Der Sturm verweht die Wörter

Knapp vor Redaktionsschluss erreichen uns die Meldungen über die bestialischen Attentate von Paris. Wieder, wie nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, wie nach den vielen anderen grauenhaften Morden an unschuldigen Menschen überall in der Welt, leiden wir mit und fühlen uns hilflos. Auch das zweite, zuletzt alles beherrschende Thema, jenes der hunderttausenden Flüchtlinge, löst Ratlosigkeit aus. In den sozialen Netzen, in Medienkommentaren oder in Gesprächen mit Freunden gehen die Emotionen hoch, wird Schuld zugewiesen, werden vermeintliche Lösungen propagiert.

Aber in Wahrheit sind wir mit unserem Latein am Ende, finden auch keine gemeinsame europäische Sprache und verstehen schon gar nicht das Arabische. Was uns in der Beurteilung unterscheidet, ist nicht das bessere sachliche Wissen darüber, wie es weitergehen könnte, sondern es sind aus unserer jeweiligen psychischen Gefasstheit entstehende Emotionen, die in scheinbare Sachargumente übersetzt werden. Und niemand ist frei davon. Wer Angst in Zorn und Raserei auslebt, fantasiert Stacheldraht und Schießfreigabe. Andere werden von Mitleid überwältigt, ignorieren das Böse und ergehen sich in der Fantasie, alle Wunden heilen zu können. Und dazwischen gibt es alle Spielarten der Verdrängung, Verschiebung, Abwehr und anderer Mechanismen, mit deren Hilfe Menschen das reale Grauen in den Untergrund ihres psychischen Systems verbannen.

Wir alle sind von der großen Sehnsucht beherrscht, die Angst loszuwerden. Doch ahnen wir zur gleichen Zeit, dass wir in einen unberechenbaren und unaufhaltsamen Orkan geraten sind, der noch lange toben wird und dessen Kraft sich nicht einschätzen lässt.

Ob EU-Kommissäre oder Regierungsmitglieder, Landeshauptleute oder Bürgermeister, auch sie alle sind überfordert. Wehe, sie sagten das offen, ein Sturm der Entrüstung von jenen würde sie hinwegfegen, die glauben, es gäbe einfache Rezepte für jede Krise. Nein, sie müssen staatstragend Hoffnung versprühen, die ihnen niemand abnimmt, weil man in ihren Augen die Resignation und die Verzweiflung sieht.

Zäune bauen, auf Leute schießen oder alle willkommen heißen, nichts wird funktionieren. Längst ist uns das Gesetz des Handelns entglitten. Die Methode der kühlen Analyse, an die wir aufgeklärten Bürger so sehr glauben, versagt angesichts des unaufhaltsamen Stroms von Menschen, die vor Krieg und Hunger flüchten, und ebenso vor der Bestialität von kranken Kindern, die sich selbst in die Luft sprengen und für Ziele morden, die uns unverständlich sind. So reden wir, schreien uns an, suchen nach Ursachen und Rezepten. Doch schließlich bleibt zu jedem Satz ein Gegensatz, zu jeder These eine Antithese. Nur der alles erlösende Satz, die wunderheilende Synthese gibt es derzeit nicht.

Die Angst ist der große Zuchtmeister in diesen Monaten und Wochen. Sie wird die Populisten auf den Schild heben, in der verzweifelten, ja kindlichen Hoffnung, dass starke Führer etwas ändern könnten. Sie werden Europa zu einem Kontinent der einzelnen Festungen machen. Seit das syrische Volk aus seinem Land flieht und sich gleich ihm Menschen aus vielen anderen Regionen des Nahen Ostens und Afrikas auf den Weg gemacht haben, wissen wir ohnehin, dass das geeinte Europa mit gemeinsamen Werten bloß eine schöne Illusion war.

Nein, dieser Kommentar hat keinen versöhnlichen Abschluss. Mitten im Sturm kann man nicht sprechen, weil das Tosen das Wort übertönt, und weil die überschäumenden Gefühle das Denken lähmen. Zur Zeit können wir den Grausamkeiten nur die Gewissheit entgegensetzen, dass Menschlichkeit der einzige Samen ist, der Leben zum Blühen bringt. Das ist der eine große Wert, um den wir voraus sein können.

Vor kurzem war Jennifer Teege in Wien. Sie ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers, wurde von Adoptiveltern großgezogen und hat danach in Israel studiert. Im Alter von 38 Jahren erfuhr sie, dass ihr Großvater der KZ-Kommandant Amon Göth war. Der Gegenspieler von Oskar Schindler war für den Tod von zehntausenden Menschen verantwortlich. Teege verarbeitete diesen Teil ihrer Herkunft in einem Buch mit dem Titel Amon – mein Großvater hätte mich erschossen. In einem Interview mit der deutschen Welt sagte sie: „Im Holocaust ist ein Thema verpackt, das uns alle betrifft, und das ist die Menschlichkeit. Jeder sollte darüber nachdenken, wie er sich für mehr Menschlichkeit einsetzen kann.“ Und ja, das ist auch die einzige sinnvolle Botschaft, die ein jüdisches Magazin hinaussenden kann in den tobenden Sturm.

Chanukka Sameach,
Ihr Peter Menasse
Chefredakteur

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