Mein Onkel, der Hollywoodstar

Der aus einer altösterreichisch-jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Franz Lederer ging in die Welt hinaus, um Schauspieler zu werden. Er drehte in Hollywood mit Legenden wie Ginger Rogers, Maureen O’Hara, Olivia de Havilland, Claudette Colbert und Edward G. Robinson – und unterrichtete mit 100 Jahren noch an einer Schauspielschule in Los Angeles. NU-Autor Georg Markus erinnert sich an seinen außergewöhnlichen Verwandten.
Von Georg Markus

Es zählte zu den aufregendsten Momenten meiner Kindheit, wenn Onkel Francis nach Wien kam. Er erschien, als wäre er von einem anderen Stern. Ein Bild von einem Mann, ein berühmter Schauspieler, der in einer Reihe von Hollywoodfilmen Hauptrollen gespielt hatte und dem die Frauen zu Füßen lagen, der privat aber bescheiden und liebenswürdig geblieben war. In seinen späten Jahren lernte ich ihn dann auch als charmanten Herrn der alten Schule kennen.

Eines Tages stand wieder sein dunkelblauer Chevrolet vor unserer Haustür im vierten Bezirk. Was mich mit meinen acht Jahren am meisten faszinierte, war das elektrisch versenkbare Dach des amerikanischen Straßenkreuzers. Die Türen öffneten sich wie von Geisterhand, wir stiegen ein und schon brauste der offene Wagen zum großen Erstaunen unserer Nachbarn los. Rasend schnell ging’s über die Argentinierstraße in die Stadt, wo wir vor dem Sacher hielten, in das Francis uns zum Mittagessen lud. Man muss sich vorstellen, dass wir das Jahr 1959 schreiben, meine Eltern einen kleinen Fiat 600 besaßen und unsere Familie im Normalfall bestenfalls im nahen Gasthaus Sperl einkehrte. Doch wenn Onkel Francis mit seinem Cabrio kam, war alles anders.

Ein Filmstar zu werden, war Franz Lederer, als der er am 6. November 1899 in Karolinenthal bei Prag zur Welt kam, nicht in die Wiege gelegt worden. Seine Mutter Rose und meine Großmutter Ida waren Schwestern (zwei von insgesamt 16 Kindern der Familie Ornstein aus dem mährischen Städtchen Trebitsch). Sein Vater Josef Lederer war – als wär’s eine Posse von Nestroy – Lederhändler und brachte seine Familie nur recht und schlecht über die Runden. Franz wollte nie etwas anderes als Schauspieler werden und trat, als er Lehrling in einem Prager Tuchgeschäft war, abends als Statist am Deutschen Theater auf. Im Ersten Weltkrieg Korporal der k. u. k. Armee und danach Absolvent der Prager Schauspielakademie, fand er seine ersten Engagements in der böhmischen Provinz. „Als Schauspieler“, erzählte er mir, „musste man damals noch selbst die Bühnenkleidung mitbringen, wobei Smoking, dunkler Anzug und Sportsakko die Grundausstattung waren. Einmal bot mir mein Direktor eine Rolle an, für die ich ein weißes Dinnerjacket benötigte. Ich hatte keines und natürlich auch nicht das Geld, eines zu kaufen. Da ging ich einfach zum nächsten Friseur, borgte mir einen Arbeitskittel aus und trat damit als adeliger Herr im Dinnerjacket auf.“

Infolge seines blendenden Aussehens spielte Franz Lederer anfangs fast nur Liebhaberrollen, seinen Durchbruch als Charakterdarsteller feierte er 1928, als ihn Max Reinhardt in seine Inszenierung als Romeo ans „Berliner Theater“ holte, Elisabeth Bergner spielte die Julia. Im selben Jahr wurde auch der Film auf ihn aufmerksam: G. W. Pabst engagierte ihn für die Wedekind-Verfilmung Die Büchse der Pandora, und als der Tonfilm kam, konnte er im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern aufgrund seiner Theatererfahrung seine Karriere fortsetzen. So stand er in Atlantic – einer frühen Verfilmung des Untergangs der Titanic – mit Fritz Kortner und Willi Forst vor der Kamera.

Ich mache jetzt einen großen Sprung ins Jahr 1999, in dem Francis Lederer in erstaunlicher Frische seinen 100. Geburtstag feierte. Nein, nicht er feierte – er wurde gefeiert, als eine der letzten Legenden von Good Old Hollywood. Als ich eine Einladung zu den Geburtstagsfeiern erhielt, sagte ich zu meiner Tante Flora: „Stell dir vor, der Onkel Franz wird hundert!“ Worauf Flora mit einem Satz reagierte, der von der Tante Jolesch stammen könnte: „Was, der Franz wird hundert? Dabei gehört er gar nicht zum langlebigen Teil unserer Familie.“

Tante Flora war damals selbst immerhin stolze 98 Jahre alt.

Ich flog mit meiner Frau zu den 100-Jahr-Feiern und nützte die Gelegenheit, um gemeinsam mit meiner Kollegin Kris Krenn ein Porträt über Onkel Francis zu drehen, das unter dem Titel Älter als Hollywood (das war er ja wirklich) im ORF ausgestrahlt wurde.

Während der Name Francis Lederer in Europa vergessen ist, ist er in den USA immer noch ein Begriff. Natürlich war er weder Cary Grant noch Clark Gable, er spielte eher in der Klasse Ronald Reagan, aber er hatte (und hat) eine riesige Fangemeinde – und natürlich einen Stern am Hollywood Boulevard. Für das Fernsehporträt befragten wir Patrick Macnee, seinen Freund und Nachbarn in Palm Springs, der durch die Serie Mit Schirm, Charme und Melone weltberühmt wurde. Und er sagte, dass „die Filme von Francis seit einigen Jahren wieder in den großen Nostalgie-Kinos und -Fernsehkanälen zu sehen sind und dort richtigen Kultcharakter haben“.

Francis Lederer hatte mit seinen 100 Jahren so gar nichts von einem Greis an sich. „Ich fühle mich nicht alt“, sagte er im schönsten Burgtheaterdeutsch, das er immer noch beherrschte. Apropos: Dass er 1929 ein Angebot vom damaligen Burgtheaterdirektor Franz Herterich ablehnen musste, weil er bereits einen anderen Vertrag unterschrieben hatte, das ärgerte ihn – obwohl seither 70 Jahre vergangen waren – immer noch. „Ja, am Burgtheater hätte ich gerne gespielt, dass wäre die Krönung gewesen.“

Stattdessen holte man Francis zwei Jahre nach seinem Berliner Romeo als Theaterstar ans Londoner Westend, woran er sich lächelnd erinnerte: „Ich konnte kein Wort Englisch und musste alles phonetisch lernen. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man die Hauptrolle spielt.“ Von London ging’s – das alles war noch vor Hitlers Machtergreifung in Berlin – an den Broadway, und 1933 bekam er einen Vertrag von „Paramount Pictures“, für die er bald seinen ersten Hollywoodfilm Man of Two Worlds drehte, dem rund 30 weitere folgten. Schon in seinem dritten amerikanischen Film, Romance in Manhattan, spielte er den Liebhaber von Ginger Rogers, die damals durch ihre Musicalfilme an der Seite von Fred Astaire zu den größten Stars der Filmmetropole zählte.

Wir besuchten Francis in seinen Villen in Los Angeles und Palm Springs, wo auf dem Schreibtisch ein gerahmtes Foto stand, das ihn gerade zu einem Kuss mit Ginger Rogers ansetzend zeigt. „Hast du sie wirklich geküsst?“, fragte ich ihn. „Natürlich“, antwortete er, sie war doch ein bezauberndes Mädchen.“ Und seine dritte Frau Marion saß neben ihm und lachte: „Unsere Ehe hält seit 60 Jahren, weil ich nie eifersüchtig war.“ In Midnight ließ Billy Wilder, der das Drehbuch schrieb, die weibliche Hauptdarstellerin Claudette Colbert zu Francis sagen: „Du darfst niemals heiraten! Es würde zu viele Frauen enttäuschen.“

Dass die Frauen schon in Prag, Wien und Berlin auf ihn flogen, hatte mir noch meine Großmutter („die Tante Ida“, wie er sie nannte) erzählt. Und Bruno Kreisky, dessen Mutter wie die Ornsteins aus Trebitsch stammte, erinnert sich in seinen Memoiren: „Als sich das Gerücht verbreitete, dass Franz Lederer nach Trebitsch komme, um dort seinen Urlaub zu verbringen, hätte man meine sehr hübschen Cousinen am liebsten eingesperrt. Der Tag kam, er erschien, und es war wie aus einem Film. Er trug einen Strohhut, den berühmten Girardihut, einen karierten Anzug mit einer auffallenden Krawatte und schwarze Lackschuhe. Die Blicke der Frauen richteten sich nur noch auf ihn.“

In der Nazizeit verhalf Francis Lederer deutschen, österreichischen und tschechischen Juden zur Flucht in die USA, indem er reihenweise „Affidavits“ ausstellte. Politisch betätigte er sich durch Gründung der „World Peace Federation“, deren Friedensforderung von mehr als einer Million Menschen, darunter vielen Hollywoodstars und sogar Präsident Franklin D. Roosevelt, unterzeichnet wurde. Den Weltfrieden konnte er freilich nicht retten, dafür wurde Francis infolge seiner pazifistischen Einstellung, wie viele seiner Kollegen, der Kollaboration mit den Kommunisten beschuldigt, später aber freigesprochen.

Als es Anfang der 1960er-Jahre mit seiner Filmkarriere zu Ende ging, wechselte Francis zum Fernsehen, spielte in Serien wie Chicago 1930 – The Untouchables , führte Regie in 77 Sunset Strip und unternahm weltweite Theatertourneen, wobei sein größter Erfolg die Rolle des Vaters in Das Tagebuch der Anne Frank war.

Im hohen Alter sah er immer noch blendend aus. Groß, schlank und kerzengerade saß er da, sein Gesicht strahlte etwas Spitzbübisches aus und er freute sich über die Gnade, in Gesundheit alt sein zu dürfen. „Ich habe nie Alkohol getrunken“, verriet er, „wenig geraucht, nehme seit 70 Jahren Vitamin-E-Kapseln und drehe immer noch jeden Tag ein paar Runden auf dem Zimmerfahrrad. Aber das Wichtigste für mich ist die Schauspielschule. Die Arbeit mit den jungen Leuten hält mich jung.“

Tatsächlich ließ sich Francis mit seinen 100 Jahren noch jeden Dienstag in die von ihm gegründete und geführte „American National Academy of Performing Arts“ nach Los Angeles chauffieren, in der er von 19 bis 22 Uhr angehende Schauspieler unterrichtete. Seine berühmteste Schülerin war Oscar-Preisträgerin Helen Hunt, auf die er natürlich „sehr stolz“ war.

In den Tagen um seinen 100. Geburtstag stand Onkel Francis im Mittelpunkt mehrerer Partys. An einem der Abende erhob er sein Glas, dankte für die Glückwünsche und erklärte in einer kleinen Rede, dass er mit seinem Leben rundum zufrieden sei. „Man sollte nur ein bisschen jünger sein“, sagte er. „So um die 90 vielleicht.“

Als ich mich nach vielen Gesprächen, die immer wieder durch seinen Unterricht und organisatorische Tätigkeiten an der Schauspielschule unterbrochen wurden, verabschiedete, fragte ich ihn, ob ihn die Interviews nicht ermüdet hätten. „Ermüdet?“, wunderte er sich, „ich bitte dich, ich habe doch heute noch gar nicht richtig gearbeitet.“

Francis Lederer legte sich am Abend des 24. Mai 2000, wenige Tage nach seinem letzten Unterricht an der Schauspielschule, in seinem Haus in Palm Springs nieder und wachte am nächsten Morgen nicht mehr auf. Er stand in seinem 101. Lebensjahr und hatte drei Jahrhunderte erlebt.

 

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