Der Geschichtenerzähler aus Bockov

Geschichten über das abenteuerliche Überleben von Juden während der Shoah gibt es viele. Ein neues Buch schildert das Leben im Schtetl so vollendet, dass man sich an diesen Ort und in diese Zeit hineinversetzt fühlt.
Von Danielle Spera

Es ist eine versunkene Welt, in die Seef Eisikovits im Dezember 1924 hineingeboren wird. Seine Kindheit in Bockov – heute in der Ukraine – wird von ständigen Überschwemmungen beherrscht und dem Sirenengeheul der Fabrik für chemische Produkte, die den Tagesablauf bestimmt. Dazwischen liegt für alle Bewohner ein harter Überlebenskampf, denn arm waren in Bockov alle. Dennoch wuchsen die Kinder mit drei Sprachen auf, Seef Eisikovic hatte als Muttersprache Jiddisch. Ruthenisch war Umgangssprache und Tschechisch Amtssprache. „Mein Name heißt im Jiddischen Wolf, im Tschechischen Wilhelm, im Ungarischen Willi und im Hebräischen Ze’ev“, erzählt Eisikovic.

Die Unbeschwertheit der Kinderjahre nimmt ein Ende, als es 1939 zu den ersten Schmieraktionen gegen Juden kommt, und 1940 auch in dieser Region die „Judengesetze“ in Kraft treten und die ersten Deportationen beginnen. Beim Versuch, Wasser in einen dieser Züge zu schmuggeln, wird Seef erwischt, die Soldaten schlagen ihm zwei Zähne aus. 1941 gelingt es ihm, nach Budapest zu kommen. Seine Mutter gibt ihm zum Abschied den Rat: „Lern was du willst, nur nicht Elektriker“. Sie hatte Angst vor einem Stromunfall, dennoch landete Ze’ev in der Elektrobranche. Seine Ankunft in Budapest beschreibt er so: „Es war September, als ich in Budapest ankam, starker Regen prasselte auf den Asphalt und meine Schuhe wurden nicht kotig. Das machte einen Rieseneindruck auf mich, weil wir in Bockov immer bis zu den Knöcheln im Morast standen. Das zweite Wunder war, dass man das Wasser nicht aus dem Brunnen holen und das Abwasser nicht wegbringen musste. Und das dritte Wunder war die Toilette gleich im Haus.“ Schnell lernt er Ungarisch und findet Arbeit in einer Elektrofirma. 1942 wird sein Vater als Kommunist verhaftet und bei Verhören zu Tode gefoltert. Seef plant, Mutter und Brüder nach Budapest zu holen. Dort aber beginnt die Situation für Juden schwierig zu werden. Das Leben der Mutter endet in Auschwitz, das seines 14- jährigen Bruders Chaim in einem Vergasungslastwagen bei Birkenau.

Seef gerät unterdessen in Kontakt mit dem jüdischen Widerstand, er lernt das Fälschen von Dokumenten und rettet damit vielen anderen das Leben. Mit Glück und Geschick überlebt er Verhaftungen und Folterungen und findet durch Zufall auch seine Jaffa wieder. Nach dem Krieg arbeitet er für zionistische Organisationen, geht nach Israel und heiratet seine Frau. Auf abenteuerlichen Wegen kehren sie nach Österreich zurück. Juden und Nazis in Wien sind für ihn kein Thema. „Es ist dieser Teil Europas, in dem ich mich zu Hause fühle. Wien wurde meine neue Heimat und der Mittelpunkt meines Lebens, der Ort, an dem ich mit Jaffa eine Familie gründete und sich mein Leben abseits von Illegalität und Politik zum Guten wendete.“ Seef Eisikovic wird hier zum erfolgreichen Unternehmer und stirbt 2008 in Wien. Seiner Tochter Tamara verdanken wir einen großartigen Einblick in ein faszinierendes Leben und vor allem in eine Welt, die unwiederbringlich verloschen ist.

Seef Eisikovic:
Erinnerungen eines ehrbaren Fälschers
Picus Verlag, Wien 2010
ISBN-10: 385452661X
21,90 Euro

 

Die mobile Version verlassen