Das Jüdische in mir

„Mit einem Lungenflügel bin ich Jude, mit dem anderen Christ“. Der Tiefenpsychologe und Psychiater von Weltrang, Erwin Ringel, aufgenommen am 11. April 1986. © M. Leckel / APA-Archiv / picturedesk.com

Wer sich Judentum und Christentum als Geschwisterpaar vorstellt, muss auch an Rivalität und Streit denken. Die Pharisäer und Schriftgelehrten aus dem Tempel vertreiben? Erinnerungen an meinen Lehrer Erwin Ringel.

Von Arnold Mettnitzer

Bis Mitte der 1990er Jahre gilt Erwin Ringel in Österreich als „Psychiater der Nation“ und „Beichtvater“ des Landes. Der leidenschaftliche Arzt und engagierte Psychotherapeut ist ein gebildeter Humanist, ein blendender Redner, ein durch und durch politischer Mensch. Ob im Rundfunk oder im Fernsehen, in der Wiener Staatsoper, in der Brucknerhalle in Linz, im Bayrischen Hof in München, vor Auslandsösterreichern in Rom oder im Österreichischen Hospiz in Jerusalem: Ringels Auftritte sind ein Ereignis.

Ringel erklärt, ermahnt, reklamiert und provoziert, präsentiert komplexe seelische Vorgänge in anschaulichen Bildern: „Wer glaubt, eine Kobra dadurch aus seinem Wohnzimmer zu jagen, dass er sie unter den Teppich kehrt, wird feststellen, dass sie dort Eier legt und zur Unzeit als siebenköpfige Hydra wieder unter dem Teppich hervorkommt.“

Als katholischer Priester beginne ich am 10. Juni 1991, in meinem 39. Lebensjahr, bei ihm meine Lehranalyse und damit die Ausbildung zum individualpsychologischen Psychotherapeuten. Ich treffe ihn am Institut für medizinische Psychologie in der Severingasse 9 am Wiener Alsergrund und beginne wie nie zuvor einem fremden Menschen aus meinem Leben zu erzählen. Erst Monate später wird mir die ganze Tragweite dieser Begegnung bewusst: eine Sternstunde und ein Wendepunkt, die entscheidende Wegkreuzung zur Mitte meines Lebens.

Viele gratulieren mir dazu, „Ringels letzter Schüler“ zu sein, andere fragen mich, warum ich mich „ausgerechnet auf diesen verrückten Menschen“ einlasse. Ich fühle mich von ihm verstanden, bin fasziniert von seinem Kampf gegen jede Art von Faschismus und Diktatur, die unter dem Deckmantel der Demokratie Menschen ausbeutet und unterdrückt; der Theologe in mir staunt, mit welcher Leidenschaft der Arzt und Therapeut stolz ist auf den Reichtum jüdischer Kultur und Spiritualität: „Mit einem Lungenflügel bin ich Jude, mit dem anderen Christ“, sagt er zu mir. Und er reibt sich die Hände, als ich ihm antworte, dass es wohl der linke Lungenflügel sein müsse, mit dem er sich als Jude fühlt. Ein Christ, so fachsimpeln wir damals weiter, müsse schon aus Respekt vor den jüdischen Wurzeln des Christentums im Herzen Jude sein; Jüdinnen und Juden sind die älteren Geschwister der Christinnen und Christen. Und wenn ihr Herz groß genug ist, könnten die Christen auch besser verstehen, dass nicht wenige ihrer älteren Geschwister sie für Sektierer halten.

Geschwisterrivalität

Wer die dramatische Geschichte des Verhältnisses von Juden und Christen als „Geschwisterrivalität“ zu verstehen versucht, erklärt damit aber keineswegs die Grausamkeit der jüngeren gegen ihre älteren Geschwister, geschweige denn, dass er sie gutheißen oder gar damit rechtfertigen wollte. Als Ältester in einer Reihe von sechs Geschwistern habe ich eine Ahnung davon, wie leicht sich die Jüngeren benachteiligt fühlen und wie schnell daraus irreparable Schäden entstehen können. Nicht umsonst hat Alfred Adler als Begründer der Individualpsychologie in seiner Arbeit größten Wert auf die Rolle des einzelnen Kindes in der Geschwisterkonstellation gelegt.

Jude Jesus

Wie sehr hätte Ringel in diesem Zusammenhang der Vortrag von Amos Oz am 25. Mai 2017 in Berlin gefallen. Oz erzählte von seinem Großonkel Joseph Klausner (1874–1958), der ihn lehrte, einen anderen Blick auf Jesus zu richten. Und der ihn ermutigte, in Jesus nicht den Gegner zu sehen, sondern als Juden zu betrachten: „Ich selbst“, schreibt Oz in Jesus und Judas: Ein Zwischenruf, „stellte im Alter von sechzehn Jahren fest, dass ich, wenn ich das Neue Testament – oder doch wenigstens die Evangelien – nicht las, unter anderem nie imstande sein würde, die Kunst der Renaissance zu verstehen. Wahrscheinlich würde mir auch die Musik von Johann Sebastian Bach verschlossen bleiben, ebenso wie die Romane von Dostojewski. Aus diesem Grund ging ich abends oft in die Bibliothek und las die Evangelien … und verliebte mich in Jesus, in seine Vision, seine Zärtlichkeit, seinen herrlichen Humor, seine Direktheit, in die Tatsache, dass seine Lehren so voller Überraschungen stecken und so voller Poesie sind. Ich war in keinem Punkt mit ihm einig, doch das ist nun einmal unser Wesen: Sie werden niemals zwei Juden finden, die sich in irgendeiner Sache einig sind. Ja, sie werden kaum jemand finden, der auch nur mit sich selbst im Reinen ist, denn wir sind nun einmal ein wenig schillernde, zwischen Kopf und Herz hin- und hergerissene Persönlichkeiten.“

Bei solchen Sätzen hätte Ringel gejubelt und ausgerufen: „Meine Damen und Herren, jetzt verstehen Sie, warum ein Jude die Neurose entdeckt hat und warum er sie hier bei uns in Wien entdecken musste. In Neapel oder Palermo wäre Sigmund Freud ein einfacher Nervenarzt geblieben.“

Der Religion rät Ringel, die Pharisäer und die Schriftgelehrten aus dem Tempel zu vertreiben, eher Fragen zu stellen als Antworten zu liefern; nicht vor Gott „im Staub“ zu liegen, sondern mit ihm – wie der biblische Hiob – auf Augenhöhe zu kommunizieren; alles andere könne nur „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“ zur Folge haben. Dabei hinterfragt Ringel auch den Ernst und die Trockenheit der christlichen Religion. Schon Friedrich Nietzsche hätte den Christen gerne geglaubt, wenn sie nur erlöster ausgesehen hätten.

Einen Weg dorthin weist der vielgereiste Rabbiner, Autor und Kabarettist Walter Rothschild. In einem Interview mit den Salzburger Nachrichten antwortete er auf die Frage, warum das so vielfach gepeinigte Volk der Juden eine derartige Hochkultur des Witzes entwickeln konnte:

„Ich weiß nicht, ob es wahr ist, ich bin nicht Sigmund Freud, aber ich würde sagen, das Judentum hat große Probleme, irgendjemanden ernst zu nehmen außer Gott. Wir können keinen König ernst nehmen, keinen Rabbiner, keinen Papst. Sie alle sind nur Sterbliche, sie müssen auch aufs Klo gehen … Wenn einer von ihnen sagt, ich bin so wichtig, kann man nur lachen. Natürlich lacht man dabei aus einer schwachen Position heraus, weil die anderen die Macht haben: Aber man muss leben mit diesen Leuten, die sich so ernst nehmen – und die beste Selbstverteidigung ist, sie nicht ernst zu nehmen.“

Verse für keinen Psalter

Ich möcht in dieser Zeit nicht Herrgott sein
Und wohlbehütet hinter Wolken thronen,
Allwissend, dass die Bomben und Kanonen
Den roten Tod auf meine Söhne spein.
Wie peinlich, einem Engelschor zu lauschen,
Da Kinderweinen durch die Lande gellt.
Weißgott, ich möchte um alles in der Welt
Nicht mit dem Lieben Gott im Himmel tauschen.
Mir scheint, ein solcher Riesenapparat
Von Finsternis und Feuerwerk verpflichtet.
Hat Er damit ein Wunder wohl verrichtet,
Wie seinerzeit Er’s in Ägypten tat?
Lobet den Herrn, der schweigt! In solcher Zeit – 
Vergib, o Hirt, – ist Schweigen ein Verbrechen.
Doch wie es scheint, ist seine Heiligkeit
Auch für das frömmste Lämmlein nicht zu sprechen.
Herr Zebaoth spaziert im Wolkenhain
Und schert sich einen Blitz, wie ich das finde.
Ich möcht in dieser Zeit nicht Herrgott sein.
Wie aber sag ich solches meinem Kinde.

Mascha Kaléko

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