Why now, why here?

Von Rosa Grünwald

Die jüdische Identität sei in den USA zwischen 1945 und 1960 im Verschwinden begriffen gewesen. Die Juden in den USA hätten hauptsächlich das Ziel einer vollständigen Integration verfolgt. Amerikaner zu sein hatte oberste Priorität, schreibt Novick. Der Holocaust sei praktisch kein Thema gewesen. Der Paradigmenwechsel begann seinen Untersuchungen nach mit dem Eichmann – Prozess und der Serie Hannah Arendts über die „Banalität des Bösen“ im New Yorker. Auch dass Israel bei dem Sechstagekrieg und dem Jom Kippur-Krieg weltpolitisch isoliert schien, löste bei den Juden Amerikas Bestürzung aus. Als Erklärung dafür diente – laut Novick – die schwindende Erinnerung an den Holocaust. Zur gleichen Zeit begann auch die Diskussion über das Aussterben der jüdischen Identität, erstmals nicht durch Verfolgung, sondern als Folge der Integration der Juden in die amerikanische Gesellschaft, eines sinkenden religiösen Engagements und eines starken Ansteigens der Mischehen. Was sei also zu tun gewesen, um eine Stärkung der jüdischen Identität zu erreichen? Nirgendwo war die Aufsplitterung der Juden so groß wie in den USA. Die Religion konnte also nicht als Verbindung dienen, auch der Staat Israel kam nicht in Frage, da die Positionen zur israelischen Innenpolitik zu weit auseinanderklaffen. Als einziger gemeinsamer Nenner der US-Juden kam also nur der Holocaust in Frage, so Novicks Schluss. Um Hitler nicht einen posthumen Sieg zu gewähren, sei aber eine übersteigerte Holocaust- Erinnerung entstanden. Der Holocaust wurde zu einem Ereignis mythischer Art, er begann sich von der Geschichte zu lösen. Holocaust-Gedenktage werden heute auch in US-Bundesstaaten begangen, in denen die jüdischen Gemeinden nicht übermäßig groß sind. In den vergangenen zehn Jahren sind mehr Berichte zum Thema Holocaust in amerikanischen Medien erschienen als in den 45 Jahren zuvor, ein Holocaust-Museum nach dem anderen wurde eröffnet, Holocaust-Lehrstühle sprangen aus dem Bo d e n . Eine Opferkultur in diesem Ausmaß bezeichnet Novick als unjüdisch, ja sogar als christlich. Den Pfaden durch diverse Holocaust- Museen zu folgen, vergleicht er mit Kreuzwegstationen. Dennoch ist das derzeit meist b es uchte Museum in den USA das Holocaust-Museum in Washington D.C . Wie konnte es dazu kommen, dass der Holocaust einen derartigen Stellenwert auch im amerikanischen mainstream einnimmt? Als Antwort nennt Novick unter anderen die von Antisemiten als Vorwurf missbrauchte Tatsache, dass in den USA Juden eine wichtige und einflussreiche Rolle in der Filmindustrie, im Fernsehen, in den Zeitungen und Zeitschriften und im akademischen Be reich einnehmen. Der Holocaust wurde funktionalisiert und wird mittlerweile als Begriff – abgesehen von der Tagespolitik – sogar schon für den Zustand in Tierfabriken missbraucht. Novick lehnt diese Instrumentalisierung kategorisch ab. Dass es zu solchen Auswüchsen kommen konnte, dafür sei auch das Verlangen der Gesellschaft nach der Erfüllung der spirituellen Bedürfnisse und vor allem u n zweifelhaft auf der Seite des Guten stehen zu wollen verantwortlich. Die Rolle der Erinnerung an schreckliche Ereignisse der Menschheitsgeschichte im Bewusstsein einer Gruppe sei sorgfältig zu überlegen und abzuwägen. „Es wäre ein noch größerer posthumer Sieg für Hitler, würden wir seine Definition von uns selbst als verachtete Pariahs stillschweigend gutheißen und den Holocaust zum herausragenden Ereignis jüdischer Geschichte machen“, schreibt Nov i c k mahnend.

Tenor der Rezensionen in amerikanischen Publikationen: lange überfällig, fesselnd, beunruhigend, aufwühlend, kontroversiell. Diesem Urteil kann man sich nur anschließen.

 

Peter Novick: The Holocaust in American

Life. Houghton Mifflin,

Boston / New York 1999, 373 Seiten

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