Zuflucht in Shanghai

Was verbinden Sie mit Shanghai? Dekadenz, Jugendstil, Opiumhöhlen? Oder Wachstum, Wolkenkratzer, Konsumrausch? Juden assoziieren mit der chinesischen Metropole vor allem eines: das Shanghai der Vierzigerjahre, sicherer Hafen für Tausende, die das NS-Regime fliehen mussten. NU suchte nach Spuren der jüdischen Emigranten im Shanghai des Jahres 2004.
Von Alexia Wernegger

Eines vorweg: Nachfahren österreichischer Juden, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Shanghai eine sichere Bleibe fanden, sind in der heutigen Metropole der Hochhäuser und Highways nicht mehr zu finden. Die jüdische Gemeinde 2004 zählt nur wenige hundert Mitglieder. Sie kommen aus den USA, Kanada, Australien, sind hauptsächlich Geschäftsleute, die es beruflich nach China verschlagen hat.

Und warum ist das so?

„1945 sind sie alle gegangen“, erzählt Fa Liang Wang im Gespräch mit NU. Der Chinese Wang ist heute 85 Jahre alt und wurde in jenem Viertel Shanghais geboren, das später zum jüdischen Ghetto wurde. Als junger Mann arbeitete Wang in einem Café, das von russischen Juden betrieben wurde. Seine Aufgabe war es, Rechnungen auszustellen. Wang lebt heute noch in einem kleinen Haus im ehemaligen Ghetto, das er 1945 einem Juden abgekauft hat. Und: Wang hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Spuren dieser Zeit nicht ganz verschwinden zu lassen. Wang betreut eine kleine Gedenkstätte in der ehemaligen Ohel Moishe Synagoge in der Changyang Road im Stadtteil Hongkou. Vom obersten Geschoß des ehemaligen Tempels sieht man die Dächer des ehemaligen Ghettos. Viel habe sich nicht verändert, so Wang. Nur die Silhouette der Stadt mit ihren hohen Türmen sei anders geworden. Die Ohel Moishe Synagoge ist heute nicht mehr in Betrieb. Jene zwei Thora-Rollen, die die Gemeinde bis 1945 besaß, wurden zu Kriegsende wieder mitgenommen. Die Frauengalerie darf wegen Einsturzgefahr nicht mehr betreten werden. Die hinter der Synagoge gelegene frühere Matzot-Fabrik ist heute ein kleiner Kunstraum. Zu sehen: Werke vor allem jüdischer und chinesischer Künstler, die der Gedenkstätte gespendet wurden. Die eigentliche Gedenkstätte befindet sich im zweiten Geschoß des Gebäudes. Hier erzählen vor allem Fotos an den Wänden vom Schicksal der „Refugees“ in Shanghai. Wang hat einige von ihnen persönlich gekannt. Andere lernte er kennen, als sie viele Jahre nach ihrer Weiterreise in die USA oder Rückkehr nach Deutschland bzw. Österreich dem früheren Exil einen Besuch abstatteten.

Wie es denn nun aber gewesen sei, das Leben als Jude im Shanghai der Vierzigerjahre?

„Sie haben sich alle schwer getan“, erinnert sich Wang. Vor allem, nachdem die Japaner die in alle Teile der Stadt verstreuten Emigranten zwangen, ins Ghetto zu ziehen. „Plötzlich waren sie arm. Sie sind mit nichts hergekommen“, erzählt Wang. „Wir waren es gewohnt, dass man heißes Wasser für ein Bad erst holen gehen musste. Wir waren es gewohnt, kalte Winter ohne gute Heizung zu verbringen. Wir waren es gewohnt, das Essen auf kleinen Öfchen, die auf dem Boden standen, zu kochen. Sie kannten das alles nicht. Für sie war es ein Abstieg, viele haben es nicht ertragen.“

Aber gab es denn nicht auch reiche Familien in Shanghai?

Doch, sagt Wang. Die reichen Familien, sie hießen Sassoon oder Kadoorie. Sie waren bereits im 19. Jahrhundert nach Shanghai gekommen, um hier Geschäfte zu machen, vor allem mit Kaufhäusern und Immobilien. Doch auch der Opiumhandel habe sie reich gemacht, erzählt Wang und lacht dabei. So sei das eben gewesen, damals, in Shanghai. Diese alteingesessenen Familien hätten zwar alles gemacht, um den Neuankömmlingen zu helfen. Die ersten Tage und Wochen konnten die Flüchtlinge etwa in einem „Heim“ verbringen, es wurde für Nahrungsmittel gesorgt, überhaupt für die Versorgung mit dem Nötigsten. Doch auch in Shanghai seien die Zeiten härter geworden, das Exil kein Honiglecken gewesen. Tag für Tag kamen neue Flüchtlinge an, brauchte man doch auf Grund des internationalen Status der Stadt kein Visum zur Einreise. 1943 mussten alle Juden auf Geheiß der Japaner in die „Designated Area for Stateless Refugees“ in Hongkou ziehen. An diese Zone erinnert heute ein Gedenkstein im Huoshan Park, nicht weit von der Ohel Moishe Synagoge entfernt. Statt jüdischer Familien bevölkern heute chinesische Senioren den Park. Unweit des Denkmals spielen sie stundenlang traditionelle chinesische Brettspiele.

Doch zurück in die Vierzigerjahre. Gestapo-Agenten reisten bis ins ferne China, um sich das Ausmaß der jüdischen Emigration anzusehen. 1942 versuchten die Nazis daraufhin, die Japaner – unter deren Kontrolle Shanghai inzwischen war – dazu zu bewegen, ein Konzentrationslager zu errichten. Unter anderem durch Intervention der Amerikaner habe dies verhindert werden können, so Wang. Doch das Ghetto blieb den Flüchtlingen nicht erspart. Wollte man das kleine Gebiet verlassen, brauchte man einen Passierschein, zu ergattern bei einem japanischen Beamten, „der an manchen Tagen total durchgedreht war“, erinnert sich der alte Chinese. Dann habe er geschrien oder auch Ohrfeigen, jedoch keine Passierscheine verteilt. An anderen Tagen wieder sei er äußerst umgänglich gewesen.

Vom „gefürchteten Goya, Herr über die Passierscheinausgabe“ schrieb auch der österreichische Arzt Alfred W. Kneucker, der seine Erlebnisse in der chinesischen Emigration zwischen 1938 und 1945 in dem dokumentarischen Roman „Zuflucht in Shanghai“ geschildert hat. Anschaulich beschreibt Kneucker in diesen Erinnerungen, wie Menschen gezwungen waren, sich plötzlich in einer völlig fremden Welt zurechtzufinden. Ihre angestammten Berufe konnten viele nicht ausüben, es galt, sich neu zu orientieren – was meist mit einem Abstieg verbunden war. „In seiner norddeutschen Heimat hat er an einer Provinzbühne gespielt. Dann verschlug ihn das Schicksal nach Ostasien, und so spielt er nun im Emigrantentheater, ob als Hauptdarsteller im Schauspiel, ob mit Chansons oder nur als Conférencier, immer gleich perfekt. Daneben spielt er eine zwielichtige Rolle in der Gesellschaft der Shanghaier Emigranten. Solange es hier noch Bordelle gab, ließ er seine Frau dort arbeiten. Sie, eine kesse Berlinerin, stieg in diesen Jahren bis zur Direktrice eines solchen Etablissements auf. Erst als die Japaner die Puffs der Europäer in der Stadt sperrten, konnte auch sie sich vom Geschäft zurückziehen. Jeder im Saal weiß das. Niemand nimmt Anstoß daran“, schildert Kneucker.

Zwischen 1933 und 1941 gelangten über 30.000 jüdische Flüchtlinge aus Europa nach Shanghai. Einige waren nur auf der Durchreise, rund 25.000 blieben bis Kriegsende. An die 20.000 davon waren deutsch sprechende Juden. Es waren schon 1939 so viele, dass ein eigenes Register angelegt wurde, um einander zu finden. Es erschien im November des Jahres und trug den Titel „Emigranten Adressbuch für Shanghai“. Im Anhang fand sich ein „Branchen-Register“. Das kleine, rund 150 Seiten umfassende Bändchen mit rotem Einschlag wurde 1995 von einem ehemaligen Exilanten als Faksimiledruck wieder aufgelegt und Fa Liang Wang drückt es einem gerne in die Hand. Der erste Eintrag: Siegbert Abbe, Breslau, Pianist, 990 Bubbling. Der letzte: Josef Zylberstein, Schneider, 24/3 Ward. Dazwischen rund 5.500 Namen, nicht allen ist der Herkunftsort beigefügt, vielen aber doch. Alleine unter dem Buchstaben A finden sich 45 als solche ausgewiesene Österreicher, darunter etwa der Wiener Kaufmann Moses Aberbach, der Dekorateur Josef Amtmann, ebenfalls aus Wien, oder der Grazer Kosmetiker Karl Adler.

Ein bisschen Heimat konnten sie sich alle aber doch schaffen, selbst im Ghetto, erzählt Wang. Kleine Kaffeehäuser erinnerten an zu Hause. Abendliche Theater- und Gesangsvorstellungen boten jene Kultur, die man kannte. Und so erhielt die Gegend in Hongkou bald weitere Namen: Je nach Herkunft der Emigranten sprachen sie vom „Little Vienna“ oder „Little Berlin“. Wo heute in der Huashan Lu, die damals Wayside Road hieß, das Bailaohui Restaurant zu finden ist, war früher das Broadway Theatre und auf dessen Dach das „Vienna Café“. Wang kann sich noch an das kleine Café erinnern, Spuren sind freilich keine geblieben. Der aufmerksame Beobachter findet lediglich ein paar Gassen weiter, in der Haimen Lu stark verblasste Schilder, die zum Einkehren in „Horn’s Imbiss Stube“ oder ins „Café Atlantis“ luden. Wird eines Tages auch das ehemalige Ghetto von Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht werden, um Platz für weitere Hochhäuser oder Shopping Malls zu machen, werden auch diese letzten Erinnerungen an einen relativ sicheren Hafen in einer unsicheren Zeit gelöscht sein.

 

Lektüre und Wissenswertes

Alfred W. Kneucker: „Zuflucht in Shanghai. Aus den Erlebnissen eines österreichischen Arztes in der Emigration 1938-1945″, bearbeitet und herausgegeben von Felix Gamillscheg, Verlag Böhlau, Sonderband, Wien 1984, ISBN 3-205-07241-3

Pan Guang (Herausgeber): „The Jews in Shanghai“, Shanghai Pictorial Publishing House, Shanghai 1995, ISBN 7-80530-177-8

Das „Emigranten Adressbuch für Shanghai“ mit Daten vom November 1939 kann schriftlich angefordert werden bei:

P. O. Box 54750, Northpoint

P. O. Hong Kong

oder bei

Tess Johnston, 1375 Huai

Hai Zhong Lu, Apt. 14-B, Shanghai 200031, China

 

Informationen über die Gedenkstätte in der ehemaligen Ohel Moishe Synagoge sind im Internet zu finden unter: http://www.moishe.sh.cn

Anfragen an die Gedenkstätte können gerichtet werden unter: fyhapple@sina.com

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