Mut zur Lücke

Eva Menasse führte NU an zwei ihrer Lieblingsorte in Wien. Dabei erzählte die Schriftstellerin, warum ihre Heimatstadt sie auch in ihrem dritten Roman nicht ganz loslässt.
Von Barbara Tóth (Text) und Peter Rigaud (Fotos)

Das mit dem Davidstern an ihrer Halskette wird Eva Menasse erst ganz zum Schluss erklären. Jetzt heißt es erst einmal marschieren, denn Menasse ist furchtlos. Nieselregen, starker Wind, beachtliche Absätze an den Schuhen, die sie an den ohnehin schon sehr langen, schlanken Beinen trägt – alles kein Hindernis. Eva Menasse kommt frisch aus Berlin, den Kopf noch voll mit den letzten Korrekturen an ihrem dritten Roman, über denen sie in den letzten Tagen, wie sie sagt, ununterbrochen gesessen ist. Da ist es gut, ein wenig auszulüften.

Wir haben ihr vorgeschlagen, die Stätten ihrer Kindheit zu besuchen. Das ist nicht sonderlich originell, einerseits. Denn jedem, der ihre ersten beiden Romane gelesen hat, wird es schwer gefallen sein, nicht nach den wahren Orten und Personen zu fahnden, die Menasse, manchmal bunt ausstaffiert, manchmal ohne Verkleidung darin aufleben lässt. In Vienna ist es unter anderem der zweite Bezirk, der die Kulisse für die wortreichen Auftritte der Familienmitglieder und ihre vielen Geschichten liefert. Ein Tennisclub im Prater bekommt sogar ein eigenes Kapitel. In Lässliche Todsünden ist es das Wiener Intellektuellenmilieus – oder was sich dafür hält –, sind es die Redaktionen und Lokale, in denen die Protagonisten an sich scheitern. Also jene Szenerie, die Menasse in ihrem ersten beruflichen Lebensabschnitt als Journalistin des Nachrichtenmagazins profil durchquert hat. Orte wie das Café Engländer unweit der Wollzeile im ersten Bezirk, unser Treffpunkt an diesem kühlen Oktobertag.

Mit Eva Menasse durch die Leopoldstadt und den Prater zu spazieren ist also nicht so originell, einerseits. Andererseits: Warum nicht den literarischen Plagiatstest machen? Was ist Fiktion, was ist Realität in ihren beiden Büchern? Wo schrieb die Journalistin, wo die Literatin Menasse? Wie wird man von einer zur anderen?

Auch Eva Menasses neues Buch spielt zum Teil in Wien, zum Teil aber auch schon in Berlin – und vollzieht damit ihren eigenen Lebensortswechsel mit einiger Verspätung nach. Seit über zehn Jahren lebt Menasse mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Kumpfmüller, in der deutschen Hauptstadt. Ihr sechsjähriger Sohn geht dort zur Schule, es gibt ein Wochenendhaus in Brandenburg, die Kinder aus der ersten Ehe ihres Mannes, viele Freunde, und Eva Menasse spricht lupenreines Hochdeutsch mit einem leichten, ganz leichten bundesdeutschen Zungenschlag. So, als habe sie sich angewöhnt, das Wienerische zwecks Verständlichkeit ein wenig zurückzuschrauben.

In ihrem aktuellen Roman schildert Menasse das Leben einer Frau aus den Perspektiven anderer, mit denen die Hauptfigur in verschiedenen, wichtigen Momenten Kontakt hat. Etwa aus der Sicht ihrer besten Freundin als Vierzehnjährige. Mit den Augen des Vermieters ihrer ersten Wohnung, oder ihrer Frauenärztin, die ihre Schwangerschaft feststellt. Nur einmal, als Vierzigjährige, spricht die Hauptfigur in der Ich-Form zum Leser. Eva Menasse ist 42, und das ist kein Zufall.

Die Frage, wie viel autobiografisch an ihrem Schreiben ist und wie viel erfunden, hat sich Menasse oft stellen lassen müssen. Und sie hat sich eine routinierte Antwort zurechtgelegt. „Ich zitiere gerne Marcel Proust, der gesagt hat, er sei zu einfallslos, um etwas zu erfinden. Alles, was man als Künstler macht, hat man irgendwo gesehen und gehört.“ Auch das Jüdisch-Sein, jenes Thema, unter dessen Prämisse Vienna vor allem wahrgenommen wurde und es bis in die wissenschaftliche Literatur geschafft hat, kommt vor. „Am Rande“, sagt Menasse, und das goldene Hexagramm an ihrem Hals strahlt. Menasse war zu lange selber im journalistischen Rezensionsgeschäft, um nicht zu wissen, wie schnell man als Literatin in eine Schublade gesteckt wird. Für Vienna wurde Friedrich Torberg als geistiger Vorvater bemüht, weil ihre anekdotenreiche Familiensaga vor allem als ironisches, humorvolles Stück gelesen wurde.

Dass es auch ein Buch über das bittere Schweigen einer Generation war, und über den Versuch, möglichst viele Worte für andere Geschichten zu finden, um die schrecklichste aller Geschichten nicht erzählen zu müssen, ging dabei manchmal unter. Als „zartfühlende Metzgerin“ musste sie sich bei Lässliche Todsünden bezeichnen lassen, weil sie diesmal kühl sezierend über ihre Protagonisten schrieb, als würde sie die Zwischenmenschlichkeiten des Kulturbürgertums in einem Labor beobachten. Also irgendwo zwischen Sybille Berg und Marlene Streeruwitz.

Und das neue Buch? „Es entwickelt wieder einen ganz eigenen Sound“, sagt sie. „Ich habe dieses Buch als Experiment geschrieben. Wie sehr hängt das, was wir vom anderen sehen, mit uns selbst zusammen? Was muss ich nicht schreiben und es vermittelt sich den Lesern doch? Das ist die Frage, die mich interessiert. Die Lücke, das, was nicht da ist.“

Inzwischen haben wir uns verlaufen, irgendwo am Weg von der Taborstraße in Richtung Karmelitermarkt. „Wissen wir, wo wir sind? Wo ist jetzt der Donaukanal? Da?“, fragt Eva im Gassengewirr. Wie kann es sein, dass sie das Haus nicht mehr findet, das sie in Vienna so eindrücklich beschreibt? Hat sie es nie besucht, bevor sie es in ihrem Roman auferstehen lässt? Von wegen. „Ich war wahrscheinlich fünf, als ich das letzte Mal in dieser Wohnung war. Es war dunkel, es roch nach alten Leuten. Und ich erinnere mich an die Altersflecken auf den Händen meiner Großmutter.“ Diese in Würde gealterte Hand und ihr Ring, der wie ein kleiner goldener Gartenzaun ausschaut, diese Details kommen auch in Vienna vor. Wir stehen jetzt in der Schiffamtsgasse, zwei Hauseingänge vor uns. „Ich glaube, ich muss meinen Vater anrufen, wegen der Hausnummer.“ Würde sie nach Wien zurückkehren, was sehr unwahrscheinlich sei, würde sie hier wohnen wollen, erzählt sie, mitten im Zweiten.

Das Haus mit der Nummer sieben ist unscheinbar. Eva studiert die Namen auf den Schildern neben der Hausglocke. Jetzt anläuten? Undenkbar. „Das habe ich schon als Journalistin nie gewollt“, sagt sie.

Als ich Eva Menasse kennenlernte, vor fast zwanzig Jahren als Praktikantin beim profil, war sie schon ein stiller Star. Sie selber beschreibt ihr damaliges Selbst gerne als schüchtern und scheu. In der Tat war sie keine von diesen polternden Amazonen, die es beim profil damals auch gab, aber sie hatte ihr Genre bereits gefunden. Wann immer es in der Redaktionskonferenz um ein kompliziertes Thema ging, das Einfühlungsvermögen und scharfen Blick gleichermaßen benötigt, richteten sich die Blicke automatisch auf sie. Menasse, damals noch nicht 30 Jahre alt, war angekommen. Beim profil, damals noch das uneingeschränkt wichtigste Nachrichtenmagazin Österreichs, im Journalismus, und überhaupt – im Leben, wenn man so will. Andere hätten sich entspannt zurückgelehnt, die nächsten Jahrzehnte in aller Ruhe runtergespult und ihren kleinen österreichischen Ruhm genossen. Eva Menasse jedoch sprang. Weg aus Wien. Das mit der Schriftstellerei ergab sich dann irgendwie von selbst.

„Ich habe mich von diesem journalistischen Leben wegbewegen müssen, das ich eminent in Österreich hatte. Dann der große Bruder, der berühmte Schriftsteller, der die Möglichkeit, selber literarisch zu schreiben, erst einmal undenkbar machte. Das ist alles mit dem Abstand leichter gefallen, mit dem Fremdsein in der neuen großen Stadt“, erzählt sie, während sie ein Stückchen Susi- Torte im Gasthaus „Schöne Perle“ verkostet. Draußen hat es zu regnen angefangen, wir machen einen Zwischenstopp, bevor wir in den Prater weiterfahren wollen. Eva bäckt die im Wesentlichen aus Schokolade, Eiern und Zucker bestehende Mehlspeise gerne, eben hat sie das Rezept für einen Band beigesteuert, in dem Schriftsteller ihr Lieblingsessen verraten. Es stammt von Eva Menasses bester Freundin Constanze, deren Eltern das Wirtshaus „Rebhuhn“ in Wien-Alsergrund gehört.

Vienna war der Einstieg ins literarische Schreiben, unfreiwillig eigentlich. Menasse wollte immer eine Familiengeschichte schreiben, eine kleine, ordentlich nachgeforschte Fibel, aber bei ihren ersten Recherchen musste sie feststellen, dass es einfach nicht genug handfestes Material gab. Also wich sie aus, in die Welt der Erinnerungen, Erzählungen, Übertreibungen und Phantasie. Anfangs fiel ihr das nicht leicht.

Schriftstellerei und Journalismus können sich wunderbar ergänzen. Es gibt großartige, literarisch inspirierte Journalisten. Die Beat-Generation rief den „New Journalism“ aus, bei dem Subjektivität, das Wörtchen „ich“ und auch sonst recht viel erlaubt war. Anfang der 1990er-Jahre tauchten in Deutschland die „Pop- Literaten“ auf, und man konnte sich bei ihnen nie ganz sicher sein, was wahr ist und was nur gut erzählt.

Aber im Grunde ist Journalismus, zumindest in der Form, wie er im profil praktiziert wurde, das Gegenteil von Literatur. Jedes Faktum muss stimmen, Details müssen sitzen. Interpretationen und Ausschmückungen sind natürlich erlaubt, aber am Ende muss eine Geschichte „halten“ – sprich: überprüfbar sein.

Für eine gelernte Journalistin wie Eva Menasse kann das heißen, dass man sich das Geschichtenerfinden erst wieder erarbeiten muss. Ihr Schreibtag ist streng geregelt. Kind in die Schule, dann ab in die Staatsbibliothek, dort immer derselbe Tisch, Laptop mit Schloss am Tischbein angekettet, damit man in die Kantine gehen kann, die laut Menasse „grauenhaft schlecht“ ist, was wiederum zu hoher Arbeitsmoral führt. „In den letzten Jahren habe ich mich freigeschwommen beim Schreiben. Ich vertraue viel mehr dem, was ich erfinde, als dem, was ich recherchiere. Am Anfang fiel es mir schwer, bis ich merkte, dass ich völlig rücksichtslos sein kann. Der Leser muss sich nur auskennen. Das Interessante ist das, was sich der Leser hinzudenken kann. Das was fehlt, um das geht es in guter Literatur.“ Um die Lücke, einmal mehr.

Eva Menasse kann sehr schnell losrennen, wenn es darum geht, eine Straßenbahn zu erwischen, selbst mit ihren hohen Absätzen. Wir fahren mit einem alten 1er-Wagen, der mit dem geriffeltem Holzboden und dem kleinen Vorsprung am Ende, auf den man sich setzen kann und bei gekipptem Fenster frische Luft abkriegt. Wir sind auf dem Weg zum Tennisclub im Prater, wo sie viele Sommertage ihrer Kindheit verbracht hat. Gefühlt beinahe alle. Wir werden dort ihren Vater durchs Fenster beobachten, der im Clubraum Karten spielt wie jeden Nachmittag. Wir werden noch auf die verwitterte, steinerne Tribüne klettern, die sich der Auwald nach und nach zurückerobert hat, und deren Nischen und Unterstände für die Schriftstellerin den Abenteuerspielplatz ihrer Jugend bildeten. Ganz so, wie sie es in Vienna beschrieben hat.

Jetzt ist es aber Zeit, die Geschichte des Davidsterns an ihrer Halskette zu erzählen. Er ist nicht symmetrisch, sondern leicht verzerrt, aus zwei übereinander liegenden Dreiecken geformt, das eine gebürstet, das andere poliert. Menasse hat ihn bei ihrem ersten Israelbesuch in Tel Aviv gekauft. Plötzlich stand sie vor der Auslage dieses Goldschmieds und sah ihn darin liegen. Er ist aus reinem Gold. Sie ging dreimal hin, bevor sie wagte, ihn zu kaufen. „Findest du das peinlich, so etwas zu kaufen?“ fragte sie ihre israelische Freundin, die ursprünglich aus Wien stammt. Irgendwie sei das ja, wie in Bayern mit einem Kreuz herumzurennen. Sie antwortete, wenn sie ihn gerne möge, warum nicht? Nur Menasses Vater hatte (erst) Schwierigkeiten damit. „Er war fast schockiert, weil er vermutlich Angst hat, dass mir jemand etwas antut. Man soll sich nicht ausstellen, das ist die Prägung seiner Generation.“ Ein deutscher Freund meinte, er fände religiöse Symbole generell blöd. „Ist aber ein politisches“, war Eva Menasses Antwort. Eine kleine Form von Nationalismus. „Denn dass es dieses Land gibt, bei aller Problematik der Politik der israelischen Regierung, hat eine große Bedeutung für uns alle.“ Der Schriftsteller Robert Schindel neckt sie, wenn er sie damit sieht. „Na, na, na“, murmelt er dann, was übersetzt wohl so viel heißen soll wie „Ist das nicht etwas übertrieben?“ Eva Menasse trägt ihren Stern nahezu jeden Tag.

Eva Menasse
Quasikristalle
Roman
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum:
14. Februar 2013
432 Seiten, 20,60 EUR

Die mobile Version verlassen