Warten auf den Schabbatzaun

Der Wiener Eruv hätte schon 2008 fertig werden sollen, gebaut ist er immer noch nicht. Wer nachfragt, warum, stößt auf Schweigen.
Von Barbara Tóth

„Die Rabbiner haben mich gebeten, nicht in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen, und daran halte ich mich“, sagt der seit kurzem amtierende Präsident der Kultusgemeinde Oskar Deutsch. Mit diesen oder ähnlichen Worten entschuldigen sich derzeit alle, die mit dem Eruv zu tun haben. George Muzicant etwa, der sich um die Finanzierung des etwa eine Million schweren Projekts kümmert. Oder Raimund Fastenbauer, der als IKG-Generalsekretär ebenfalls mit dem Thema befasst ist.

Warum diese Zurückhaltung? Sie wird verständlicher, wenn man die Vorgeschichte des Projektes „Eruv für Wien“ kennt. Gut fünf Jahre ist es her, also vor den letzten Kultusratwahlen im Jahr 2007, als sich eine Initiative für die Schaffung dieser Schabbatgrenze bildete (siehe Kasten). Sie wurde maßgeblich von orthodoxen Frauen getragen, denen am Samstag das Schieben von Dingen, etwa Kinderwägen, verboten ist, und die damit mehr oder weniger ans Haus gebunden sind. Auch ältere Menschen im Rollstuhl sind betroffen. Etwa 2000 orthodoxe Juden leben in Wien, für sie alle brächte ein Eruv eine „deutliche Verbesserung der Lebensqualität“, wie der ehemalige IKG-Präsident Ariel Muzicant damals argumentierte.

Die Kultusgemeinde versprach, die Kosten durch Spenden aufzutreiben und den Eruv umzusetzen, 2008 galt als das Jahr der Verwirklichung. Mit der Stadt Wien wurden Gespräche aufgenommen, denn die Installierung eines Eruvs erfordert viel bürokratische Detailarbeit. Die Wiener Linien, die Stadtbaudirektion, die Magistratsabteilung 33, die ÖBB, das Denkmalamt, sie alle wurden eingebunden. Rund 35 Kilometer soll der Wiener Eruv umfassen, die Bezirke innerhalb des Gürtels sowie der zweite bis zur Ostbahngrenze, der dritte und 20. Bezirk wären damit eingeschlossen. Donauufer und Stadtbahn würden den größten Teil der religiösen Grenze bilden, künstlich zu schließen wäre vor allem jene 7000 Meter lange Strecke, auf der die U6 unterirdisch fährt. Neben bestehenden Lichtmasten müssten etwa 40 zusätzliche Masten aufgestellt und mit einem Draht verbunden werden. Unter Stadtbahnbrücken würden symbolische Torpfosten, so genannte Lechis, angebracht. Die Kultusgemeinde sagte zu, einen eigenen Rabbiner bereitzustellen, der wöchentlich am Donnerstag überprüft, ob die symbolische Schabbatgrenze unversehrt ist. Der Projektverantwortliche der Kultusgemeinde, Maurizi Berger, meinte noch im Oktober 2008, die Planungen befänden sich in der Schlussphase. Doch das Jahr verstrich, ohne dass der Eruv Realität wurde. Dafür entdeckten Rechtsextreme das sensible Projekt für sich. „Juden nehmen Wien in Besitz“, hetzte die inzwischen verbotene Neonazi-Seite www.alpen-donau.info im Sommer 2009. Danach wurde es noch ruhiger um das Projekt.

„Von uns aus ist der Eruv erwünscht und die Vorbereitungen getroffen“, sagt der Pressesprecher des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl, Paul Weiss, zu NU. „Der Ball liegt nun bei der Kultusgemeinde.“ Ähnliches bekommt man auch in den zuständigen Magistratsabteilungen zu hören. „An der Stadt Wien kann es nicht mehr scheitern“, heißt es etwa. Aber derzeit herrsche seitens der Kultusgemeinde „Funkstille“. Hat die Kultusgemeinde den Eruv aus Sorge, Neonazis könnten ihn attackieren oder für demagogische Zwecke missbrauchen, hintangestellt? Hat man die Befürchtung, in der Öffentlichkeit kein Verständnis für eine Installation zu finden, die Strenggläubigen wirklich nutzt, aber für viele Nichtreligiöse, ob jüdisch oder nicht, vielleicht etwas skurril anmuten mag?

Das alles sind auch Gründe für die aktuelle Zurückhaltung beim Eruv, ergaben NU-Recherchen. Gewichtiger ist jedoch, dass der Eruv auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft eine Art Feuerprobe ist. Denn gemäß jüdischen Gesetzen müssen dem Eruv alle Rabbiner zustimmen, und da bekanntlich das Bessere der Feind des Guten ist, besteht die Möglichkeit, dass sich immer einer Rabbiner findet, dem der Wiener Eruv am Ende doch nicht koscher genug ist. Deswegen hat die Kultusgemeinde auch schon einen Eruv- Spezialisten aus New York einfliegen lassen. Und deswegen müssen die Vorbereitungen im wahrsten Wortsinn absolut lückenlos sein. „Das Schwierige dabei ist, die religiösen mit den technischen Details in Verbindung zu bringen“, meinte Projektverantwortlicher Berger schon vor drei Jahren.

Also nicht über den Eruv reden, lautet die Strategie der IKG-Führung, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Lieber will man während der aktuellen Nachrichtensperre alles vorbereiten und die Wiener Schabbatgrenze erst dann öffentlich vorstellen, wenn sie fix und fertig ist. Angeblich soll es diesen Sommer so weit sein – rechtzeitig vor den anstehenden Kultusratwahlen im Herbst.

WAS IST EIN ERUV?
Für religiöse Juden gelten am Schabbat strenge Regeln, etwa das Verbot, Dinge zu schieben oder außer Haus zu tragen. Vor allem orthodoxe Frauen mit Kinderwägen und alte Menschen, die im Rollstuhl sitzen, sind damit de facto zu Hause eingeschlossen. Ein Eruv ist eine symbolische Einfriedung, die ein oder mehrere Stadtviertel umgrenzen kann und sie zum Privatraum deklariert. Damit ermöglicht er diesen Gruppen, sich innerhalb dieser Schabbatgrenze zu bewegen. Eruvim gibt es weltweit etwa 150 (ohne Israel), darunter in New York, Washington und Amsterdam. Konkret besteht er meist aus bestehenden Grenzen, etwa Böschungen, Stadtmauern, Brücken, Flussufern oder Gleisen, sowie Drähten, die die Lücken zwischen diesen schließen bzw. symbolisch Türen und Tore bilden. Wien hatte 1938 schon einmal einen Eruv.

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