„Wir wollen den positiven Spirit weitergeben“

Bildung und Betreuung als oberste Priorität: Das versammelte Team von WIZO Österreich 2019 im Wiener Rathaus. © WIZO

Vor hundert Jahren wurde die Women’s International Zionist Organization (WIZO) in England gegründet. Die karitative Frauenorganisation mit ihrer Zentrale in Tel Aviv unterhält heute rund fünfzig Föderationen in aller Welt. Ein Gespräch mit den Vorstandsmitgliedern von WIZO Österreich, Petra Ackermann-Winkelbauer, Dina Baranes, Karin Maier-Winter und Caroline Zelman-Shklarek.

Von René Wachtel

NU: In meiner Kindheit und Jugendzeit gab es die WIZO-Damen, die bei Kaffeekränzchen Geld für die WIZO gesammelt haben. Seit einigen Jahren ist es anders: Es gibt viele WIZO-Veranstaltungen in Wien, vom Ball bis zur Aktion „Sponsor a Child“. Wie ist es zu dieser Änderung gekommen?
Karin Maier-Winter:
Die Zeiten haben sich geändert und damit das Rollenbild der Frau. Frauen sind berufstätig, es ist nicht mehr die Zeit für Kaffeejausen am Nachmittag. Frauen wollen in ihrer knappen Freizeit, neben Kindern und Beruf, gerne etwas Interessantes mit ihren Freunden und Freundinnen machen. Sie sind interessiert an Bildung, Unterhaltung, an Aktivitäten, und wenn es für einen guten Zweck ist, dann noch besser. Attraktiv sind sicherlich auch die internationalen Treffen und das weltumspannende Frauennetzwerk der WIZO.

WIZO Österreich unterstützt konkret in Israel drei Projekte: Kindertagesstätten in Rechovot und in Modi’in und die Maya Rosenberg Technological School in Rechovot. Wie kam es zu diesem Engagement?
Dina Baranes:
Zentral für die WIZO war immer das Thema Bildung. Die WIZO war immer bestrebt, in diesem Segment aktiv zu sein, bereits Kleinkinder bestens zu fördern und Müttern die Gelegenheit zu geben, berufstätig und damit unabhängig zu sein. Die WIZO hat hier immer schon Pionierarbeit geleistet und ein hervorragendes Netz an pädagogischen Einrichtungen und pädagogischer Ausbildung errichtet. Jede WIZO-Föderation betreut eine oder mehrere Kindertagesstätten oder Bildungseinrichtungen, die auch finanziell unterstützt werden. So auch die WIZO Österreich. In Rechovot werden vor allem Kinder aus Familien äthiopischer Herkunft betreut, in Modi’in, einer aufstrebenden Kleinstadt, sind es vornehmlich Kinder berufstätiger Mütter. WIZO erachtet Bildung und Betreuung als oberste Priorität, um Kindern möglichst gleiche Chancen zu bieten. Das Motto der WIZO lautet „Wir wollen, dass WIZO-Einrichtungen immer den neuesten Standards entsprechen: pädagogisch, organisatorisch und ausstattungstechnisch.“ Diesen hohen Standard zu halten, anzupassen und wichtige Neuerungen durchzuführen – dafür arbeitet und sammelt die WIZO Spenden in Österreich. Es ist ein Work in progress, erfüllend und bereichernd, zumal es immer wieder auch zum direkten Austausch zwischen den Pädagoginnen und den WIZO-Frauen aus Wien kommt.

Ist mit der neuen WIZO-Generation auch eine Veränderung bei der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gelungen? Spiegelt sich das auch im Spendenaufkommen wider?
Karin Maier-Winter:
Hier ist sicher eine Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Social Media gelungen. Es sind neue, andere, jüngere Leute zu begeistern. Spendengelder zu akquirieren ist heute nicht einfach. Die Konkurrenz ist groß. Wir können unserer zugesagten Verpflichtung in Israel mit Hilfe treuer und neuer Unterstützer und Unterstützerinnen nachkommen. Alle Frauen im Vorstand sind übrigens ehrenamtlich tätig. Wir haben keine Sekretärin, machen alles selbst und übernehmen auch oft die Kosten bei Veranstaltungen, damit alle Spenden der WIZO zugutekommen.

Wie viele ehrenamtliche Mitglieder hat WIZO Österreich? Und wie seid ihr vernetzt?
Karin Maier-Winter:
Der erweiterte Vorstand ist mit zirka fünfzehn Frauen aktiv. Vernetzt sind wir durch die jährliche MOR-Konferenz (Meeting of Representatives, Anm.), die jedes Jahr im Jänner in Tel Aviv stattfindet und wo Delegierte aller Föderationen hinfahren; weiters durch jährliche Treffen auf europäischer Ebene. Und alle vier Jahre findet eine große Versammlung in Israel statt, an der zirka 800 Frauen aus der ganzen Welt teilnehmen.
Caroline Zelman-Shklarek: Außerdem kommunizieren wir natürlich über diverse WIZO-WhatsApp-Gruppen, Meetings, in der derzeitigen Situation mittels Videokonferenzen.

Kommen durch die neuen Medien auch neue Spender und neue Mitglieder?
Dina Baranes:
Wir können die Ansprüche einer zeitgemäßen Öffentlichkeitsarbeit erfüllen. Damit erreicht die WIZO Österreich Sichtbarkeit in Österreich und international.

Vor einigen Jahren wurde „Young WIZO Österreich“ gegründet, die anfangs sehr aktiv war, mittlerweile aber verstummt zu sein scheint. Ist die Jugend wieder abgesprungen?
Petra Ackermann-Winkelbauer:
Die von Daphna Brunshtein-Frucht 2010 gegründete „Young WIZO“ hatte leider eine kurze Lebensdauer. Wie so oft sind es die einzelnen Persönlichkeiten, die eine Bewegung am Leben erhalten, und mit Daphnas Alija nach Israel wurden die Aktivitäten seltener. Fast alle der damals aktiven Frauen machten Alija.

Wie sehr beeinflusst Corona eure Aktivitäten?
Caroline Zelman-Shklarek:
Da gilt der Spruch „We are all in it.“ Corona ist eine Pandemie und somit wurden alle Veranstaltungen weltweit eingestellt. Gleichzeit ist die Not in Israel so groß wie noch nie. Mithilfe der Medien und durch Aussendungen können wir viele Menschen für unsere Themen sensibilisieren: Die Kinder können ihre Kindertagesstätten und Schulen nicht mehr besuchen, die explodierende Arbeitslosigkeit geht mit großen Schulden einher. Bis auf sechs WIZO-Kindertagesstätten, die sich in Spitälern befinden, mussten alle Kleinkinderinstitutionen sowie Schulen sperren. Die Betreuerinnen und Pädagoginnen befinden sich im unbezahlten Urlaub – bei laufenden Kosten. Die WIZO kann sich auf eine unglaublich große Basis von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen stützen. Als die zweite Welle einschlug, hatten sich die Menschen im Land kaum noch von der ersten erholt. Der wirtschaftliche Schaden ist noch nicht absehbar, aber jetzt schon immens. Alles ist sehr angespannt.

Man hört, dass in Israel, wie in vielen anderen Ländern auch, durch den Lockdown die häusliche Gewalt zugenommen hat?
Caroline Zelman-Shklarek:
Ja, das ist die traurige Realität. Wir sind jedoch sehr stolz darauf, dass die WIZO darauf sehr schnell reagiert hat, eigentlich von Anfang an. Es gab ein strukturiertes und offensives Herantreten an die Medien, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Dabei haben sich Menschen aus der Öffentlichkeit, Film, Kunst, Kultur und Politik bereit erklärt, an TV-Kampagnen gegen Gewalt teilzunehmen. Viele Frauen und ihre Kinder wussten nicht, wohin sie flüchten können. Wegen Covid konnten sie nicht ohne die vorgeschriebene Quarantäne in einer sicheren Unterkunft untergebracht werden. Die WIZO hat binnen kürzester Zeit fünf Häuser organisiert, in denen Frauen samt ihren Kindern für 14 Tage Schutz fanden. In dieser Zeit konnten sie sich isolieren und zugleich psychologisch betreut werden. Es stellte sich heraus, dass dieses Projekt auch ein Friedensprojekt ist, denn in diesen Häusern kamen Menschen aus allen Kultur- und Religionsgemeinschaften Israels unter. Die WIZO betreibt auch eine Männerhotline – die erste in dieser Art in Israel –, wo Männern, die aus ihrer Gewaltspirale nicht herausfinden, anonym Hilfe zuteilwird. Das Kontingent der professionellen ehrenamtlichen Mitarbeiter dieser Hotline wurde um ein Vielfaches aufgestockt.

Was sind die Ziele der WIZO für die nächsten hundert Jahre und von WIZO Österreich im Besonderen?
Karin Maier-Winter:
Weiterhin die israelische Gesellschaft zu stärken. Zu helfen, Kindern unterschiedlichen Hintergrunds die gleichen Chancen im Leben zu geben – Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Frauen zu unterstützen und zu fördern. Und speziell für WIZO Österreich: Jüngere für die Idee von Zedaka, also Wohltätigkeit, zu begeistern und von der Notwendigkeit der Unterstützung des Staates Israel zu überzeugen – und den positiven Spirit weiterzugeben.


WIZO-Mitbegründerin Vera Weizmann besucht 1946 einen Kindergarten in Rechovot.
© Israel Government Press Office

WIZO ist mit rund 250.000 Mitgliedern eine der größten überparteilichen, internationalen jüdischen Frauenorganisationen weltweit. Mitbegründerin war neben Rebecca Sieff, Edith Eder, Romana Goodman und Henrietta Irwell auch Vera Weizmann, die Frau von Israels erstem Staatspräsidenten Chaim Weizmann. Sie gründeten WIZO 1920 in London. Im Laufe der Zeit entstanden auch in anderen Staaten WIZO-Landesorganisationen, viele wurden während der Schoah aufgelöst. Einige, darunter auch die österreichische WIZO, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut werden.
WIZO betreut insgesamt zirka 800 Einrichtungen, die von bedürftigen Personen, ungeachtet der konfessionellen Zugehörigkeit oder Herkunft, genutzt werden. Aufgrund ihrer Tätigkeit im Erziehungsbereich wurde die Organisation 1959 eingeladen, die Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, zu beraten. 1960 folgte die volle Anerkennung von WIZO als NGO mit konsultativem Status durch den Wirtschafts- und Sozialrat der UNO (Economic and Social Council, ECOSOC), seither ist WIZO als beratende NGO bei den Vereinten Nationen aktiv. Das Jüdische Museum Wien dokumentiert in der Ausstellung Herzls Töchter – 100 Jahre WIZO. Wiener Frauen für Israel bis März 2021 die Geschichte und Entwicklung von WIZO Österreich von den historischen Anfängen bis heute.

Die mobile Version verlassen