalistische Bestrebungen unterstützt hatte, ohne adelige Mitstreiter jedenfalls nicht denkbar: Fast fünfzig Prozent der etwa zweihundert Verschwörer stammten aus aristokratischem Haus, etwa ein Drittel der Todesopfer der Vergeltungsaktionen war adelig. „Es ist mein tiefer Glaube, dass meine Feinde die ‚vons‘ sind, die sich Aristokraten nennen“, sagte Hitler später in einer Rede vor Arbeitern. Hochrangige Nazis sprachen von „blaublütigen Schweinen“ und „Geschmeiß“ und forderten, man müsse die „Adelsclique“ mit „Stumpf und Stiel ausrotten“.

Kämpfer, Opfer, Täter

Der Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896–1977), der vor den Nazis 1938 zunächst nach Zürich und im Jahr darauf in die USA floh, war überzeugt davon, dass „fast alle Namen des deutschen Geschlechter-Adels in den Reihen der Widerstandskämpfer und Widerstandsopfer zu finden“ seien. Doch wahr ist, dass sich nicht minder viele blaublütige Namen im Bundesarchiv Berlin, in den NSDAP-Mitgliederkarteikästen, finden. „Ohne Adel hätte es keinen 20. Juli 1944 gegeben“, präzisiert der deutsche Historiker Stephan Malinowski, Autor von Vom König zum Führer: Deutscher Adel und Nationalsozialismus, „aber eben auch nicht Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933“.

Tatsächlich war Antisemitismus der Klebstoff zwischen deutscher, vor allem preußischer Aristokratie und dem Nationalsozialismus. Der elitäre Club der Prinzen, Fürsten und Grafen, die 1874 gegründete Deutsche Adelsgenossenschaft (D. A. G.), war so etwas wie die Avantgarde der Rassenideologie. Die 1920 eingeführte Arierklausel erinnert frappant an die Rassengesetze des Dritten Reiches: Mitglied im Eisernen Buch des deutschen Adels deutscher Art (EDDA) konnte nur sein, wer arische Vorfahren bis 1800 zurück nachweisen konnte: „Wer unter seinen Vorfahren im Mannesstamm einen nach 1800 geborenen Nichtarier hat oder zu mehr als einem Viertel anderer als arischer Rasse entstammt oder mit jemandem verheiratet ist, auf den dies zutrifft, kann nicht Mitglied der D. A. G. sein.“ 1935 glichen die deutschen Blaublütler ihren Arierparagraphen an den für die SS-Mitgliedschaft nötigen „Großen Ariernachweis“ an: Nun musste man „rein arische Vorfahren“ bis zum Jahr 1750 zurück nachweisen. Im preußischen Adel, so Malinowski, sei praktisch keine der berühmten Familien nicht bei den Nazis gewesen. Eine Stichprobe aus 320 deutschen Adelsfamilien fördert zirka 3600 adelige NSDAP-Mitglieder zutage, darunter 43 Bismarcks, 41 Schulenburgs, 52 Schwerins, 27 Hardenbergs, 40 Bülows und 78 Wedels.

Ehrenarierin

Hitlers „liebste Prinzessin“ war Stéphanie von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst. 1938 machte sie der Diktator trotz ihrer jüdischen Herkunft zur „Ehrenarierin“ und steckte ihr höchstpersönlich das goldene Ehrenzeichen der NSDAP an. Prinzessin Stéphanie, die ihre guten Kontakte zum Hochadel in den Dienst des Führers gestellt hatte, zählte zu Hitlers heimlichen Helfern. Schon vor 1933 waren 70 Mitglieder des deutschen Hochadels der NSDAP beigetreten, bis 1941 stieg die Zahl der hocharistokratischen NSDAP-Mitglieder auf 270. Dazu kamen 3600 Angehörige des Kleinadels, jeder vierte von ihnen war Nazi der ersten Stunde. Kaisersohn August Wilhelm Prinz von Preußen, ein glühender Nazi und seit 1930 Mitglied in SA und NSDAP, machte in Bierzelten für den Führer Stimmung; für die internationalen Beziehungen nach Westeuropa fühlte sich Prinz Max Egon zu Hohenlohe-Langenburg zuständig, Prinz Philipp von Hessen knüpfte Kontakte zu Mussolini.

Vor allem junge Adelige suchten ihre politische Heimat bei den Nationalsozialisten, nicht zuletzt aus Karrieregründen beim Militär: Stammten 1933 etwa 900 Offiziere aus dem Adelstand, so waren es 1935 bereits mehr als 2000. Im Jahr 1938 machte der Adel in der deutschen Gesamtbevölkerung nur eine verschwindende Minderheit von etwa 0,1 Prozent aus – aber 19 Prozent davon waren SS-Obergruppenführer. Keine gesellschaftliche Gruppe war hier stärker vertreten.

Außerdem interessierten sich vom Kleinadeligen bis zum Fürsten so ziemlich alle Adelsränge für die östlichen Beutegebiete, wie man aus Briefen an die SS-Führung ersehen kann. „Es ist naheliegend, dass sich Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe, in der Antisemitismus Tradition hatte und die sich auf vormoderne Phantasien von durch ‚Blut‘ und ‚Vorsehung‘ legitimierten Privilegien berief, mit einer Bewegung sympathisierten, deren erklärtes Ziel die Ausrottung aller Juden war und die auch sonst – beispielsweise mit dem Elitegedanken, der Verherrlichung des Kriegs, der Verachtung der Demokratie – verschiedene Anknüpfungspunkte für die reaktionären Ansichten vieler Adeliger bot“, resümierte Georgia Daems in der Wochenzeitschrift Jungle World im Februar dieses Jahres anlässlich der Verhaftung von Heinrich XIII. Prinz Reuß, der gemeinsam mit der rechtsextremen Reichsbürgerbewegung den Umsturz in Deutschland vorbereitet haben soll.

Katholische Edelleute

Deutlich weniger für Nazi-Ideologie anfällig als der preußisch-protestantische, war der vornehmlich katholische Adel in Österreich. Wenn, dann unterstützten sie den austrofaschistischen Ständestaat. Nach der Ermordung von Engelbert Dollfuß wurde Kurt (von) Schuschnigg, Nachkomme einer adeligen Offiziersfamilie, Kanzler. Mehr als die Hälfte seiner Minister waren adelig, und die „Katholischen Edelleute in Österreich“ träumten davon, wieder die Monarchie einzuführen.

„Kurt Schuschnigg und die mit ihm verbündeten Kräfte verfolgten mit ihrer Annäherung an die Legitimisten das Ziel, einen Gegenpol zum Nationalsozialismus zu bilden. Letztlich zögerte Schuschnigg aber, Otto Habsburg in Österreich den Thron oder die Kanzlerschaft anzubieten“, schreibt Michael John im Katalog zur Oberösterreichischen Landesausstellung in Steyr (2021). Etliche Adelige wurden nach dem sogenannten „Anschluss“ sofort in ein Konzentrationslager deportiert, wie Gudula Walterskirchen in ihrem Buch Blaues Blut für Österreich – Adelige im Widerstand gegen den Nationalsozialismus dokumentiert. Demnach war Baron Hans Karl von Zeßner-Spitzenberg der erste Österreicher, der am 1. August 1938 im KZ Dachau starb.

Freilich sympathisierten auch österreichische Adelige mit den Nazis, waren feige Mitläufer oder, wie beispielsweise Arthur Seyß-Inquart, brutale Mittäter. Seyß-Inquart war einer der im Nürnberger Prozess angeklagten 24 Hauptkriegsverbrecher, der 1946 schuldig gesprochen und hingerichtet wurde. Der Dichter Heimito von Doderer, der 1933 der NSDAP beigetreten war, arisierte im Mai 1938 das Atelier des Werbetexters Gregor Sebba in Wien-Josefstadt. Adele Fischel, deren Vater einer der Mitbegründer der Hirtenberger Patronenfabrik war, musste ihr Haus in Wien-Wieden an Prinzessin Marie Fürstenberg verkaufen. Und die Gräfinnen Nora Herberstein und Elsa Thurn-Valsassina arisierten 1940 ein Döblinger Anwesen. Melanie Habsburg-Lothringen, geborene Reichsfreiin von Risenfels, spendete der NS-Volkswohlfahrt – allerdings offenbar so wenig, dass man sich in der Parteizentrale über ihre Knausrigkeit mokierte. Ihr Ansuchen im Dezember 1941, die Liegenschaft von Friedrich Israel Karbach erwerben zu dürfen, der ebenso wie seine Frau im KZ Theresienstadt starb, wurde trotzdem positiv, ein Rückstellungsantrag von Karbachs Erben 1951 negativ beschieden.

Feine Mordgesellschaft

Besonders übel war, was sich wenige Tage vor Kriegsende, in der Nacht auf den 25. März 1945, im burgenländischen Rechnitz abspielte. Gräfin Margit von Batthyány, Tochter des Industriellen Heinrich Thyssen, feierte auf ihrem Schloss eine rauschende und rauschige Party. Am Ende der feuchtfröhlichen Sause waren zweihundert jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die am Tag vor der Party nach Rechnitz gebracht worden waren, tot: Erschossen und erschlagen von der feinen Gesellschaft, unter ihnen Würdenträger, Politiker sowie der örtliche Gestapoführer Franz Podezin. Rechnitzer Bürger sollten später zu Protokoll geben, dass sie Schüsse gehört hatten und die Schreie der Opfer. Ein paar Juden hatte man am Leben gelassen: Sie mussten die Grube zuschütten, in die man die Leichen geworfen hatte. Anschließend wurden auch sie hingerichtet. Es gibt keine Beweise, dass Margit von Batthyány-Thyssen an der Mordorgie teilgenommen hat, wohl aber, dass sie vom Massaker wusste, die Täter deckte und einigen von ihnen zur Flucht verhalf. Podezin, der Haupttäter, konnte jedenfalls nach Südafrika entkommen, wo er in den 1990er Jahren unbehelligt starb. Die Gräfin selbst wurde ebenfalls nie angeklagt. Sie widmete sich nach dem Krieg der Pferdezucht und verstarb 1989 in der Schweiz.

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