Priesterstimme und Stegreifredner

Links: Grundlegend außerstande zu Jux und verantwortungsloser Tollerei: Karl Kraus sah sich im Kampf gegen die Verwahrlosung der deutschen Sprache. © WIKIMEDIA COMMONS Rechts: Lieber in Berlin unter Wienern, statt in Wien unter Kremsern: Anton Kuh sah sich im Kampf gegen die Verwertungsgesetze der Welt. © MAX FENICHEL/WIKIMEDIA COMMONS

Karl Kraus und Anton Kuh – weil es zweier jüdischer Genies in Wien bedurft hat, um den Journalismus zu überwinden.

Von Ronald Pohl

Die Behauptung, die beiden Genies Karl Kraus und Anton Kuh hätten den Journalismus gemeinsam zur Vollendung gebracht – und zwar in paralleler, strikt voneinander geschiedener Anstrengung –, wäre um den Preis einer einzigen Einschränkung aufrechtzuerhalten. Der eine, Karl Kraus (1874–1936), bezog die eigene Spracharbeit sein Leben lang auf die Offenlegung eines gleichsam teuflischen Mechanismus: der, indem er die allerniedrigsten Antriebe des Menschen bestätigt, höchste Druckauflagen erzielt. Ohne dabei mit der Wimper zu zucken, auch wenn aus dem Auge des Leitartiklers die eine oder andere Krokodilsträne fließt.

Was Die Neue Freie Presse damals, in den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg, nicht alles, um des schnöden Erlöses willen, abgedruckt hat! Es hätte, schon aus allgemein hygienischen Erwägungen, jeweils der Erlösung bedurft. Und weil Karl Kraus alles Wesentliche, was Moral ausmacht, in der Sprache aufgehoben wähnte, konnte er alle Übel in der Welt mit der verfehlten Setzung eines Beistrichs – wie entlegen sein Vorkommen immerhin gewesen sein mag – in eins setzen.

Den Feuilletonisten bestritt Karl Kraus das Recht, von der Schönheit der Welt einen – in der Nachfolge Heines – liederlichen oder offenherzigen Gebrauch zu machen. Er stellte das Ansinnen unter Strafe, der Sprache das Mieder mit vor Erregung zitternden Fingern zu lockern, man denke an seinen Aufsatz über Heine und die Folgen (1911).

Kraus sah sich grundlegend außerstande zu Jux und verantwortungsloser Tollerei. Wogende Sprachfülle mochte er sich nicht anders vorstellen denn als keusch gebändigte. Wehe demjenigen, den trotzdem – aufgrund eines ganz anders gearteten, leichtfertigen Temperaments – der Hafer stach. Kraus’ geradezu frenetische Angriffe auf den – ebenfalls jüdischen – Feuilleton-Pointilisten Alfred Kerr (Ecco!) und Herausgeber der Wochenzeitschrift Pan verraten noch 112 Jahre nach der Pan-Affäre (www.projekt-gutenberg.org/kraus/grimasse/chap015.html) eine Gereiztheit, die den dümmsten Witz, den jemand anderer gerissen hat, auf Kosten der Allgemeinheit gemacht glaubt.

Unbedenklicheres Gemüt

Von Kraus’ Zeitgenossen Anton Kuh (1890–1941) ist dagegen überliefert, dass er ein duldsameres, witzigeres, vielleicht auch ganz einfach unbedenklicheres Gemüt besessen hätte. Mit ihm und durch ihn, der später in Berlin die dortigen Zeitungsleser mit den schonungslosesten Ansichten von Wien versorgte, erhob sich das Gebrauchsliteratentum endgültig über die schnöden Ansprüche, die die Journalistik an biedere Lohnknechte stellt. Die Physiognomie der Zeit zu bannen, indem man auch ihren minder schönen Exponenten liebend ins entstellte Antlitz blickt: Aus dieser seiner hervorstechenden Eigenschaft machte Kuh zwar einen Beruf, zeigte sich dabei aber wiederholt, gewissermaßen notorisch, unfähig, damit seinen Unterhalt standesgemäß zu bestreiten.

Die geschworene Gegnerschaft aber, die Kuh mit Kraus vereinte, besitzt einen Zug ins schlechthin Analytische. Was die beiden aneinander nicht gelten lassen wollten, gehört bezeichnenderweise zu den Eigenschaften und Merkmalen, die die Mehrheitsgesellschaft an den Juden seit jeher tadeln zu müssen glaubte. Doch warum es leugnen: Dergleichen „Projektionismus“ bringt den heutigen Leser – der womöglich beiden Autoren seine Höchstachtung weder versagen kann noch möchte – in die allergrößte Verlegenheit.

Antisemitische Karikatur

Wer heute Anton Kuhs Stegreifrede „Der Affe Zarathustras“ wiederliest – gehalten 1925 im Wiener Konzerthaus, vom Autor ersonnen, um den Gefolgschaftskult rund um Kraus mit einer improvisierten Schmährede der Lächerlichkeit preiszugeben –, der wird, um manche gewichtige Einsicht bereichert, ein rumorendes Bauchweh nicht in Abrede stellen. Kuhs Skizze eines gleichsam von Natur aus unfrohen Menschenschlags, von ihm „der Intelligenzplebejer“ genannt, trägt, nicht nur mit Blick auf Kraus, Züge der übelwollenden antisemitischen Karikatur.

Dabei ist es grotesk genug: Was Kuh an Kraus’ Wirken meint aufspießen zu müssen, ist ausgerechnet dessen „mit unangenehmen Familienkomplexen beschwertes Wesen“. Jemand wie Kraus vereine, so Kuh, alle Eigenschaften der Unfreiheit in sich. Er verkörpere den Gemeinschaftssinn des Stubenhockers, der „einen Tate, eine Mamme und sechs Brüder hat, jedes erdrückt und aufgefressen von den solidarischen Egoismen der Stube.“ Ans „Kreuz der Mischpoche geschmiedet“, nimmt so jemand die Welt nicht etwa als Herrlichkeit in sich auf. Er bezieht aus Selbst- und Weltentwertung sein bisschen schale Genugtuung – und lässt alle anderen seine Mieselsucht umso lebhafter entgelten.

Kuhs Polemik – sie ist ihrer Entstehungszeit recht unvorteilhaft verhaftet geblieben – wird man dann am ehesten gerecht, wenn man ihren Beweisfuror gleichsam in dessen Gegenteil verkehrt. Es sind überragende jüdische Erscheinungen, die mit Macht ins Bühnenlicht drängen: Karl Kraus unterhielt nicht nur das Feuer seiner Fackel, er wurde zum Vortragskünstler. In ihm war, über mannigfache Prozesse der Vergeistigung hinweg, jenes Burgtheater-Deutsch enthalten, von dessen synthetischer Künstlichkeit Hermann Broch in seinem Epochenabriss Hofmannsthal und seine Zeit (1948) voller Schaudern schwärmen sollte.

Luftstreiche

Als Rezitator vertraute Kraus nicht nur Johann Nestroys Gedanken. Er empfahl das Gedeihen seiner Spracharbeit der eigenen, im Augenblick der Artikulation umso überzeugender hervortretenden Geistesgegenwart. Mit nicht geringem Staunen vermerkt man heute, wie sattsam, wie mit derselben Stimmgabel kalibriert, Kraus’ Priesterstimme der volltönenden des Burgtheater-Stars Alexander Moissi aufs Haar gleicht.

Umgekehrt kam Anton Kuh erst auf der Bühne des Stegreifredners ganz zu sich. Mit nichts als einem Cognac-Glas bewaffnet, führte er auf Bretterbühnen in Wien und Berlin spontane Luftstreiche gegen eine Welt, die ihm allein schon deshalb ihre volle Anerkennung vorenthielt, weil Kuh sich gegenüber ihren Verwertungsgesetzen lediglich gleichgültig verhielt. Der Drang auf die Bühne aber, der beiden eigen war, verrät die stärkste aller Abneigungen: diejenige gegen die Stickluft, die in den Redaktionsstuben herrscht. In denen wiederum die Wahrheit gewerbsmäßig entstellt wird, um ihre Fratze den Zeitungsabonnenten umso leichter andienen zu können.

Aus Anlass einer Bühnenbearbeitung begegneten die beiden einander wieder; 1931 hatte ein von Kuh bearbeiteter Lumpacivagabundus an der Berliner Volksbühne Premiere.

Unter den Verrissen, die sich über die offenbar stark „entwienerte“ Zauberposse Johann Nestroys im neu-sachlichen Spree-Milieu herzhaft mokierten, war auch der Artikel eines gewissen Rolf Nürnberg im lokalen 12 Uhr Blatt. Kuh meinte, hinter den Wiener Anspielungen, die stupende, in Berlin unmöglich zu erwerbende Kenntnisse verrieten, eine ganz bestimmte Feder ausgemacht zu haben: diejenige von Karl Kraus. Die Höchststrafe für den anonym gebliebenen Polemiker: Er musste, um die Unterschrift „Rolf Nürnberg“ glaubhaft erscheinen zu lassen, über seinen Schatten springen – und in absichtlich schlechtem Deutsch sein Verdikt über Kuh schreiben.

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